Ausnahmsweise eine kleine Nachtkritik: Bravo Junges Theater!

9/11 in der Konstanzer Spiegelhalle bravourös – Jugendclub begeisterte bei Premiere

Konstanz. Als am 11. September 2001 zwei Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Centers flogen, gingen sie noch in den Kindergarten oder gerade einmal in die Grundschule. Der Jugendclub des Jungen Theaters Konstanz hat sich des Stoffes 9/11 angenommen und den Terrorangriff und seine Folgen auf die Bühne gebracht. Seit Oktober vergangenen Jahres arbeiteten die Schüler am Stück. Die ganze Zeit über haben sie es fortentwickelt, die Geschichte weiter geschrieben und aktualisiert. Herausgekommen ist eine unbedingt sehenswerte Produktion. Regisseur Felix Strasser verabschiedet sich mit 9/11 und – so könnte man sagen – mit einem gigantisch guten Stück vom Konstanzer Theater.

Willkommen an Bord

Los ging’s mit dem Check-in. Das Junge Theater begrüßt seine Gäste zum Flight  9/11 bereits im Foyer der Spiegelhalle. Videobilder flimmerten über Bildschirme. „Haben Sie Angst vor einem Terroranschlag?“ „Wer war Mohamed Atta?“  Das Junge Theater befragte Passanten auf dem Konstanzer Weihnachtsmarkt. Kurz vor Weihnachten hatte es in Deutschland gerade eine Terrorwarnung gegeben.

Publikum saß auf Türmen

In der Spiegelhalle nahm das Publikum auf zwei sich gegenüber stehenden Türmen, den Twintowers, Platz. Der Raum in der Mitte war die Bühne. Die 64 Mitwirkenden erinnerten zu Beginn des Stückes, als sie die Fluggäste weiß gewandet empfingen, an Todesengel. Die schauspielerischen Leistungen, Gestik, Mimik, Ausdrucksstärke, Gesang und das sportliche Durchhaltevermögen der 13- bis 22-Jährigen war beachtlich.

Die Mitwirkenden

Zu sehen waren Katrine Aschenbrenner, Theodora Brad, Selena Bühler, Clelia Castellucci, Aminata Cisse, Lucia Cybulla, Nathaly Czernin, Malina Epp, Clara Eulitz, Marysol Frasch, Helena Friedrich, Tara Fyson, Sophia Haller, Ingrid Hanschke, Miriam Hasselbach, Nina Hartmann, Larissa Jäger, Mara Julseth, Jana Kasparek, Nina Kegel, Marie Kersten, Sarah Merkler, Emma Ida Löhle, Kira Mathis, Florine Miez, Julia Oexle, Julia Offner, Ruth Pelzer, Sarah Pfundstein, Caterina Quintini, Celia Diaz Riekeles, Joyce Kristin Ritter, Anne-Sophie Sabel, Elina Schafheitle, Claudia Schlutius, Johanna Schneider, Kerstin Schöneich, Julia Schwarzer, Annika Stross , Leandra Stürmer, Jessica Tay, Tabea Wächtler, Sarah Wingerter, Julia Zimmermann, Lea Zillich; Josef Dorn, Nicolai Eckert, Paul Ergang, Luca Fischer, Maximilian Fricke, Dylan Fyson, Felix Hillesheim, Alex Kegel, John Klüß, Fabiano Lorusso, Maximilian Juan Mierzwa, Wendel Overlack, Mervan Ürkmez, Lucas Riedle, Levin Wächtler, Ning Wei und Lukas Wiehler.

Eine Collage auf dem Theater

In einzelnen Bildern erzählten die jungen Akteure aus verschiedenen Perspektiven die dramatischen Ereignisse des 11. September 2001. „A second plane hit the tower. America is under attack.“ Der Himmel über New York war an dem Tag wolkenlos. Der Radiosprecher vermeldete sonniges Wetter und 21 Grad. Collagenartig reihten die jungen Schauspieler Szenen aneinander. Im Hintergrund flimmerten immer wieder Live- und auch einige Originalbilder über eine Videoleinwand. Die Choreografie war beeindruckend. Die 64 Schauspielerinnen und Schauspieler spielten praktisch immer alle gleichzeitig und begegneten sich auf engstem Raum. Die Musik war die Klammer, die alles zusammen hielt. Die musikalische Leitung hatte Stefan Leibold – die Songs kamen entweder aus der Konserve oder der Chor aus den Mitwirkenden sang sie live und variierte die Stücke. Die Geschichte, die sie erzählten, war temporeichen, dramatisch, keine Sekunde langweilig und manche Aussagen waren ein bisschen sarkastisch.

Bush’s und Bin Laden’s Welt

Einmal warfen sie einen Spot auf die Flugbegleiterinnen, dann auf den amerikanische Präsidenten, auf die Terroristen, auf den Koffer Mohamed Attas, auf die Verzweifelten und sogar auf die Sterbenden. „Über den Wolken“, „99 Luftballons“, „Mustapha Ibrahim“ und eine Waffe von Diehl aus Überlingen. Die Waffenlobby, die Ölindustrie, die Unterhaltungsindustrie, die die Live-Bilder sendete, und George W. Bush hatten ihre Auftritte („God bless America“). Dann der Schwenk nach Afghanistan zu Osma Bin Laden („Allahu Akbar“).

Der Krieg frisst seine Kinder

Aus der Perspektive der Jugendlichen haben sich die Anhänger von Bush und Bin Laden in ihrem Fanatismus und in ihrer Verblendung kaum voneinander unterschieden. Die Texte hatte das Junge Theater selbst geschrieben. Die Quellen waren Nachrichtentexte. Am Ende listeten sie die Terroranschläge auf, die seither auf der ganzen Welt passiert sind, und sie nannten Zahlen von Getöteten, von Soldaten und Zivilisten. Das Stück endete 2011. Der Heilige Krieg frisst seine Kinder in Amerika und in der islamischen Welt. Und ganz zum Schluss war dann doch noch Raum für die Träume der Jugendlichen. Sie können und wollen in der bösen Welt überleben und sagen wie sie sich ihre Zukunft vorstellen.

Begeistertes Premierenpublikum

Die Inszenierung von Felix Strasser mit Unterstützung von Sarit Streicher, Maximilian Enderle und Caroline Gutheil dürfte kein Erwachsener und kein Jugendlicher ab 14 Jahre versäumen. Felix Strasser hatte Recht, als er sagte, dass sich manche 9/11 voraussichtlich sogar zweimal anschauen werden. Am Ende applaudierte das Premierenpublikum langanhaltend und belohnte die großartige Leistung der Akteure. Die jungen Schauspieler mussten immer wieder zurück auf die Bühne kommen. Felix Strasser hat die Latte für den Leiter des Jungen Theaters, Bernd Schlenkrich, hoch gelegt.

Weitere Termine sind: 05.07., 06.07., 08.07., 09.07., 10.07., 12.07., 13.07., 15.07., 16.07., 17.07.11, jeweils um 20 Uhr

 

 

 

 

 

Fotos: Stadttheater Konstanz Ilja Mess

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