Bombe bei Klinik-Debatte im Konstanzer Kreistag geplatzt

PricewaterhouseCoopers legt Krankenhausgutachten vor – Vincentius Krankenhaus nach Radolfzell

Konstanz/Singen (wak) Die PricewaterhouseCoopers AG WPG, eine der führenden Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften in Deutschland, hat ihr Klinik-Gutachten für den Landkreis Konstanz vorgelegt. Die Empfehlung der Berater sieht so aus: In Zukunft gibt es im Kreis Konstanz nur noch zwei große Kliniken in Singen und Konstanz sowie eine orthopädische Fachklinik, das Vincentius Krankenhaus, das nach Radolfzell verlegt würde. In Engen und Stockach gebe es keine stationäre, sondern nur noch nur noch eine ambulante medizinische Versorgung in Ärztehäusern.

Hämmerle wirbt für Denkmodelle

Wie brisant das Gutachten von PricewaterhouseCoopers sein würde, ahnten die Zuhörer im Sitzungssaal des Landratsamtes, als Landrat Frank Hämmerle die Analyse der Krankenhaus-Landschaft durch PWC ankündigte und vorab mehrfach betonte, dass der Kreistag am Montag noch keine Entscheidung treffen würde. Die finanzielle Lage der Hegau-Bodensee-Kliniken ist bekanntlich eher desaströs, und auch Konstanz schreibt keine schwarzen, sondern rote Zahlen. Noch einmal beschrieb Hämmerle den Status quo, fasste die Fakten zusammen. Hämmerle stellte fest: Alle kommunalen Krankenhausträger möchten trotz der angespannten Finanzlage eine Privatisierung ihrer Kliniken verhindern. Alle wollten wenigstens kreisweit zusammenarbeiten. „Es gibt Denkmodelle“, sagte Landrat Hämmerle.

Vincentius Krankenhauses nach Radolfzell

Die Gutachter beantworteten zu Beginn drei Fragen: Was ist aus Sicht des Kreises medizinisch notwendig? Was ist wirtschaftlich umsetzbar, und sind Krankenhäuser im Kreis Konstanz in kommunaler Trägerschaft zukunftsfähig? Die klare Antwort auf die dritte Frage, lautete ja. Die Gutachter – ihr am Montag präsentiertes Gutachten ist nichtöffentlich – haben eine konkrete Empfehlung abgegeben. Sie sieht so aus: Es gibt im Kreis nur noch zwei Zentralversorgungskrankenhäuser in Singen und Konstanz, Radolfzell bekommt eine orthopädische Fachklinik, das Vincentius Krankenhaus, und alle miteinander können eine „auskömmliche Ergebnismarge“ erreichen. Durch die Ansiedlung des Vincentius Krankenhauses in Radolfzell würde der Kapitalbedarf – anders als bei einem Neubau in Konstanz – minimiert. Klar sagten die Gutachter außerdem, dass was medizinisch nötig und betriebswirtschaftlich sinnvoll sei, nicht unbedingt dem politischen Willen entsprechen müsse.

PWC warnt vor „Doppelstrukturen“

Die Gutachter zeigten auf, dass es finanziell immer enger wird. Die Krankenkassen sind finanziell angeschlagenen. Im kommenden Jahr fehlen laut eines Berichts der Printausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Montag wieder elf Milliarden Euro. Vier Milliarden sollen offenbar bei Krankenhäusern und Ärzten eingespart werden. „Die nächste Einsparrunde steht bevor“, so einer der PWC-Männer im Kreistag. Dass Überkapazitäten, wie sie im Kreis Konstanz momentan offenbar vorhanden sind, nachhaltig abgesenkt werden müssten, steht für die Berater außer Frage. Der Kreis könne aber auch wie jetzt mit „Doppelstrukturen“ weitermachen.

Warnung vor gegenseitiger Kanibalisierung

Das Hegau Bodensee Klinikum in Singen steht, isoliert betrachtet, momentan offenbar gar nicht schlecht da. Würden Krankenhäuser geschlossen, stiege die Auslastung. Nur einige Umstrukturierungen wären nötig. Das Haus sei gut aufgestellt. Dem Konstanzer Krankenhaus attestierten die Gutachter einen hohen Finanzierungsbedarf – Investitionen in Höhe von fast 100 Millionen Euro sind geplant – und eine geringe Kapazitätsauslastung. Konstanz werde sein bisher geplantes Investitionsprojekt aufgeben und auf das Vincentius Krankenhaus verzichten müssen, sollte sich der Kreis für die empfohlene Lösung entscheiden. Stockach ist so gute wie aus dem Rennen – das Haus erwirtschaftet verlässlich ein negatives Ergebnis. PricewaterhouseCoopers mute dem Kreis einiges zu. „Das Konzept wird auf Vorbehalte stoßen“, so einer der Berater. Bei einem Weiter so, sehen die Gutachter aber die Gefahr einer „gegenseitigen Kanibalisierung“ der Häuser. „Das wird kein Spaziergang“, so einer der Berater.

Medizinischer Fortschritt verteuert Gesundheitssystem

In Zukunft würden bei Behandlungen „Mindestmengen“ definiert. Eine neonatale Intensivstation in Singen und Konstanz ist für die Berater schlicht unvorstellbar. Der medizinische Fortschritt und Spezialwissen verteuern das Gesundheitssystem weiter. Die Kosten für Personal würden steigen und die Verweildauer verringere sich noch mehr. Eine Konzentration sei nötig – egal ob die Häuser in privater oder öffentlicher Trägerschaft seien. Auch die Privatisierung von Kliniken werde weitergehen, prognostizierten die PWC.

Kein Wachstumspotenzial für Kliniken im Kreis

Ein Wachstumspotenzial sehen die Gutachter im Kreis Konstanz nicht mehr. Das Leistungsangebot sei sehr gut – 81 Prozent aller Patienten lassen sich im Kreis behandeln. Diese hohe Quote könnte allerdings mit nur noch zwei Häusern der Zentralversorgung und nur noch ambulanten Behandlungen in Stockach und Engen sinken. Möglicherweise könnten sich Patienten in diesem Fall für ein näher gelegenes Haus in einem anderen Kreis entscheiden. Im Klartext: Wer in Bodman-Ludwigshafen wohnt, könnte das zum Helios Konzern gehörende Krankenhaus in Überlingen dem Singener oder Konstanzer vorziehen.

Aufschrei des Radolfzeller Oberbürgermeisters

Die wirtschaftlich beste Lösung, bei der die medizinische Versorgung sicher gestellt wäre, wäre aus Sicht der Gutachter ein neues zentrales Krankenhaus auf der grünen Wiese. Aufgrund des hohen Investitionsbedarfs falle diese Lösung aber aus. Denkbar wären drei weitere Lösungen: Modell eins: übrig blieben die Häuser der Zentralversorgung in Singen und Konstanz und das Vincentius Krankenhaus bliebe in Konstanz. Modell zwei: Das Vincentius Krankenhaus ginge nach Radolfzell, so dass die in Radolfzell vorhandene Infrastruktur genutzt werden könnte. Modell drei: Auch in Radolfzell gebe es gar keine stationären Behandlungen mehr, sondern nur noch ambulante wie in Stockach oder Engen. Jörg Schmidt, Oberbürgermeister von Radolfzell, widersprach den Gutachtern denn auch heftig und forderte, zu prüfen, wie es wäre wenn sämtliche Standorte erhalten blieben.

Neuer Player wäre der Kreis

Träger der neuen Krankenhaus-Landschaft müsste laut PWC der Kreis sein, der 51 Prozent der Anteile halten müsste. Die Städte Konstanz und Singen hätten dann jeweils nur noch weniger als 25 Prozent der Anteile. Das sei kartellrechtlich unerlässlich. Nur so wäre der Weg für die offenbar wirtschaftlich sinnvollste Lösung rechtlich frei. Es wäre die Lösung, mit der die Krankenhäuser laut PricewaterhouseCoopers Gutachten am ehesten in öffentlicher Trägerschaft überleben könnten.

Kommunen müssen entscheiden

Landrat Frank Hämmerle formulierte nach der Vorstellung des Gutachtens von PricewaterhouseCoopers folgenden Beschlussantrag: Der Kreistag nimmt das Gutachten zur Kenntnis. Die Verwaltung bespricht mögliche Konsequenzen der empfohlenen Lösung mit dem Sozialministerium Baden-Württemberg. Dabei geht es dem Landrat darum, bereits zugesagt Zuschüsse wie für die Investitionen in Konstanz zu sichern. Das PricewaterhouseCoopers Gutachten solle den Trägern der Krankenhäuser, also den Gemeinderäten und Stiftungsräten, vorgelegt werden. „Die Kommunen entscheiden“, so Frank Hämmerle. Wie es weiter geht, dürfte sich frühestens nach der Sommerpause entscheiden.

Foto: Krankenhaus Konstanz

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