Berufsstart in Rüstungskonzern am Bodensee leicht gemacht

Grüner Bundestagsabgeordneter kritisiert Bildungspartnerschaften mit Schulen – Unterstützung von Theaterintendant Christoph Nix

Konstanz/Bodenseekreis. Der Grüne Konstanzer Bundestagsabgeordnete Till Seiler hat bei einer politischen Veranstaltung des Kreisverbands der Grünen Bildungspartnerschaften zwischen Rüstungsfirmen und Schulen kritisiert. Mitglieder der Grünen Hochschulgruppe wiesen bei derselben Veranstaltung auf die ihrer Meinung nach nicht unproblematische Kooperation zwischen EADS und der Konstanzer Universität hin. Die Grünen stört die Nachwuchswerbung von Rüstungskonzernen, die sehr früh versuchten, Kontakt zu Jugendlichen zu bekommen und Nachwuchs zu werben.

Wohlstand durch Waffen

Die „Kontext Wochenzeitung“ hat sich dem Thema gewidmet, das Magazin der „Spiegel“ und auch die „Zeit“. Es geht um die Rüstungsindustrie im Südwesten und auch um Rüstungsunternehmen am Bodensee. Waffenfirmen sind ein Aufreger-Thema. Dass der Wohlstand ausgerechnet in der idyllischen Landschaft im Südwesten auch mit Namen wie Heckler und Koch in Oberndorf, Diehl Defence in Überlingen, dem Luft- und Raumfahrtkonzern EADS und seiner Rüstungstochter Cassidian in Immenstaad sowie MTU und ZF in Friedrichshafen verknüpft ist, ist kein Geheimnis. Trotzdem sehen viele politisch Engagierte und Interessierte vor allem die Aktivitäten der deutschen Rüstungsindustrie auf dem Weltmarkt kritisch.

Kritik an Bildungspartnerschaften

In der vergangenen Woche sprach die Abrüstungspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Agnieszka Malczak, in Konstanz über das weltweite Wirken deutscher Rüstungsunternehmen. Mehr als hundert Interessierte waren in den Treffpunkt Petershausen gekommen. Es ging bei der Diskussion auch um Firmen aus der Bodensee-Region. Vor allem die Tatsache, dass ein solches Unternehmen Bildungspartnerschaften mit Schulen eingeht und auch die Konstanzer Universität einen Kooperationsvertrag mit EADS geschlossen hat, sehen Pazifisten, unter ihnen auch Till Seiler, der grüne Bundestagsabgeordnete und jugendpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, kritisch. Statt die Jugendlichen für Firmen zu begeistern, die wie Diehl Lenkflugkörper oder wie Cassidian an Militärhubschraubern und Militärflugzeugen arbeiten, würden die Grünen die Schüler aus der Bodensee-Region lieber zu Solarfirmen oder Windradbauern schicken.

Verhasste Nähe zu Rüstungsfirmen

Till Seiler, vor seinem Einzug in den Bundestag Studienrat am Konstanzer Ellenrieder Gymnasium, sagte, er wolle nicht jeden verteufeln, der bei einem Rüstungskonzern arbeite. Seine Mutter sei bei einem Atomunternehmen angestellt gewesen. Sie war alleinerziehend – und so ist es dann halt manchmal. Was Seiler aber missfällt, ist die Nachwuchswerbung, die Rüstungskonzerne betreiben. Der Grüne unterstellt den Rüstungsfirmen, dass es ihre Strategie sei, Jugendliche möglichst früh anzusprechen. So seien drei Friedrichshafener Gymnasien und das Konstanzer Ellenrieder Gymnasium eine Bildungspartnerschaft mit EADS eingegangen. Die Rüstungstochter Cassidian ist am Bau des Eurofighters, des Eurocopter-Hubschraubers sowie des Transporflugzeugs A400M beteiligt, mit den Truppen und Panzer in Krisen- und Kriegsgebiet geflogen werden sollen. „Da sehe ich schon ein Problem“, sagte Seiler. Konkret gehe es bei der Zusammenarbeit mit den Schulen um Bewerbertraining, Betriebsbesichtigungen und Schnuppertage. Die Berufsorientierung spiele mittlerweile auch an der Mittelstufe von Gymnasien eine wichtigere Rolle.

Bürgermeister duckte sich weg

Die Fraktion der Freien Grünen Liste (FGL) habe beim Konstanzer Bürgermeister Claus Boldt wegen der Bildungspartnerschaft zwischen dem Ellenrieder Gymnasium und EADS nachgefragt. Boldt habe mitgeteilt, er äußere sich dazu nicht. Es sei eine innere Schulangelegenheit. So schildert es Till Seiler. Theaterintendant Christoph Nix, der die Bildungspartnerschaft zwischen EADS und dem Gymnasium ebenfalls bereits öffentlich kritisierte und auch schon öffentlich auf die Problematik hingewiesen hat, dass die beschauliche Bodensee-Region auch von der Rüstungsindustrie lebt, war über die Antwort und die Absicht Boldts, sich nicht einzumischen, überrascht. Er habe sich aufgrund der Bildungspartnerschaft zwischen dem Ellenrieder-Gymnasium und EADS geweigert, mit der Schule gemeinsame Projekte anzugehen. Daraufhin habe der OB ihm mitgeteilt, er prüfe, ob er eine Dienstanweisung erlassen könnte, so der widerborstige Intendant. Auch der Konstanzer OB Horst Frank ist ein Grüner. In Richtung der Grünen sagte Nix: „Ihr habt das Ministerium Wissenschaft, Forschung und Kunst – Ihr habt die Macht.“

Keine Geheimforschung an der Universität

Auch die Konstanzer Universität ist in Zusammenhang mit einer Kooperation mit der EADS in den Fokus geraten. Die Grüne Hochschulgruppe schilderte die Problematik von mit Drittmitteln finanzierter Forschung. Allerdings stellte Uni-Sprecherin Julia Wandt am Montag auf Anfrage klar, dass die Konstanzer Universität in diesem Jahr zwar eine Rahmenvereinbarung mit EADS geschlossen habe. Darin sei vereinbart worden, dass es eine Kooperation in bestimmten Bereichen geben solle. Die Uni-Sprecherin nannte den EADS Dornier-Forschungspreis. Seit den 70-er Jahren gelte an der Universität aber eine Zivilklausel, die Geheim- und Rüstungsforschung ausschließt, so Julia Wandt. Alle Forschungsergebnisse würden öffentlich gemacht.

4 Kommentare to “Berufsstart in Rüstungskonzern am Bodensee leicht gemacht”

  1. Mohrrübenkiller
    25. Juli 2011 at 15:21 #

    Der Mann will Aufsehen erregen. Und wenn es zum Schwur kommt im
    Bundestag?
    Dann ist er wie die anderen Grünen von 1998 bis 2004 letztendlich auch
    dafür.
    Oh Gurkentruppe. Wohin tendiert ihr eigentlich?

  2. Pat
    26. Juli 2011 at 08:45 #

    Ich möchte Stellung nehmen zum letzten Absatz, da in diesem wissentlich oder unwissentlich einige Tatsachen falsch dargestellt werden:
    – Die Zivilklausel existiert seit ’91.
    – Vor der Unterzeichnung des Vertrages war sie fast niemandem bekannt- erst durch die studentische Verweisung darauf ist sich die Universitätsleitung ihrer wieder bewusst geworden.
    – Die Zivilklausel ist eine lose Selbstverpflichtungserklärung, der juristischer Wert im Zweifelsfall wahrscheinlich gering ist. -> Sie schließt keinerlei Forschung aus.
    – In der Zivilklausel steht kein Wort davon, dass Geheimforschung ausgeschlossen wird.
    – In der Rahmenvereinbarung sind außerdem die Schaffung von Doktorrandenstellen mit finanzieller Unterstützung von EADS, sowie die Bevorzugung von EADS für die Verwendung von Forschungsergebnissen der Uni festgeschrieben.

    Ich hoffe diese Punkte regen noch einmal zum Nachdenken an.

  3. wak
    26. Juli 2011 at 09:19 #

    @Pat Ich habe wiedergeben, was die Sprecherin der Universität am Montag auf Nachfrage erklärte. Sie sagte ausdrücklich, dass es die Klausel seit den 70-er Jahren gebe und erwähnte auch die Geheimforschung.

  4. Mohrrübenkiller
    26. Juli 2011 at 12:21 #

    Was unser lieber Till natürlich vergessen hat. Für die Rüstung gehen
    an Ingenieurleistungen zirka 10 % des gesamten Wissens verlustig.
    Klartext. Würden diese Leistung für anderedringende Dinge aufgewendet,
    wären wir mit unserer Technik ( nicht Rüstung ) viel weiter.
    Wir als kleines Land können uns nur auf dem Weltmarkt behaupten, wenn
    wir komplexe Maschinen und Verfhren entwickeln.
    Für eine Massenproduktion sind wir zu teuer. Warum werden solche Aspekte
    nicht bei solchen reinen Protest – Veranstaltungen zur Sprache gebracht?

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.