Der Stau in der Konstanzer Innenstadt brennt unter den Nägeln

Konstanz. Der Stau und das Gedränge in Konstanz ist zum Ärgernis geworden. Auf Facebook und auf See-Online hat in den vergangenen heißen „Einkaufstagen“ die Debatte begonnen. Viele haben sich Luft gemacht und ihre Ideen eingebracht. Immer mehr Konstanzer fordern von der Stadt echte Lösungen. Spätestens 2014, wenn in Baden-Württemberg die Gemeinderäte neu gewählt werden, müssen auch die Konstanzer Parteien kreative Vorschläge machen, wobei die meisten Konstanzer Bürger solange nicht mehr auf Lösungen warten wollen. Denn es geht um die Aufenthalts- und Lebensqualität in dieser Stadt – heute, jetzt sofort und in Zukunft.

Nicht die Schweizer sind schuld

Wer das Unbehagen als anti-schweizerische Stimmungsmache abtun möchte, irrt und macht es sich auch viel zu leicht. Ein Kommentator stellte auf Facebook treffend fest: „Es geht nicht um die Schweizer, sondern um ein Infrastrukturproblem. Wenn wir das nicht lösen, erzeugt es eben jene Ressentiments. In Berlin ist das doch nicht anders. Die Gentrifizierung erzeugt Hass auf die Zugezogenen.“

Vorwurf an Gemeinderatsmitglieder

Auf See-Online hinterließ ein Besucher folgendes Statement: „Die Lösung der Verkehrsprobleme hätte der Gemeinderat längst beschließen und umsetzen können, allein er tut – gar nichts; außer seit Jahren kollektiv wegzuschauen, indem er sich in den durch und durch anarchischen Versuchen seiner Planer (und all derer, die sich als solche berufen fühlen) gefällt, den Kfz-Strom in der Laube auf NULL km/h zu reduzieren und vorm Bahnhof Begegnungen der unheimlichen Art zu provozieren.“ Ein anderer schrieb: „Wenn ich von Petershausen aus nach Singen zum einkaufen fahre habe ich dort schneller einen Parkplatz als wenn ich ‘Gott bewahre mich davor’ nach Konstanz rein fahren würde.“

ÖPNV leidet auch

Wer auf Autofahrer zeigt, die auch nur in Erwägung ziehen, das Auto für eine innerstädtische Strecke zu nutzen, und behauptet, der Kunde aus Petershausen könnte ja den Bus nehmen, ist wahrscheinlich selbst schon lange nicht mehr Bus gefahren. In der vergangenen Woche posteten die Konstanzer Stadtwerke schon vorsorglich, dass es wohl wieder zu Verspätungen kommen werde. Und es kam zu Verspätungen. Der ÖPNV leidet ebenfalls unter der Überfüllung der Stadt mit Blech. Einkaufs- und Arbeitspendler, die den Bus nehmen, haben das Nachsehen. Nur das Fahrrad taugt noch als Alternative, aber am besten ohne Kinderanhänger, damit notfalls ein Ausweichen auf den Gehweg und Umfahren des Staus möglich ist.

Einkaufen im Web statt in der City

Der Handel, der von den Einkaufstouristen profitiert, und Menschen, die in Konstanz wohnen und deren persönliche Freiheit und Lebensqualität etwas ramponiert ist, haben unterschiedliche Interessen. Erschrecken müssten den Handel aber Posts, in denen Konstanzer freimütig erklären, sie hätten es längst aufgegeben, in die Innenstadt zu fahren, und kauften bevorzugt online ein. Viele schreiben, dass sie die Innenstadt so gut es geht meiden. Ob sie je wieder in ihre Einkaufsstadt zurückkehren werden, wenn sich an den Wechselkursen eines Tages etwas ändert?

Bitte nicht nur alte Kamellen

Und die Kommunalpolitik? Ein CDU-Stadtrat, dessen Frau von einer Verspätung des Busses betroffen war, schrieb an den OB. Die SPD warf eine alte Kamelle ins Publikum und warb für Wassertaxis, was die Heimatzeitung dem Vernehmen nach auch aufgegriffen hat. Ach ja, von einer Parkpalette bei der Schänzlebrücke auf linksrheinischer Seite soll auch noch fabuliert worden sein. Dieser Vorschlag dürfte all jene verzweifeln lassen, die schon heute unter dem Park-Such-Verkehr leiden – ganz zu schweigen von von fremden Autos zugeparkten Anwohnerparkplätzen.

Fantasie und Konsequenz

Wie wäre es mit ein bisschen anderem Denken? Stellen wir uns vor, der Verkehr würde vom Autobahnzoll direkt über die neue Rheinbrücke ausnahmslos auf einen P&R Parkplatz am rechtsrheinischen Brückenkopf geleitet. Es dürfte keine Abbiegemöglichkeit ins Paradies und auch keine mehr Richtung Spanierstraße und alte Rheinbrücke geben. Ein Busshuttle, den der Handel finanziert, könnte im 10-Minuten-Takt die Einkäufer auf einer Busspur ins Zentrum bringen. Die Zufahrt zu den Parkhäusern der Innenstadt, in denen Einkäufer aus Dettingen oder Angestellte, ihre Autos parken, wären nur noch über die alte Rheinbrücke zu erreichen. Das linksrheinische Konstanz wäre eine Anlieger(frei)-Zone, der Stephansplatz ein Anlieger und Fahrradparkplatz und das Paradies eine Anliegerzone. Autos ohne Parkberechtigung würden, was zuvor auf Schildern angekündigt würde, konsequent abgeschleppt. Nur von der Citymaut sollten wir die Finger lassen, da 20 oder 30 Euro unseren Schweizer Nachbarn wegen der höheren Kaufkraft und dank der großzügigen, dringend abzuschaffenden Mehrwertsteuerrückerstattung nicht weh täten, es Konstanzern aber vollkommen unmöglich machen würde, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Davon, dass in Kreuzlingen Parkplätze entstehen, sollte in Konstanz übrigens niemand träumen, solange der Detailhandel am Boden liegt. Dass sich der Verkehr nicht leiten lässt, ist übrigens ein Trugschluss. Wie es geht, zeigen uns Skigebiete. Eine Stadt, die ganze Stadt, muss es nur wollen.

6 Kommentare to “Der Stau in der Konstanzer Innenstadt brennt unter den Nägeln”

  1. Franz Sauerstein
    7. Januar 2013 at 10:24 #

    Reif zum Drucken, unterschreiben und kuvertieren an den Gemeinderat! Super!

  2. Gaby
    7. Januar 2013 at 13:46 #

    Der Artikel bringt es genau auf den Punkt.

  3. dk
    7. Januar 2013 at 20:25 #

    Dem kann man entgegen halten: mit dem Zentrumsprinzip wurde ausdrücklich eine „volle Stadt“ gewünscht und angestrebt. Dieses Ziel wurde deutlich sichtbar erreicht. Die Konstanzer sind Nörgler und ewig unzufrieden.

    Wenn man nun wieder ein Kulturhaus anstrebt und das durchs Marketing (mehr Besucher, mehr Kaufkraft, u.a.) begründen will (muss), muss man doch nicht aufwendig erst Besucher vergraulen, damit es etwas leerer wird und die Kultur-Fans erreichen können.

    Da dreht man sich im Kreise, völlig irrational, verückt und unwirtschaftlich. Man kann doch nicht eingestehen, dass ein erfolgreiches Konzept nach Jahrzehnten überholt ist.

  4. dk
    8. Januar 2013 at 14:22 #

    Beachtlich ist das Einkaufsverhalten der CHer: im Baustoffhandel Anfang der 80er Jahre wurde eindringlichst die „staubfreie“ Lieferung in die CH verlangt: alleine deutlich niedrigere Preise reichten nicht aus. Ein Top-Fahrer aus der CH waschte für die Touren täglich sein Auto, benutzte nach dem Abladen seinen Besen und spritzte das Auto in der Mittagspause auf dem Hof ab. Man hatte das Gefühl, als wenn Ziegelsteine in Geschenkpapier verpackt werden sollten. Wie gesagt: der niedrigere Preis erschien Nebensache.

    Vor kurzem hat eine CHer Zeitung einen Artikel über sog. „Armut“ in der CH berichtet, was für hiesige Verhältnisse schon krass ist und für nörd-/östlichere Regionen schon extrem merkwürdig erscheint.

    Vor einem Jahr habe ich die Altstadt besucht und mir beim Anblick der Laube (heute Baustelle) noch gedacht, dass KN trotz Kreuzlingen keine Ahnung von der CH hat. Nun muss ich zugeben, so richtig verstehe ich das nicht mehr: die Wahrscheinlichkeit von staubiger Kleidung nach dem Besuch in KN ist doch ziemlich gross. Vielleicht haben die CHer einen neuen anderen Begriff von „Kauferlebnis“ erfunden.

    PS.
    Bemerkenswert aber auch, dass Fr. Kässer auch etwas künstlich provokantere und bissigere Kommentare veröffentlicht.
    Da wundert man sich bei Zeitgenossen, wo man denkt, auf der gleichen Linie zu liegen; wahrscheinlich schreibt man zu locker, um zum veröffentlichbaren Fanclub zu gehören.

    • wak
      8. Januar 2013 at 14:40 #

      @dk Was heißt hier künstlich? Ich lebe in dieser Stadt.

  5. dk
    8. Januar 2013 at 19:27 #

    Es waren meine eigenen „künstlich lästernde“ Kommentare gemeint. Ich war überrascht, dass sie freigegeben wurden. Die Bandbreite der Umgangsformen ist riesig und wird zur völligen Verwirrung erschwerend ganz unterschiedlich bewertet. Da wird es einmal wieder Zeit, ein Loblied auf das Internet einzustimmen und ein paar freundliche Mails an US-IT-Firmen zu schreiben.

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