Bye bye Wahlkampf

Von Waltraud Kässer

Nach elf Wochen Wahlkampf bleibt nur noch Erschöpfung. Am Sonntagabend war da erst einmal das Gefühl von Fassungslosigkeit. Nach 16 Jahren mit einem grünen OB machte die Stadt die Rolle rückwärts und entschied sich für ein CDU-Mitglied, das im Radolfzeller RIZ sein Büro sozusagen Tür an Tür mit dem des CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Jung hat.

Kleine Wahlnachbetrachtung

Konstanz hat am 15. Juli im zweiten Wahlgang mit einer lächerlich niedrigen Wahlbeteiligung von nur 44,5 Prozent einen neuen Oberbürgermeister gewählt. Er heißt Uli Burchardt. Der Marketingmann blieb im Wahlkampf seltsam blass. Der Schwarze gab sich grün, und die Grünen schafften es nicht ihn zu entzaubern. Viele Grün-Wähler gingen zum Konservativen.

Die erdrutschartigen Gewinne des Wahlsiegers haben am vergangenen Sonntag viele überrascht. Es gibt durchaus Erklärungen. Fakt ist: In Konstanz gab es bei der Wahl in jedem Fall mehr Verlierer als Gewinner. Keine Rolle gespielt haben bei der Wahlentscheidung anscheinend Qualifikation und Sachthemen. Sabine Reiser, die tatsächlich unabhängig war und von keiner Partei unterstützt worden ist, wurde auf „Lächeln“ reduziert und Sabine Seeliger, die Kandidatin der Grünen, auf „City Maut“.

Der angeblich so unabhängige Uli Burchardt war der Kandidat, der das Netzwerk der CDU und wahrscheinlich auch das der Freien Wähler nutzte. Zu den heimlichen Gewinnern gehören in jedem Fall die alten Männer in der CDU und ihr altes Denken, das jetzt ins OB Büro Einzug hält.

Die Wähler haben die grüne Verpackung gewählt. Dass sich die Konstanzer ATTAC Gruppe vom OB-Kandidaten Uli Burchardt distanzierte, schadete dem neuen OB zum Schluss genauso wenig wie sein beruflicher Lebenslauf. Der so erfolgreiche Manager hatte auf den letzten Metern noch eine einvernehmliche Trennung von seinem Vorzeigeunternehmen einräumen müssen, was bei Arbeitsverhältnissen einem Rausschmiss gleich kommt. Auch aufgrund von Unternehmenszahlen war das Image vom scheinbar erfolgreichen Unternehmer am Ende arg ramponiert.

Die Heimatzeitung – die hier eine besondere Würdigung verdient hätte – spielte in den vergangenen Wochen eine unrühmliche Rolle. Sie ist ihrer Aufgabe, fair zu berichten, zu informieren und alle Bewerber kritisch zu hinterfragen, in keiner Weise nachgekommen. Die Zeitung hatte Partei ergriffen. Oder wie sonst lässt sich die Berichterstattung deuten? Ihren Wahl-O-Maten, den sie nur anders nannte, hatte sie schlampig mit falschen Daten gefüttert, so dass er falsche Ergebnisse lieferte und ihn die Zeitung zwischenzeitlich vom Netz nehmen musste. Die so genannte Sonntagsfrage war eine billige Kopie. Der Name gaukelte vor, dass es sich um eine repräsentative Umfrage handelte. Das war sie aber nicht. Sie hatte nichts mit dem zu tun, was Demoskopen tun.

Schäbig war zum Schluss das Nachtreten gegen Sabine Reiser. Sie hat die Wahl verloren und dem Sieger gratuliert. Hämische und herabwürdigende Nachberichterstattung ist unangemessen. So was tut man nicht. Aber wahrscheinlich passen der Heimatzeitung die Herren Müller-Fehrenbach und Stiegeler, die zum Beispiel meinen, dass es keinen so neuzeitlichen Schnickschnack wie einen Livestream braucht und alles Wichtige sowieso in der Lokalzeitung nachzulesen ist, auch besser als der Zukunft zugewandte Frauen, die selbstverständlich statt aufs tote Holz zum Beispiel bei Bürgerbeteiligung auch auf das Web 2.0 setzen wollten.

Über Schmutzkampagnen und das dreiste Verbreiten von Lügen im Web wäre auch noch zu reden.  Mit Journalismus hatte dieses Gemotze wahrlich nichts zu tun. Das Verhalten der SPD, die teilweise hinter Sabine Seeliger und teilweise hinter Sabine Reiser stand, hat am Ende unwürdige Berichterstattungen mit verursacht.

Schockierend waren übrigens herbawürdigende Kommentare und E-Mails, die wegen ihres beleidigenden Inhalts, aufgrund der Wortwahl und des Tons, nur als unanständig bezeichnet werden können und deren Inhalt wohl auch strafrechtlich relevant wäre.

Unter Druck gesetzt worden sind von verbalen Amokläufern nachweislich auch Unterstützer, deren Name auf der Unterstützeranzeige von Sabine Reiser standen. Das ist schäbig. Von solchen Personen, die so entgleist sind, mir teilweise sogar persönlich bekannt sind und deren wahrer Charakter sich in den vergangenen zwei Wochen offenbarte, werde ich mich in Zukunft fern halten.

Ja, ich habe mich um die PR von Sabine Reiser gekümmert. Ja, ich habe das von Anfang an offen kommuniziert. Ich habe auf dem Blog nicht heimlich  Sabine Reiser hoch geschrieben, Shitstorms und Bashing habe ich auf dem Blog aber auch nicht zugelassen. Ich werde es auch weiter so halten. Wem das Blog nicht gefällt, braucht die Blogbeiträge ja nicht zu lesen.

3 Kommentare to “Bye bye Wahlkampf”

  1. Christina Herbert-Fischer
    19. Juli 2012 at 23:21 #

    Was unsere Heimatzeitung angeht, geb ich dir recht. Ansonsten nutzt es wohl nichts nach zu treten. Es war eine demokratische Wahl. Demokratie ist die beste Form der Politik, die wir Menschen bisher entwickelt haben. Leider ist das kein Garant für dem Sieg der Vernunft. Auch ich bin fassungslos, dass zwei kompetente Frauen verloren haben. Frau Reiser, die ich persönlich kennen gelernt habe, ist eine sehr anständiger Mensch und wer Frau Seliger kennt, weiß das auch von ihr. Vielleicht ist unsere Stadt einfach noch nicht reif für eine Frau an der Spitze. Herr Burchardt, den ich noch nicht persönlich kennen gelernt habe, ist unser neuer OB und wir sollten die Größe aufbringen ihm eine faire Chance einräumen, für unsere Stadt. Seien wir fair, soll er jetzt doch erst mal zeigen, dass er das mit der Unabhänigkeit, die er für sich proklamiert, ernst meint und schauen wir was passiert. Bei allem Respekt für das soziale Engagement unserer Heimatzeitung, werde ich nach meiner Erfahrung im Wahlkampf, ihrer Berichterstattung wohl nicht mehr vertrauen.

  2. Hinterwäldler
    20. Juli 2012 at 10:09 #

    Ich bin kein Konstanzer, wohne aber im Kreis und möchte es nicht versäumen dem neuen Bürgermeister aus Gründen des Anstandes zu Gratulieren.

    Eines verstehe ich allerdings nicht, weshalb die „Heimatzeitung“ Südkurier nicht beim Namen genannt und du dich mit den entsprechenden Artikeln nicht auseinander setzt. Kein Mensch nimmt es dir Übel wenn du dazu die Namen der Autoren nennst. Sie haben sogar ein Recht darauf genannt zu werden. Dann wird es auch für viele Leser deines Blogs offensichtlicher wer hier gegen wen Stimmung macht und weshalb. Lasse dich nicht verunsichern, werde noch parteilicher. Auch wenn hin und wieder der schwarze Shitstorm droht. Wir, die ständigen Leser von See-Online helfen dir dich zu verteidigen. Versprochen.

    Dann auf zur Bundestagswahl.

    der hinterwäldler aus Nenzingen

    Ps.: Sortiere schon immer mal wer uns diese politische Misere eingebrockt hat und sondiere das Abstimmungsverhalten der Bundestagsabgeordneten aus unserem Wahlkreis. Sie haben ein Recht im Wahlkampf namentlich genannt und eingeordnet zu werden.

  3. Holger
    22. Juli 2012 at 09:52 #

    Wieso ist von Rolle rückwärts die Rede? Ich bin froh, dass Burchardt neuer Bürgermeister geworden ist. Endlich, nach 16 Jahren sind wir die Grünen los. Frau Seeliger etwa, die vehement gegen die B33 ist, auch wenn sie das während des Wahlkampfes etwas kryptisch gesagt hat, wäre für Konstanz absoluter Stillstand gewesen. Und Sabine Reiser? Da gewinnt dann Uli Burchardt deutlich, weil er aus Konstanz stammt, während Reiser eine Auswärtige ist. Und zu „grün“ war auch sie.

    Was die demokratische Legitimation angeht: Ob nun 44,5 % zur Wahl gehen oder 100% ist unerheblich. Wer nicht wählen geht, hat sich einfach entschlossen, nicht mitzureden. Das ist das gute Recht. Wer aber mitreden will, war wählen. Und hier hat Burchardt mit anständiger Mehrheit gewonnen. Leider war der Wahlkampf alles andere als sauber. Insbesondere, was teilweise aus dem Lager von Frau Reiser kam, aber auch in „journalistischer“ Form von der linken SeePostille….das war unter der Gürtellinie. Nun wünsche ich Uli Burchardt ein glückliches und nicht zu grünes Händchen für unsere Stadt

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