Drogenkurier: "Ich weiß, ich war ein Dummkopf"

Landgericht sprach die Urteile im Drogenprozess

Friedrichshafen/Ravensburg (sig) Zwei statt sechs. Anstatt der geplanten sechs Verhandlungstage hat die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Ravensburg gestern die drei Angeklagten bereits am zweiten Drogen-Prozesstag abgeurteilt. Vier Jahre und neun Monate Gefängnis lautet das Urteil gegen die beiden Haupträdelsführer.

Kiloweise hatten die drei Männer aus Friedrichshafen als Verbindungsmann, Fahrer beziehungsweise Empfänger Kokain von hoher Qualität von Rotterdam nach Friedrichshafen geschafft (wir berichteten). Bei einer der Touren zwischen Frühjahr und Herbst vergangenen Jahres war der Schneetransport aufgeflogen und die Lawine losgetreten. Die drei wurden gefasst. Seit Ende April steht das Trio wegen des Beschaffens, bandenmäßigen Handelns von nicht geringen Mengen Betäubungsmitteln vor Gericht, in Fußfesseln aus der Haft vorgeführt. Unterstützt von sechs Verteidigern und begleitet von einer großen Fangemeinde, die auch gestern den Schwurgerichtssaal 1 füllte und offenbar viel Spaß hatte.

Überraschende Entwicklung dann am gestrigen zweiten Prozesstag. Bereits am Vormittag trafen sich Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidiger zu einem Deal hinter verschlossenen Türen. Ihr Ziel: Kurzen Prozess machen. Sie vereinbarten für die beiden Hauptbeschuldigten Strafobergrenzen von fünf Jahren sowie drei Jahre für den angeheuerten dritten, der als Kurier im Einsatz war. Vorbehalt der Kammervorsitzenden Martina Hirsch: Alle drei Angeklagten sollten glaubhafte Geständnisse ablegen. Ein solches hatte zu diesem Zeitpunkt erst der 38jährige Strippenzieher Bekim K. abgelegt. Die Aussicht, mit maximal fünf beziehungsweise drei Jahren davonzukommen, animierte dann auch die beiden anderen, ihre Anwälte zu beauftragen, ihre Taten einzuräumen.

Die Kammer sah das Trio überführt, mehrere Kilogramm Kokain mit hoher Qualität aus den Niederlanden unter anderem nach Friedrichshafen eingeführt und damit gehandelt zu haben zu haben. Wo das Kokain letztlich landete ist nicht ermittelt. „Wir haben nicht die ganze Wahrheit erforscht“, räumte der Oberstaatsanwalt ein. Und: „Damit müssen wir leben“.

Auf Drängen des Angeklagten Ralf G. (40) hatte der 38jährige Bekim K. seine Drogenbeziehungen zwischen den Niederlanden und dem Kosovo spielen lassen. Ein erster Transport war aufgeflogen. Zu einem zweiten fehlte zunächst der Fahrer, den G. schließlich in dem 43jährigen Uwe H. fand. Der ließ sich überreden, wurde geschnappt (wir berichteten). Angaben zur Abnehmerseite des Kokain wollte G. über seinen Anwalt aus „Angst vor Repressalien“ nicht machen. Um wieviel Kokain es letztlich ging? Einmal waren drei Pakete von 2,7 Kilogramm unterwegs. Dann sollen es drei Kilogramm gewesen sein. Der Handelswert belief sich auf mehrere Zigtausend Euro.

Ein Mitarbeiter des Landeskriminalamtes berichtete als Zeuge, wie schwierig es gewesen war, die verklausuliert geführten Handygespräche der Verdächtigen abzuhören. Unbekannt ist bis zuletzt nicht nur der Verbleib des Kokain, sondern auch der Hintermann im Kosovo mit dem Decknamen „Peja“ geblieben.

Der Vorwurf des „bandenmäßigen“ Handelns wurde vom Gericht nicht aufrecht erhalten, weil lediglich zwei der drei Angeklagten engeren Kontakt hatten, der dritte (Kurierfahrer) eher zufällig dazustieß. Eine Bande allerdings muss aus mindestens drei Personen bestehen, Was blieb, war das Handel treiben erheblicher Mengen Rauschgift.

Bei der Strafzumessung hielten Staatsanwaltschaft und Gericht dem 38jährigen Bekim K. sein Geständnis zugute. Er wurde letztlich dennoch zu vier Jahren und neun Monaten wegen des Einführens und Handelns mit Betäubungsmitteln in drei Fällen verurteilt, wobei hinzukam, dass er die Straftaten in einer Bewährungszeit aus einer früheren noch nicht komplett abgesessenen Verurteilung beging. Hinzu kommt, dass er nach der Verbüßung in den Kosovo abgeschoben wird.

Der 40jährig Ralf G. wurde dreier Taten der Anstiftung zum handel mit Betäubungsmitteln überführt und ebenfalls zu vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Wie bei K. wurde auch bei ihm Haftfortdauer angeordnet.

Milde gab es für den 43jährigen Uwe H., der als Kurierfahrer angeheuert worden war. Wegen unerlaubter Einführung von Drogen und Beihilfe zum Handel treiben kommt er mit zwei Jahren und zehn Monaten davon. Sein Haftbefehl wurde aufgehoben. Die Vorsitzende Martina Hirsch sprach ihm gegenüber von einem „deutlichen Entgegenkommen der Kammer“. Ihm will man die Rückkehr in die Familie mit zwei Kindern ermöglichen und die Chance erhalten, seinen Betrieb fortführen zu können. „Ich weiß, ich war ein Dummkopf“, sagte er in seinem Schlusswort. Er habe in der Haft derart viele einsitzende junge Leute und sogar Kinder gesehen, dass er nach seiner Strafe helfen wolle, sie wieder in ein geordnetes Leben zu integrieren.

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