Am Bodensee frisch aufgeschlagen: Die Kontextwochenzeitung aus Stuttgart

Internetzeitung aus Stuttgart ist ein journalistisches Produkt ohne Geldsorgen – Prädikat lesenswert

Konstanz/Stuttgart. Anfang April haben wir sie entdeckt: Die Kontextwochenzeitung im Netz. Im Fokus steht Stuttgart und manchmal schaut die Redaktion auch über den Kesselrand hinaus. Am liebsten lesen viele die Online-Zeitung am Wochenende gedruckt als Beilage der taz.

Frei von finanziellen Nöten

Der Anspruch, mit dem die neue Wochenzeitung im Web angetreten ist, ist gewaltig. Auch Blogs haben einen hohen Anspruch an die Qualität ihres Produkts und viele Blogger haben eine journalistische Ausbildung genossen. Trotzdem ist die Kontextwochenzeitung anders – nicht automatisch besser aber einzigartig: Das ist nicht nur so, weil es am Wochenende eine gedruckte Ausgabe gibt, sondern vor allem, weil ihre Macher sich anscheinend nicht um die Finanzierung ihres Projekts sorgen müssen. Dies sind Arbeitsbedingungen wie anno dazumal, von denen andere Online-Journalisten nur träumen.

Print goes online

Die Rubriken heißen Pulsschlag, S-Klasse, Denkbühne oder Asphalt & Leben. Am Anfang waren die Beiträge ellenlang, viel zu lang, um sie online zu lesen. Unverkennbar war es, dass das sechsköpfige Redaktionsteam um Josef-Otto Freudenreich, dem ehemaligen Chefreporter der Stuttgarter Zeitung, aus dem Print kommt. 20.000 Besucher habe das Wochenmedium schon in der ersten Woche im Web gehabt, heißt es. Zum Vergleich: In manchen, besseren Wochen entspricht das in etwa der Besucherzahl von See-Online. Immer mittwochs steht eine komplette, neue Kontextwochenzeitungs-Ausgabe online. See-Online wird dagegen wie andere Blogs laufend aktualisiert. Eine Art „Best of“Kontextwochenzeitung liegt  als Printprodukt der sonntaz bei.

Herausgeber ist ein Verein

Die neue Wochenzeitung ist spendenfinanziert. Das ist ganz neu. Die Redaktion nimmt für sich in Anspruch, unabhängig und auch niemandem verpflichtet zu sein. Der Herausgeber ist kein Wirtschaftsunternehmen, kein Interessenverband, sondern ein Verein. Hinter der Kontextwochenzeitung steht der „Verein ganzheitlicher Journalismus“, der getragen wird unter anderem vom ehemaligen Läufer Dieter Baumann, Eva Hosemann, der Intendantin des Theaters Rampe, von Uli Reinhardt, den wir noch von eigenen ersten journalistischen Gehversuchen bei der Waiblinger Kreiszeitung kennen, von Ezard Reuter und dem Schauspieler Walter Sittler. Die Journalisten kooperieren mit der Stuttgarter Stiftung Geißstraße.

Pochen auf Unabhängigkeit

Unter „Leak“ heißt es. „Journalisten decken Missstände auf und kontrollieren die Macht im Staat.“ Das Wichtigste: Die Kontextwochenzeitung sei wirtschaftlich und politisch unabhängig. Zu erwarten ist: Hauptberufliche Journalisten, viele von ihnen mit Preisen ausgezeichnet, dürften wissen, was sie tun. Niemand sage der Redaktion, was sie tun und lassen solle. Das macht Lust zu lesen. Es seien „die“ Stuttgarter Bürger, die das Blatt, wie es heißt, mit verantworten. Das alles klingt auch ein bisschen nach einem Traumland für Redakteure – in Zeiten, in denen der kostenlose Content den Qualitätsjournalismus aufzufressen droht.

Auf der Entschleunigungspur

Das Online-Portal wolle gründlich statt schnell und hintergründig statt oberflächlich sein. Ausschließlich „renditegetriebene Geschäftsmodelle“, Verflechtungen und mangelnde Transparenz hätten zu einer Entfremdung zwischen den Medien und ihren Konsumenten geführt. Ein Ziel, dass die Journalisten verfolgen, heißt „Entschleunigung“. In Richtung Entschleunigung geht auch See-Online. Statt wie eine Lokalzeitung alle Informationen online zu stellen, stehen auf dem Blog höchsten fünf bis zehn, manchmal auch nur zwei ausgesuchte Beiträge pro Tag. Ausgesucht werden sie nach dem Nachrichtenwert der Meldung, der Originalität und auch danach, ob sie die Leser wahlweise zumindest ein bisschen aufklären oder amüsieren könnten. Die Welt der Nachrichten ist selbst im kleinen Konstanz und im ein bisschen größeren Stuttgart unübersichtlich geworden. Wer in der Informationsflut – am Bodensee oder am Neckar – nicht ersaufen will, muss auswählen.

Prädikat durchweg lesenswert

Diese Freiheit nimmt sich die Kontextwochenzeitung. Sie ist nicht so vollständig wie ein „Zeit“, dafür aber ist oft jeder einzelne Beitrag lesenswert. „Das Spiel mit dem Feuer“ war am 23./24. April die Titelgeschichte. Sie handelte vom gerade beginnenden Koalieren in Stuttgart. Die Leser haben Hintergründiges, viel über Stimmungen, Befindlichkeiten und Zusammenhänge erfahren. Das war gut so. Oder am 30. April/1. Mai die Besteigung des Monte Scherbelino mit dem Rapper und Ex-Stuttgarter Max Herre – die Kontextwochenzeitung schlägt immer wieder neue Seiten auf. Zwischendurch darf es auch einmal ein Kriminalstück sein: „Das neue Phantom“, der Fall des Polizistinnenmordes von Heilbronn, fand sich in derselben Ausgabe. Dieter Spöri, einst SPD-Leader im Land, schrieb am 7./8. Mai über den „landespolitischen Zeitenwechsel“. Und am 14./15 Mai ging es um die Mafia zu Stuttgart, um Medien-Fallen für die neue grün-rote Regierung und eine Autorin erzählte die traurige Geschichte eines illegalen Einwanders namens Yassin zu Ende – der Nordafrikaner war nach der ersten Geschichte aufgeflogen. In der vergangenen Woche dann eine Riesenradfahrt mit dem scheidenden CDU-Kunststaatssekretär Dietrich Birk und ein Beitrag über die Verurteilung eines S 21 Demonstranten – S 21 ist neben Grün-Rot wohl das am häufigsten wiederkehrende Thema.

Das pure Glück

Die Internetzeitung aus Stuttgart besticht durch ihre handwerklich gut gemachten Beiträge, ungewöhnliche Perspektiven, Ideen, verschiedene journalistische Gattungen und herausragenden Bilder. Wenn wir am kommenden Samstag durch Stuttgart fahren, werden wir zwischen Schattenring, Abzweigung zum Hauptbahnhof und Neckarstadion auch ein bisschen an die Kontextwochenzeitung denken und ein paar Kilometer sinnieren: Wie viel Glück muss es sein, an so einem Projekt mitarbeiten zu dürfen – ohne Sorgen um die Finanzierung und mit viel Zeit für die Recherche.

Die nächste Ausgabe der Internetzeitung aus Stuttgart erscheint am Mittwoch, 25. Mai, und am Samstag wieder an allen Kiosken gedruckt als Zugabe in der TAZ.

Hier geht es zur Kontextwochenzeitung.

Ein Kommentar to “Am Bodensee frisch aufgeschlagen: Die Kontextwochenzeitung aus Stuttgart”

  1. dk
    24. Mai 2011 at 13:05 #

    Auch Blogs haben einen hohen Anspruch an die Qualität ihres Produkts und viele Blogger haben eine journalistische Ausbildung genossen.
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    Dann sind wahrscheinlich die meisten Blogger zu Facebook, Twitter, usw. übergetreten und haben ihre Blogs gelöscht: was die Sehnsucht nach neuen Freunden nicht alles bewirken kann.

    Für mich hat Blog ursprünglich einen viel weiteren Begriff: als Website mit erweiterten Kommunikations-Möglichkeiten für den (weltweiten) Normalbürger, wobei es eher auch um die Vermittlung von technisches KnowHow handelt (z.B. Webdesign, -Programmierung).
    In der DotNet-Blase sollen (richtige) Experten durch Werbung „gutes Geld“ verdient haben, die heute eher Kongresse und Tagungen als Speaker besuchen oder das Medium „Webcast“ oder „Video“ benutzen. Manch anderer wollte nur seine Hosting-Kosten mit Google-Werbung ausgleichen.

    Nicht jedermann setzt Blog = Online-Zeitung, obwohl man auch WordPress-Themes für diese Verwendung im Internet finden kann.
    Da träumen sicher viele Blogger vom Presse-Ausweiss, der über Webdesign oder SEO-Optimierung für das Google-Ranking schreibt, um auch VIPs kennenlernen zu dürfen oder sich Eintrittsgebühren zu sparen.

    Der Sportverein HSG KN dürfte allerdings nur von Sponsoren (Spender) träumen, die dem Verein eine ähnliche finanzielle Sicherheit dauerhaft sichern wie der Kontextwochenzeitung aus Stuttgart.

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