Adieu Spielzeit! Auf ein Wiedersehen nach dem Sommer!

Nachgefragt beim Konstanzer Theaterintendanten Christoph Nix

Konstanz. Die Theaterspielzeit neigt sich ihrem Ende zu. Ladies & Gentlemen haben bald ausgekämpft. Sobald der Vorhang auch im Überlinger Sommertheater gefallen ist, heißt es „Adieu Spielzeit!“.  See-Online hat das Konstanzer Theater in den vergangenen Monaten begleitet, gelegentlich vorbeigeschaut und auf spannende Stoffe und Inszenierungen hingewiesen. Ein paar Fragen an den Konstanzer Theaterintendanten Christoph Nix hätten wir aber dann noch, bevor auch wir dem Theater tschüss sagen – und auf ein Neues im Oktober.

See-Online: Ein paar Wochen ist es her, da haben wir ein Interview mit Ihnen in der taz gelesen. Wir dachten bisher immer, Theaterintendant sei ein Fulltimejob. Was glauben Sie, wie viele der Konstanzer Theaterzuschauer ahnen, dass Sie nebenbei Straf- und Bühnenrecht an der Uni Bremen lehren und woher nehmen Sie bloß die Zeit?

Christoph Nix: Ich arbeite 14 Stunden täglich und in Bremen bin ich zwei Mal im Jahr. Solange ich gesund bin, hat mir das nicht geschadet, es ist schön so vielseitig und produktiv sein zu dürfen. Ich gehe aber auch nicht mehr zu allen Empfängen, wenn es langweilig wird, haue ich ab und lese lieber.

See-Online: Was lehren Sie Ihre Studenten, wenn Sie über Bühnenrecht sprechen?

Christoph Nix: Im Moment unterrichte ich nur Jugendstrafrecht, ein Wochenende pro Semester, mehr schaffe ich nicht. Aber ich habe ein Standardwerk über den Tarifvertrag Bühne geschrieben, es erscheint im Herbst bei Nomos.

See-Online: Mögen Sie den Sommer eigentlich und besonders, wenn er schon im April anfängt? Bei nachtkritik.de hat sich ein Kritiker zu folgender Feststellung hinreißen lassen: „Die Spiegelhalle grenzt ans Seeufer und in warmen Sommernächten auch an volle Biergärten; die Fährschiffe ankern am Hafen, in Sichtweite schlendern Touristen mit Markentaschen, die dann die Cafés bevölkern. Damit konkurriert das Theater: mit der schönen Welt der leichten Abende.“ Thorleifur Örn Arnarssons „König Lear“ hat der Kritiker verrissen und für sich entschieden: „Es langweilt. Man wünscht sich, etwas von dem Leben da draußen komme herein.“ Hat es das Konstanzer Stadttheater – abgesehen von der Kritik am Stück – schwerer als andere Häuser, wenn es im Sommer gegen laue Sommerabende anspielen muss?

Christoph Nix: Ja, hat es, daher müssen wir auch mehr produzieren, der See und die Berge sind so schön, dass die Menschen lieber draußen baden oder wandern statt in Theaterräume zu gehen. Und manchmal gelingt es uns, diese beiden Pole zu verbinden, so zum Beispiel beim alljährlichen Sommertheater in Überlingen, bei dem die Zuschauer in lauen Sommernächten mit der Fähre über den See setzen, um sich dann unsere Theateraufführung – in diesem Jahr ist es der Woody Allen-Klassiker „Spiel’s nochmal, Sam“ – in der Kapuzinerkirche anzuschauen. Ein ähnlicher Coup ist uns mit der Uraufführung der Kammeroper „Mord auf dem Säntis“ gelungen, die wir direkt am Originalschauplatz auf dem Schweizer Säntis in 2502 Metern Höhe aufgeführt haben.

See-Online: Da wir gerade über Nachtkritik sprachen.  Auf seiner Startseite bittet das Portal um Spenden. Das Blog lässt sich anscheinend nicht wirtschaftlich betreiben. „Die 25.000 Euro, die wir brauchen, sind noch nicht zusammen“, heißt es da. Und: „nachtkritik.de ist kostenlos. Aber nachtkritik.de kostet Geld. Deswegen ist nachtkritik.de auf die Solidarität seiner Nutzer angewiesen.“ Haben Sie gespendet? Mögen sie das Portal überhaupt oder würde es Ihnen reichen, wenn Sie Rezensionen Ihrer Stücke im Südkurier lesen können?

Christoph Nix: Soviele Fragen auf einmal.

Ich schätze nachtkritik sehr, über Gutes spricht man nicht, man tut es. Lesen sie die Kritik in der NZZ und im Südkurier zur Säntisoper, dann wissen sie was guter und was schlechter Journalismus ist.

See-Online: Die gedruckten Tageszeitungen verlieren an Bedeutung. Jüngere informieren sich immer öfter im Netz. Das Konstanzer Theater twittert und ist auch im Sozialen Netzwerk Facebook anzutreffen. Die Zahl der Follower und Freunde ist erstaunlicherweise eher bescheiden. Woran liegt’s? Gehen Nerds und junge Leute nicht ins Theater?

Christoph Nix: Da muss ich Ihnen widersprechen, wir haben 1.500 Freunde in sozialen Netzwerken, das ist für ein kleines Stadttheater sehr viel.

See-Online: Wie wichtig ist es, dass sich das Theater auch im Web präsentiert und auf lokalen Blogs vorkommt?

Christoph Nix: Ausgesprochen wichtig, ob See-online, seemoz oder auch Dornröschen, da kommen wir vor und sehr gut weg.

See-Online: Apropos Werbung. Was reißt uns eigentlich noch vom Hocker oder was zieht uns ins Theater? Braucht es immer spektakulärere Stoffe und Orte? Das Stück „Tiefer gehen“ über sexuellen Missbrauch haben wir in einer stockdunklen, kalten Tiefgarage erlebt und für die Oper „Mord auf dem Säntis“ schwebte das Publikum zur Uraufführung auf 2502 Meter auf den Berg.

Christoph Nix: Das beständige Publikum braucht das nicht, es schätzt den Bildungswert des Theaters, aber das Stadttheater muss heute mehr Exkursionen machen als früher, das hält jung und munter. Das hat weniger mit Spektakel zu tun, als mit der großen Neugierde auf Menschen, Orte und Regionen und mit der Freude an Auseinandersetzungen mit dem Fremden, dem Unbekannten. Aus diesem Grund werden wir uns in der kommenden Spielzeit ja auch mit dem Thema AFRIKA – IN WEITER FERNE SO NAH beschäftigen.

See-Online: Noch eine Frage zur vergangenen Spielzeit: War es eine Trennung oder ein Rauswurf, als das Konstanzer Theater zwei Tage vor der Premiere von „Janis Joplin“ mitteilte, dass Regisseur Patrick Schimanski raus war? „Künstlerischer Differenzen“ hatte das Theater als Grund genannt. Ist so etwas im Theaterbetrieb normal?

Christoph Nix: Künstlerische Auseinandersetzungen leben von Reibung und manchmal halten die Kunst oder die Menschen diese Reibungen nicht aus. Dann ist es besser, sich von einander zu trennen. Das ist völlig normal, nur in der Provinz wundert man sich manchmal über Produktionsprozesse in der Kunst, da wir keine Provinz sind, normal…

See-Online: Der Südkurier berichtet in loser Folge über ein angeblich schlechtes Arbeitsklima am Theater. Wie empfinden sie die Arbeitsbedingungen in Ihrem Haus?

Christoph Nix: Da müssen Sie meine Mitarbeiter fragen, ich versuche eine freundliche und transparente Unternehmenspolitik zu machen, alle Gagen sind gestiegen soweit ich Einfluss hatte, es gibt Sonderurlaub im Januar, wir haben mehr Stellen denn je und das Haus ist in Stadt und Land beliebt, während beim Südkurier die Tarifverträge gekündigt werden, ständig neue Chefredakteure kommen und der Leitungsstil als unkommunikativ wahrgenommen wird. Ich glaube der Südkurier hat ein Problem mit seiner Unternehmenskultur und die Redakteure, zumindest die meisten, halten die Klappe, wenn der Geschäftsführer spricht.

See-Online: Im taz-Interview sprachen Sie von einem privaten Problem, das ein Südkurier-Redakteur mit Ihnen hätte. Wenn wir richtig informiert sind, tauschen mittlerweile Juristen Schriftsätze aus. Kommt dabei die Theaterberichterstattung zu kurz?

Christoph Nix: Wir sind ziemlich unabhängig vom SK, aber jeder Leser merkt doch, dass die Lokalredaktion immer mal gerne den Beleidigten spielt, vor allem aber Unwahrheiten über mich verbreitet und von daher die nötige Distanz vermissen lässt, Beleidigte leben weniger lang.

See-Online: Die kommende Spielzeit steht unter dem Motto „Afrika – In weiter Ferne so nah?“ Sie haben eine Affinität zu Malawi und Togo. Das unterstellen wir einfach einmal so. Im Intro zum Programmheft sagen Sie, dass das Theater den Schwerpunkt vielleicht wählte, „weil wir wohlhabend und verzweifelt sind“. Erklären Sie uns das, bitte.

Christoph Nix: Wohlhabende können verzweifelt sein, wenn sie erkennen, dass Wohlstand nicht glücklich macht, vor allem aber hinter jedem Vermögen ein Verbrechen steht: wir haben Afrika arm gemacht, daran erinnert und mahnt die Kunst, doch anders als die Religion versucht sie zu verstehen, nicht zu verurteilen.

See-Online: Die kommende Spielzeit 2011/2012 ist eine sehr kurze. Sie endet schon am 26. Mai 2012 und fünf Monate lang bis November 2012 ist das Haus geschlossen, weil es eine neue Bühnentechnik braucht. Wie sollen Theaterfreunde diese Zeit überstehen? Wird es wenigstens ein paar Veranstaltungen in der Spiegelhalle geben?

Christoph Nix: Es wird wie üblich einen vollen Spielplan in der Spiegelhalle und in der Werkstatt geben, die große Koproduktion mit unserem Malawischen Partnertheater wird Premiere haben und wir werden im Sommer auf dem Münsterplatz spielen, dass die Bude wackelt. Dort wird der „Glöckner von Notre Dame“ als Freilichttheater zu sehen sein. Darüber hinaus werden wir wie gehabt das Überlinger Sommertheater ausrichten und mit der Oper „Die Afrikanerin“ auch erstmals direkt auf dem See spielen, nämlich auf der inzwischen renovierten alten Fähre Meersburg-Konstanz. Es wird also weiter gespielt und zwar ordentlich!

See-Online: Vermutlich gibt es einen echten Run aufs Open-Air. Am 29. Juni 2012 hat „Der Glöckner von Note Dame“ auf dem Konstanzer Münsterplatz Premiere. Ist das Überlinger Sommertheater 2012 auch sicher?

Christoph Nix: Sie sollen hin- und herfahren: Sollte ich mein Arbeitspensum überleben, ist der Glöckner sicher und Überlingen auch, beide dieses Mal von großen französischen Autoren.

See-Online: Vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit für uns genommen haben. Wir werden bei Twitter und Facebook auch mords Werbung machen, damit möglichst viele Leute unser Interview entdecken.

Foto: Theater Konstanz Ilja Mess

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