Defizite bei Südwestdeutscher Philharmonie in Konstanz

Stadt Konstanz muss sechsstelliges Minus ausgleichen – Riem gab zu viel Geld für Star-Solisten aus

Konstanz. Die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem finanziellen Schlamassel ziehen, das der bisherige Intendant Florian Riem Konstanz hinterlassen hat. Die Stadt wird das sechsstellige Defizit voraussichtlich ausgleichen müssen. Mit strukturellen Veränderungen möchten Bürgermeister Claus Boldt und Interimsintendantin Madeleine Häusler aber dafür sorgen, dass das Orchester die Wirtschaftspläne in den kommenden Jahren wieder einhält. Das kündigte Bürgermeister Boldt an. Intendant Florian Riem war offenbar mit der ihm aufgebürdeten Rolle als Intendant, Geschäftsführer und auch noch Controller überfordert. Das sagte Boldt. Der Fortbestand des Orchesters steht aber nicht in Frage.

Defizit blieb lange unbemerkt

Bei einer Pressekonferenz schilderte der Konstanzer Kulturbürgermeister am Dienstag, wie es zu dem Defizit in Höhe von mehreren tausend Euro bei der Philharmonie überhaupt kommen und wie es scheinbar unbemerkt immer größer werden konnte. Am Anfang stand nach Aussage Boldts ein Krankheitsfall in der Buchhaltung der Philharmonie. Deswegen habe es keine Quartalsberichte gegeben und niemand sei darauf aufmerksam geworden, dass sich erstmals im Jahr 2011 ein gewaltiges Defizit ansammelte.

Riem nannte falsche Zahl

2011 rechnete die Stadt zunächst noch mit einem überschaubaren Minus von 26.000 Euro. Diese Zahl hatte Riem vor dem Orchesterausschuss genannt. Doch es sollte viel schlimmer kommen. Erst als sich ein neuer Buchhalter eingearbeitet hatte, zeigte sich, dass tatsächlich 309.000 Euro fehlten. Da war es schon März 2012 – und im Jahr 2011 konnte nichts mehr eingespart werden. Boldt sagte, er habe Riem vertraut.

Minus wuchs heimlich

Mittlerweile steht fest, dass das Jahr 2011 kein Ausreißer gewesen ist, sondern auch im Jahr 2012 am Ende wieder Geld fehlen wird. Das Rechnungsprüfungsamt rechnete hoch, dass es voraussichtlich 206.000 Euro sein werden. Bürgermeister Claus Boldt beschönigte bei der Medienkonferenz im Konstanzer Rathaus nichts. Er sagte, er sei „außerordentlich erstaunt“ und „überrascht“ gewesen. Boldt sprach von „erschreckenden Zahlen“. Persönlich sei er aber nicht verantwortlich, stellte Boldt klar. Da es keine Quartalsberichte gegeben habe, habe er auch nicht feststellen können, dass sich ein Minus angehäuft hatte.

So entstand das Defizit

Dicke Brocken 2011 waren die Honorare für Solisten und Gäste, so Boldt. 440.000 Euro gab das Orchester dafür aus. Das waren 100.000 Euro mehr als vorgesehen und etwa doppelt so viel wie noch 2007 oder 2008. Für Verstärkungen zahlte die Südwestdeutsche Philharmonie 164.00 Euro, weil Stücke mit großen Besetzungen oder Dienstpläne dies erforderten. Im Wirtschaftsplan sei für diesen Posten nur halb so viel Geld vorgesehen gewesen. Auch die Kosten für Werbung lagen im vergangenen Jahr um 80.000 Euro über dem im Wirtschaftsplan vorgesehenen Betrag. Offenbar spielten die Musiker 2011 zudem an den Grenzen ihrer persönlichen Belastbarkeit. Aushilfen mussten kranke Mitarbeiter ersetzen – was weitere Kosten verursachte.

Mehr Ausgaben, weniger Sponsoren

2012 habe sich diese Entwicklung fortgesetzt, sagte Boldt. Er sprach von „Parallelitäten“. Für Solisten waren in diesem Jahr 430.000 Euro vorgesehen, die tatsächlichen Ausgaben lagen aber bei 524.000 Euro. Statt 60.000 Euro kosteten Aushilfen 117.000 Euro. Zurück gingen gleichzeitig die Einnahmen durch Sponsoring. Aufgrund der Negativschlagzeilen kamen statt der erwarteten 130.000 Euro nur 60.000 Euro zusammen. Zudem musste die Philharmonie auf 50.000 Euro aus einem Interreg-Programm verzichten, die Riem eingeplant hatte.

Menschliche Orchesterchefin

Bürgermeister Claus Boldt möchte in Zukunft weniger Geld für große Namen ausgeben. Interimsintedantin Madeleine Häusler, die zuvor Geschäftsführerin und Dramaturgin des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt, Musikdramaturgin und Referentin des Generalmusikdirektors am Hessischen Staatstheater Wiesbaden und zuletzt Geschäftsführerin des Fachbereiches 2 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt gewesen ist, sagte, Musiker sei ein sehr anstrengender Beruf. Sie möchte, dass die Konstanzer Musiker, die auch in Stuttgart, Mailand oder Turin spielen, nicht mehr so oft ans Limit gehen müssen. Sie kündigte zudem an, mit weniger teuren Solisten das künstlerische Niveau halten zu wollen. Unter den Nachwuchskünstlern gebe es „spannende Leute“, die nicht auf jedem Festival zu hören seien. Die Interimsintendantin sagte weiter, beim „Don Juan“ sei aktuell statt der 12-er Besetzung nur eine 10-er Besetzung vorgesehen. Damit spare das Orchester 3.500 Euro.

Philharmonie unterfinanziert

Claus Boldt kündigte an, dass die Personalkosten für das Orchester wegen Tariferhöhungen im kommenden Jahr steigen werden. Etwa zweieinhalb Stellen seien für strukturelle Veränderungen nötig, um die Verantwortung zu teilen. Es könne nicht sein, dass wenn eine Person in der Buchhaltung ausfalle, der Überblick über die Ausgaben verloren gehe. Das Orchester sei massiv unterfinanziert und in der Verwaltung auch unterbesetzt. Das sieht auch Madeleine Häusler so. Ob das Orchester in Zukunft möglicherweise besser mit einem Generalmusikdirektor und einem Verwaltungsleiter fahren würde, ließ Boldt offen. Im Theater Konstanz gebe es einen Intendanten und eine Verwaltungsleiterin.

Orchester kann nicht zahlen

Madeleine Häusler, die vorerst nur eine befristete Stelle hat, aber nicht ausschließt, dass sie sich auf die Stelle der Intendantin bewerben könnte, sagte, künstlerisch stehe das Orchester sehr gut da. Florian Riem wollte sie nicht kritisieren. Sie sagte, sie wolle einen Wirtschaftsplan aufstellen, den sie einhalten kann. Dass das Orchester das angefallene Defizit selbst ausgleichen kann, schliesst Boldt aus. Faktisch werde die Stadt fürs Minus aufkommen müssen.

Druckfrisch Bürgermeister Claus Boldt und Interimsintendantin Madeleine Häusler präsentieren das neue Programmheft.

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