Drei Jahre Gefängnis für Fischbacher Posträuber

Heute 19-Jähriger zog Gaspistole und versetzte Opfer in Todesangst

Ravensburg/Fischbach (sig) Zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren hat die 2. Große Jugendkammer des Landgerichts Ravensburg den Fischbacher Posträuber Benjamin F. verurteilt. Der zur Tatzeit Achtzehneinhalbjährige hatte im November vergangenen Jahres die Postagentur in Fischbach überfallen.

Täter war nach einer halben Stunde gefasst

Die Freude des Mannes über die Beute von 1245 Euro in bar sowie Zigaretten im Wert von etwa 100 Euro dauerte allerdings nur eine halbe Stunde. Dann hatte die Polizei nach einer exakten Täterbeschreibung den unter Geldnot leidenden Täter am Fischbacher Seeufer gefasst. Gestern wurde der mittlerweile 19-Jährige in Fussfesseln aus der Untersuchungshaft vorgeführt, in der er sich seit fünfeinhalb Monaten befindet — und nach fünf Stunden wieder dorthin zurückgeschickt.

Ungeladene Gaspistole im Hosenbund

Es war der 6. November vergangenen Jahres gegen 11 Uhr, als sich der junge Mann ein Tuch über’s Gesicht und eine Kapuze über den Kopf zog, eine ungeladene Gaspistole in den Hosenbund steckte und die Postagentur betrat, in der – wie ihm bekannt – nur die Leiterin anwesend war. Die schrie auf, als sie plötzlich in eine Pistolenmündung blickte, nachdem sie dem vermeintlichen Kunden eben noch ein freundliches „Hallo“ zugerufen hatte.

Geld in Aldi-Tüte gepackt

Während er ihr unvermittelt die echt aussehende Waffe vor den Körper hielt und sie in einen hinteren Raum dirigierte, ging sie kurzzeitig ohnmächtig zu Boden. Auf die Frage des Räubers, wie die Registrierkasse zu öffnen sei, gab die von Todesangst Erfasste keine Antwort. In der Folge leerte der Täter eine Ladenkasse und schaffte es auch, die Registrierkasse zu öffnen. Den Bargeld-Inhalt steckte er in eine Aldi-Tüte. Bevor er die Postagentur verließ, rief er der von einem Schwächeanfall erfassten Frau zu, sich drei Minuten ruhig zu verhalten.

Überfallene nach Raub unter Schock

Immer noch unter Schock stehend, sah die Frau den Täter dennoch in Richtung Seeufer davon laufen. Die Polizei zu rufen war sie (noch) nicht in der Lage, obwohl sie bereits den Hörer in Händen hielt. Das tat dann eine hinzukommende Kundin. „Ich bin gerade überfallen worden“, berichte sie auch einem Kunden, und gab dem eine Beschreibung des Täters. Der nahm dessen Verfolgung auf und konnte der Polizei kurz darauf die entscheidenden Hinweise über den Fluchtort geben. Für die Beamten war es anschließend nicht mehr schwer, den Räuber samt Beute zu greifen.

18-Jähriger in der Abwärtsspirale

Der in Bermatingen aufgewachsene und mit acht Jahren nach Eriskirch gekommene Täter hat mit gutem Erfolg den Hauptschul-Abschluss gemacht und anschließend eine Anlagenmechaniker-Ausbildung beginnen. Kurz vor der Gesellenprüfung wurden plötzlich seine Noten schlechter und ihm von seinem Lehrherren gekündigt. Der Grund: Dem Azubi war plötzlich Party wichtiger als lernen. Nach zwei Wochen ließ sich der Lehrherr noch einmal erweichen und gab ihm eine neue Chance und ihn wieder auf. Doch der 18-Jährige nahm sie nicht wahr. Wegen unentschuldigter Fehlzeiten hagelte es die neuerliche Kündigung und den Rauswurf auch aus der elterlichen Wohnung.

Freundeskreis der Rechten Szene

Mit elf Jahren war der Angeklagte zum ersten Mal beim Stehlen erwischt worden. Es gab Stress mit dem Stiefvater. Seinen leiblichen Vater kennt er nicht. Im Alter von 14, 15 Jahren wurde der Alkohol ein Thema. Vor zwei Jahren eskalierte die Situation zuhause. Es wurden Einbrüche mit seiner Beteiligung bekannt. Er lebte zwei Monate bei einem Onkel. Und er geriet in einen Freundeskreis der Rechten Szene. „Ich hab‘ mich halt mit denen gut verstanden“, politisch sei er nicht engagiert gewesen, sagte er vor der Kammer. Keine Antwort erhielt der Vorsitzende Jürgen Hutterer, wie sich denn „Ruhm, Ehre und Stolz“ mit einem „gemeinen Dieb“ vereinbaren lasse? Zur Tatzeit lebte er aus Geldnot bei einem Freund in Fischbach.

Überfall auf Postfiliale in Fischbach kurzzeitig geplant

Er habe nur die Möglichkeit gesehen, durch einen Einbruch aus seiner Finanzklemme zu kommen. Die Postfiliale in Fischbach zu überfallen sei ihm erst drei Tage vor der Tat eingefallen. „Ich hab‘ gedacht ich geh kurz rein, nehm das Geld und geh‘ raus“, berichtete er dem Gericht. In einem mitgeführten Rucksack hatte er Kleidungsstücke zum Wechseln dabei.

Staatsanwaltschaft wollte viereinhalb Jahre

Eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren hatte die Staatsanwaltschaft beantragt und darin auch einen Vorfall vom 7. Oktober vergangenen Jahres in der Häfler Riedleparkstraße einbezogen. Damals hatte der Angeklagte ihn wegen Lärmbelästigung kontrollierende Polizeibeamte unter anderem als „Bullenschweine“ beschimpft, sich gegen das Handschließen gewehrt, Pfefferspray eingesetzt und einen Polizisten verletzt. Im Einvernehmen mit dem Gericht und der Verteidigung war dieser Anklagepunkt in das gestrige Verfahren des schweren Fischbacher Raubes einbezogen worden.

Richter entschied drei Jahre Jugendstrafe

„Deutlichst zuviel“ war dieses Strafmaß für Rechtsanwalt Gerd Pokrop, der darauf hinwies, dass sein Mandant – der fraglos schwere Schuld auf sich geladen habe — bei dieser Strafdauer keine Perspektive mehr habe. Er plädierte für eine Jugendstrafe von maximal drei Jahren. Dem schloss sich auch die Kammer an. Wegen schweren Raubes, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und Körperverletzung erkannte sie auf eine Jugendstrafe von insgesamt drei Jahren. In seiner Urteilsbegründung sprach Vorsitzender Hutterer von einem „klassischen Raubüberfall“, der planerische und professionelle Züge getragen habe. Grund des Überfalls sei die Pleite des Angeklagten gewesen, der vor lauter Party- machen abgestürzt sei. Ohne Waffeneinsatz wäre die Strafe wesentlich geringer ausgefallen, erinnerte der Richter an das auch für Polizisten professionelle Aussehen der Pistole. Das Opfer sei in Todesangst versetzt worden und leide durch das Geschehen immer noch unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Letzte Chance für heute 19-Jährigen

Mit der Jugendstrafe von drei Jahren will die Kammer dem jungen Mann eine letzte Chance geben. „Wir wollen ihn nicht vernichten, er soll in der Haft seine Lehre beenden“, hofft Hutterer, um den 19-Jährigen eindringlich mit auf den Weg zu geben, ihn hier (vor Gericht) nie mehr sehen zu wollen.

Foto: Thorben Wengert PIXELIO

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