Brutale Schläger vor Gericht: Wir waren nicht mehr normal in der Birne

Gesoffen, geschlagen und getreten – Prozess 2. Großen Jugendkammer

Friedrichshafen/Ravensburg (sig) Wegen schwerer räuberischer Erpressung und Körperverletzung müssen sich sechs junge Männer aus Friedrichshafen vor dem Landgericht Ravensburg verantworten. Sie sollen nach Alkoholkonsum geschlagen, überfallen, getreten und gestohlen haben.

Prozessauftakt vor 2. Großen Jugendkammer

Möglicherweise geht’s in die Verlängerung. Wie der Vorsitzende der 2. Großen Jugendkammer, Jürgen Hutterer, beim Prozessauftakt durchblicken ließ, könnten aus den bislang angesetzten drei tatsächlich vier Verhandlungstage werden. Dazu beigetragen hat gestern der Sinneswandel eines Angeklagten, der von früheren Aussagen bei Polizei und Jugendgerichtshilfe abwich. An Glaubwürdigkeit gewann er dadurch beim Gericht nicht.

Saufen nach dem Einkaufen

Einer der Vorwürfe an das Sextett: Nach dem Einkauf von Bier, Wodka und „Härterem“ soll es sich am 5. Juli vergangenen Jahres beim Brunnen am Romanshorner Platz getroffen haben, wobei „viel getrunken wurde“, wie sich der heute knapp 21-Jährige Vater zweier Kinder, von Kindergeld, Sozialhilfe und Ein-Euro-Jobs lebend und mit 21.000 Euro Schulden belastet, erinnert. „Ziemlich angetrunken“, habe man anschließend einen Bekannten in der Keplerstraße anvisiert, um sich dessen Tätowiermaschine auszuborgen. Doch der war nicht da, wie man bei einer unerlaubten Inspizierung dessen Wohnung feststellte.

Passant im Riedlewald brutal mit Bierflasche geschlagen

Nächstes Ziel war der Brunnen im Riedlewald, wo ein paar „weitere Bierchen“ hinzukamen. Ausgemacht habe man dort, den nächsten, der des Waldesweges daher komme, zu erschrecken. Der kam dann auch, gegen 0.20 Uhr, mit einem Rucksack auf dem Buckel. Alle seien betrunken gewesen, berichtet Thomas B., und : „Wir waren nicht mehr normal in der Birne“. Teilweise hatte man sich hinter Bäumen versteckt. Was dann geschah, will der zunächst vernommene Angeklagte kaum mehr wissen. Nur Bierflaschen habe er „klimpern hören“, ab und zu Hilfe-Schreie des Mannes. Weil’s alle anderen auch taten, habe er dem Mann ebenfalls einen Faustschlag versetzt, derart intensiv, dass ihm selbst später die Hand blutete. Was genau seine Kumpel mit dem Mann angestellt haben, will er nicht gesehen haben. Die Staatsanwältin hatte es aufgeschrieben: Dem Fußgänger wurde mit Flaschen auf den Kopf gehauen, er wurde mit Reizgas besprüht, er erhielt Faustschläge und Fußtritte mit Springerstiefeln ins Gesicht. Wegen Kopfwunden und einer Gehirnerschütterung zweiten Grades kam der Mann ins Krankenhaus. Sein Rucksack mit Handy und anderem blieben verschwunden. Nach getaner (Un)Tat traf sich die Schlägertruppe bei der alten Stadtbücherei zum Wundenlecken.

Angeklagter schweigt

Der Angeklagte Thomas B. will nichts mehr dazu sagen, ob er dem Opfer etwas weggenommen hat, ob Schlagstock und Pfefferspray eingesetzt und später die Kleidung gewechselt worden war. Vor der Polizei hatte er das noch getan. Für Richter Axel Müller ein klarer Fall von zurückrudern. Bei diesen Ruderbewegungen blieb der Angeklagte auch nach einer von seinem Anwalt erbetenen Pause und dem Vorwurf, am 11. September in Ravensburg Türken verprügelt zu haben.

Nicht mehr über Los – sondern in den Knast

In abgespeckter Stärke sollen Einzelne des Sextetts in Sachen Rechts gegen Links zugeschlagen haben. Auch hier setzte es Faustschläge und Fußtritte, flogen Flaschen, wurde mit gefährlichen Werkzeugen Menschen verletzt, nachdem man sich zuvor in der Musikmuschel in den Häfler Uferanlagen zum warm trinken getroffen hatte. Vom Stadtbahnhof ab ging’s später Richtung Ravensburg – und für einige anschließend direkt in den Knast.

Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.