230 Konstanzer Karstadt-Mitarbeiter schauen nach Essen

Verzicht auf „Phantom“-Gewerbesteuer war Voraussetzung für Rettung des Konzerns

Konstanz (wak) Raimund Franke, Filialgeschäftsführer von Karstadt in Konstanz, und 230 Mitarbeiter, die sonst lieber Kunden beim Kauf von Joggingschuhen, Bademode oder Bratpfannen beraten, Meeresfisch einpacken oder frischen Erdbeerkuchen in die Verkaufstheke schieben, schauen heute bang nach Essen. In Essen tagt seit dem späten Vormittag der Karstadt-Gläubigerausschuss. Es geht um die Rettung des insolventen Warenhauses und indirekt auch um die Arbeitsplätze der Beschäftigten in Konstanz.

Karstadt-Käufer-Suche

Drei Kaufangebote liegen für die insolvente Kaufhauskette Karstadt vor. Die Bieter heißen Highstreet, Bergruen und Triton. Der Gläubigerausschuss muss jetzt die Gebote der möglichen Investoren prüfen. Dann entscheidet er, wer Käufer der Kette mit 120 Häusern und 25.000 Mitarbeitern werden kann. Spätestens in der kommenden Woche wird eine Entscheidung fallen. Fände sich kein Käufer, würde der Konzern wohl zerschlagen.

Verzicht als Bedingung für Rettung

Lange stand der Insolvenzplan auf der Kippe. Gläubiger – Lieferanten, Dienstleister und Vermieter – sowie Mitarbeiter mussten auf viel Geld verzichten. Sie haben zusammen sogar auf Millionen Euro verzichtet, um das Überleben von Karstadt zu sichern. Ohne Forderungsverzicht hätte es keinen Insolvenzplan und keine Rettung des Konzerns gegeben.

94 Städte verzichten auf Besteuerung von „Phantomeinnahmen“

Auch 94 deutsche Städte, darunter Singen und Konstanz, haben verzichtet. Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg hatte von den 94 Städten mit Karstadt-Filialen Gewerbesteuerforderungen von insgesamt bis zu 140 Millionen Euro zu erlassen. Der Verzicht war freilich keine große Geste der Städte. Denn eigentlich gibt es gar keinen Gewinn, für den Karstadt Gewerbesteuer zahlen müsste. Es gibt nur eine Art Scheingewinn in der Bilanz.

Karstadt nur „Phantomsteuern“ erlassen

Raimund Franke ist es wichtig, das den Konstanzern einmal zu erklären. Die Sache ist nämlich die: Nur weil Gläubiger und Mitarbeiter auf Geld verzichten, kommt Karstadt überhaupt wieder in die schwarzen Zahlen und wird gewerbesteuerpflichtig. Die Gewerbesteuer können die Kommunen andererseits aber nur einnehmen, wenn das Unternehmen weiter bestehen bleibt. Erlassen werden also, so sagt es Franke, nur „Phantomsteuern“. Klar ist, ohne das Geld der Städte gebe es keine Rettung. Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg hat scharf gerechnet und so zu sagen auf Kante genäht. Die Rechnung geht so: Ohne Mitspielen der Kommunen kein Insolvenzplan und keine Rettung des Konzerns und deswegen auch überhaupt keine Gewerbesteuerzahlungen mehr. Die Oberbürgermeister haben verstanden.

Konzern hat in Konstanz 230 Mitarbeiter

Karstadt in der Konstanzer Hussenstraße und Karstadt-Sport im Lago gehören zu den profitablen Karstadt-Filialen. Das steht außer Frage. Für Franke ist aber klar: Wenn es weitergehen und der Konzern nicht zerschlagen werden soll, muss das ganze Unternehmen gerettet werden. An das Überleben einzelner Häuser will er momentan nicht denken. Ein Aus von Karstadt in Konstanz wäre ein Schock für die Kunden und für die ganze Stadt. Besonders hart treffen würde es die Belegschaft. Doch betroffen wären nicht nur die 230 Mitarbeiter von Karstadt, sondern etwa 500 Jobs, die gefährdet wären. Denn auch die Arbeitsplätze von Reinigungskräften, Handwerkern oder im Kaufhaus-Kiosk hängen von Überleben des Konzerns ab.

Muße zum Rasen mähen

Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg kokettiert gern mit dem Satz, dass er daheim Rasen mähen wolle, wenn Karstadt gerettet ist. Ob die 230 Mitarbeiter und Karstadt-Chef Raimund Franke vielleicht schon an diesem Wochenende die Muße haben, Rasen zu mähen, Unkraut zu jäten oder Sommerblumen zu pflanzen, entscheidet sich in den kommenden Stunden in Essen.

Zum Thema Karstadt-Verkauf und Interessenten:

http://www.stern.de/wirtschaft/news/bergruen-triton-highstreet-wer-nimmt-teil-am-bieterpoker-um-karstadt-1569801.html

http://www.ftd.de/unternehmen/handel-dienstleister/:highstreet-triton-berggruen-endspurt-zu-dritt-um-karstadt/50119683.html

Fotos: wak

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