Deutsch-Schweizer Postwege: Startup an der EU-Außengrenze in Konstanz und Kreuzlingen

Schweizer Thomas Leuenberger nimmt auch Päckchen für Deutsche an

Konstanz/Kreuzlingen Wenn Kunden Waren bei Anbietern im World Wide Web bestellen, kann die Deutsch-Schweizer Grenze für Schweizer zu einem echten Hindernis werden. Hohe Versand- und Verzollungsgebühren fressen den vermeintlichen Preisvorteil beim Online-Einkauf schnell auf. Auch deswegen boomen Versanddepots und Lieferadressen an der EU-Außengrenze. Schweizer, die in Deutschland online bestellen, lassen sich ihre Waren nach Konstanz liefern, und Deutsche, die in der Schweiz einkaufen, geben eine Kreuzlinger Adresse an. Dienstleister Thomas Leuenberger spielt den Mittelsmann. Er nimmt für seine Kunden seit August gegen Gebühr Päckchen diesseits und jenseits der Grenze an. Alles, sagt er, ist ganz legal.

Am Anfang ein Billardqueue

Am Anfang war ein Billardqueue. Das vermeintliches Schnäppchen aus Deutschland wurde für Thomas Leuenberger an seiner Haustüre in Kreuzlingen fast zum Flop. 36 Franken zusätzlich sollte der Schweizer bezahlen. Die Zusatzkosten vermasselten dem Billardspieler die Freude über die Lieferung. So wie Thomas Leuenberger geht es vielen seiner Landsleute, wenn sie online einkaufen. Verdutzt schauen Schweizer und in der Schweiz wohnende Deutsche, wenn sie für in Deutschland online bestellte günstige Waren plötzlich zusätzlich zum Kaufpreis hohe Versandkosten und Verzollungsgebühren zahlen sollen.

Schweizer holen Ware in Konstanz

Kein Wunder, dass sich ein Schweizer, der in Amriswil wohnt, eine Motorsäge lieber nach Konstanz anstatt direkt zu sich nach Hause liefern lässt. Für die Schweizer lohnt es sich sogar, die in Konstanz in Leuenbergers Versanddepot abgeholte Ware anschließend legal in die Schweiz einzuführen. Denn die Mehrwertsteuer ist in Deutschland viel höher als in der Schweiz. Um die Mehrwertsteuer zurückzufordern, brauchen die Schweizer ein vom Verkäufer ausgefülltes und vom deutschen Zoll abgestempeltes Warenausfuhrformular. Wer Waren über die Grenze schmuggelt, bekommt nichts zurück. „Es gibt ein Interesse, Waren legal einzuführen“, sagt Leuenberger.

Einkauf in der Schweiz teurer

Fast alles kostet in der Schweiz mehr als in Deutschland. Der Euro ist schwach und der Franken stark. „Die Kaufkraft in der Schweiz ist höher“, sagt Leuenberger. Er ist sich sehr sicher: Ein Auto, das in der Schweiz 60.000 Franken kostet, ist in Norddeutschland für 50.000 Franken zu haben. Der Import sei nicht mehr so kompliziert. Blöd nur, dass Leuenberger in seinem Versanddepot in Konstanz keine Autos unterstellen kann. „Ich möchte es nicht auf der Straße stehen lassen“, sagt der Dienstleister. Leuenberger kennt die Faustregel und überschlägt: „Deutsche Waren sind um ein Drittel billiger.“ Deswegen nimmt er derzeit Bücher und DVDs, Waren aus dem Baumarkt, Unterhaltungselektronik, Autozubehör oder auch einmal eine Solaranlage für Schweizer in seinem Depot in Konstanz in Empfang. Und noch etwas spielt eine Rolle: Nicht alle Anbieter liefern in die Schweiz. Leuenberger geht davon aus, dass Hersteller diesseits und jenseits der Grenze andere Preise festgesetzt haben.

Deutsche holen Päckchen in Kreuzlingen

Neu ist die Nachricht, dass auch Deutsche trotz des schwachen Euros gern die Dienstleistung, die der Mittelsmann in Kreuzlingen anbietet, in Anspruch nehmen. Vor allem iPhones haben Deutsche zuletzt häufig in der Schweiz bestellt. Der Grund: In der Schweiz gibt’s iPhones ohne Vertragsbindung. Das ist nicht nur für Deutsche, die nahe der Grenze leben, attraktiv. Leuenberger hatte zum Beispiel auch Kunden aus der Nähe von Frankfurt. Weiteres Beispiel: Auch Unterhaltungselektronik, die exklusiv in der Schweiz vertrieben wird, kaufen Deutsche offenbar im Nachbarland. Wer sich ein Päckchen an Leuenbergers Adresse in Kreuzlingen liefern lässt, muss es aber bei ihm persönlich abholen. „Über die Grenze bringe ich die Ware nicht“, sagt der Schweizer mit Depots in beiden Ländern.

Auf der Suche nach neuen Kunden

Im Augenblick denkt Leuenberger darüber nach wie er seinen Kundenkreis noch erweitern könnte. Aktuell hat er Kontakt zu einem Schweizer Bierbrauer. Vielleicht wird der Bierbrauer demnächst eine größere Lieferung an Leuenberger schicken. Der Schweizer würde dann von seiner Adresse in der Wollmatinger Straße in Konstanz aus den Einzelversand an die Bier trinkenden Endverbraucher in Deutschland übernehmen. Vielleicht stapelt sich eines Tages in Leuenbergers Versanddepot auch noch eine Palette mit Schweizer Schokolade. Doch das ist erst einmal eine Vision. Ein weiteres Geschäftsfeld des Schweizers sind Briefkästen, an die sich Kunden Zeitschriften schicken lassen können, die sie nur abonniert haben, um eine attraktive Prämie wie ein Meilenkonto bei einer Fluggesellschaft zu bekommen, sagt Leuenberger.

Ab 40 Kilo nur mit Voranmeldung

Im ersten Monat hatte er schon 100 registrierte Kunden. Bestellungen, die über 40 Kilo wiegen, müssen die Kunden des Versanddepots zuerst bei Leuenberger anmelden. Blöd wäre es, wenn ihm eine Spedition unangekündigt eine Palette vor die Tür stellen würde, die er ohne Hubwagen nicht alleine heben könnte. „Ich kann Ware ja nicht vor der Türe stehen lassen.“

EU-Beitritt der Schweiz wäre fatal

Das Schlimmste, was Leuenberger passieren könnte, wäre der Beitritt der Schweiz zur EU. „Das kann ich für die nächsten zehn Jahre ausschließen“, sagt der Schweizer. Realer ist ein politischer Vorstoß. Die teuren Verzollungsgebühren gefallen auch dem Ständerat nicht. Ab 1. Januar soll der Freibetrag angehoben werden, so Leuenberger. Auch deswegen ist er ständig auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern für sein Startup. Zudem ist Leuenberger nicht der einzige, der die Idee hatte, Lieferadressen anzubieten. Einen Wettbewerbsvorteil möchte er sich mit einem „bombigen Kundenservice“ und Flexibilität verschaffen.

Foto: Thomas Leuenberger vor seinem Versanddepot in Konstanz.

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