Das Phantom aus der Kreuzlinger Straße

Nach eineinhalb Monaten ist Überfall auf Konstanzer SPD-Landtagskandidatin noch gänzlich ungeklärt

Konstanz. Seit eineinhalb Monaten ermitteln Konstanzer Polizei und Landeskriminalamt wegen des Überfalls auf die ehemalige SPD-Landtagskandidatin Zahide Sarikas. Tattag war der 15. März. Der Kriminalfall gilt fünf Wochen danach noch nicht als „ausermittelt“. Solange das so ist, geht die Suche nach dem Täter weiter. Die Öffentlichkeit weiß bis heute nicht, was sich damals in der Kreuzlinger Straße in Konstanz tatsächlich zugetragen hat. Fragen zum Sachverhalt beantwortet das LKA nicht, und das Opfer schweigt öffentlich.

Fragen und keine Antworten

Der Fall der heute 47-jährigen Zahide Sarikas wirft seit eineinhalb Monaten nur Fragen auf. Kaum eine ist beantwortet worden. Niemand weiß: Wer war der mysteriöse Mann, der am Abend des 15. März gegen 19 Uhr das Wahlkampfbüro der SPD in Konstanz betreten hat? Was hat der Mann dem Opfer an jenem Dienstagabend angetan? Was wollte er? Warum hat es nach der Tat trotz aufwändiger Ermittlungen keinen schnellen Fahndungserfolg gegeben? Und weshalb dauerte es so lange, immerhin bis Freitag nach der Tat, bis die Ermittler ein Phantombild des mutmaßlichen Täters veröffentlichten?

Ein Fall ohne Zeugen

Das Opfer hatte sich am Tatabend anscheinend alleine im Wahlkampfbüro der SPD aufgehalten. Als die damalige Kandidatin nicht zu einer Podiumsdiskussion erschien, rief ein Mitarbeiter aus ihrem Wahlkampfteam den Ehemann der Vermissten an. Laut SPD fand er seine Frau im Büro in der Kreuzlinger Straße. Er brachte sie ins Konstanzer Klinikum. Wie schwer Zahide Sarikas verletzt war, ist nicht bekannt. Warum hatte sie sich nach der Tat nicht bemerkbar gemacht? Stand sie so sehr unter Schock? Wie viel Zeit war vergangen? Am selben Tag soll die ehemalige Landtagskandidatin auch eine Todesnachricht aus der Türkei erhalten haben – eine Freundin sei beim Schwimmen ertrunken, hieß es damals seitens der SPD.

Ermittlungen in alle Richtungen

Von Anfang an wurde eine politisch motivierte Straftat nicht ausgeschlossen. Das LKA schaltete sich ein. Die türkischstämmige Landtagskandidatin hatte das Thema Integration zu ihrem wichtigsten Wahlkampfthema gemacht, weshalb eine Tat mit rechtsexstremem Hintergrund nicht ausgeschlossen wurde. Außerdem hatte sich das Opfer gegen den islamistischen Hassprediger Pierre Vogel positioniert. Eine 15-köpfige Ermittlungsgruppe begann sofort nach der Tat in alle Richtungen zu ermitteln. Das tun die Ermittler bis heute.

16 Hinweise zum Phantombild

Erst zwei Tage nach der Tat veröffentlichte das LKA eine Personenbeschreibung des mutmaßlichen Täters. Die Polizei suchte einen Mann mit blauen Augen und kurzem blonden Haar. Am dritten Tag folgte dann schließlich ein Phantombild. Es zeigte ein Allerweltsgesicht. Immerhin 16 Hinweise gingen bei den Ermittlern aufgrund des Phantombilds ein. Bis heute haben die Beamten 50 Personen überprüft. Das sagt Horst Haug, Pressesprecher des LKA in Stuttgart.

Kein Mitleidseffekt bei der Wahl

Am Tag nach der Tat verurteilte der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank den Überfall. Die Konstanzer Wahlkreiskandidaten schickten eine Solidaritätserklärung und die Tageszeitung fand, dass sich die Stadt Konstanz mit ihrem Selbstbild als weltoffene, liberale und tolerante Stadt hinterfragen müsse. Die SPD sagte die ganze Zeit über zum Fall Zahide Sarikas nur wenig. Sie schickte den Ersatzkandidaten Tobias Volz ins Rennen, der seine Sache im Wahlkampf-Endspurt sehr gut machte. Profitiert hat die SPD bei der Landtagswahl von dem Überfall eher nicht. Einen Mitleidseffekt gab es anscheinend nicht. Denn für die Konstanzer SPD ging die Landtagswahl 2011 schlecht aus. Sie holte nur 21,7 Prozent der Stimmen. Das war weniger als in anderen Universitätsstädten.

Konstanzer  Tatort gibt es nicht mehr

Die SPD versichert, nicht mehr zu wissen als die Öffentlichkeit. Kontakte zur Polizei gebe es nicht mehr. Das Wahlkampfbüro, das Tatort war, hat die SPD längst ausgeräumt und aufgelöst. Verwüstungen in den Räumen hatte der Täter nicht angerichtet. Zahide Sarikas selbst hat sich nie öffentlich zu dem Vorfall geäußert. Nach einem mehrtägigen Krankenhausaufenthalt erschien sie am Wahlabend dann überraschend zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit: Am 27. März zeigte sie sich bei der Wahlparty der SPD im „Phohl“. Sie bedankte sich für die Unterstützung durch ihr Wahlkampfteam. Den Anschlag erwähnte sie an dem Abend nicht. Äußerlich wirkte sie unversehrt.

LKA macht keine Angaben zum Sachverhalt

Eineinhalb Monate nach der Tat heißt es seitens des LKA in Stuttgart, es gebe weiterhin eine Ermittlungsgruppe. In Zusammenarbeit mit der Kripo Konstanz geht die Suche nach dem Täter weiter. Eine heiße Spur gibt es bis heute aber nicht. Horst Haug sagt, es werde in verschiedene Richtungen ermittelt. Zum Sachverhalt äußere sich das LKA nicht. Das Landeskriminalamt sagt deswegen auch nichts darüber, ob es möglicherweise DNA-Spuren gibt, ob der Täter auch aus dem privaten Umfeld des Opfers stammen könnte oder ob der große Unbekannte das Opfer sogar mit einem Messer bedroht haben könnte.

Mysteriöser Fall regt Fantasie an

In Krimis geht es mit der Festnahme eines Täters meistens schneller als im richtigen Leben. Ermittlungen, die nicht in ein oder zwei Tagen abgeschlossen sind, seien für das LKA nichts Besonderes, sagt Horst Haug. Die Ermittler hätten einen langen Atem. Doch nicht nur Polizei und LKA scheint die Tat vom 15. März weiter zu beschäftigen. Noch immer bewegt der Fall auch die Konstanzer Öffentlichkeit. Zu viele Fragen sind bis heute offen. Zu viele Ungereimtheiten gibt es. Der Fall bleibt mysteriös und Spekulationen werden laut, solange bis ein Täter gefunden ist.

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