Eklat im Ravensburger Amtsgerichtssaal: Notarzt und Sanitäter stabilisieren Angeklagte

Verteidiger verlässt unter Protest den Saal – 18 Monate Gefängnis für rumänische Diebinnen

Ravensburg. Das hat das Ravensburger Amtsgericht noch nicht erlebt: Zunächst nimmt der Prozess gegen zwei Rumäninnen wegen schweren Bandendiebstahls (dank deren Geständnisse) einen flotten Auftakt. Plötzlich müssen Notarzt und Sanitäter gerufen werden, da die Gefahr besteht, dass eine der am ganzen Körper zitternden Angeklagten kollabiert. Schließlich verlässt einer der drei Verteidiger während der Urteilsbegründung unter Protest den Saal, nachdem das Gericht seinem Antrag auf Milde nicht gefolgt ist. Er sprach von einem „ausländerfeindlichen Urteil“. Unter dem Vorsitz von Richter Göpfert schließt sich das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft an und verurteilt die zwei seit knapp vier Monaten einsitzende Rumäninnen zu je 18 Monaten Gefängnis. Die Frauen sollen Mitglieder einer gewerbsmäßigen Bande gewesen sein.

Drei Verteidiger im Saal

Zwei Pflichtverteidiger und ein Wahlverteidiger aus Frankfurt standen gestern den beiden Rumäninnen zur Seite, doch nur die beiden Pflichtverteidiger taten das bis zum Ende der sechsstündigen Verhandlung. Schon in einer Pause hatte der Frankfurter Anwalt gegenüber der SZ ein „institutionelles ausländerfeindliches“ Urteil wegen eines „Pippifax“ befürchtet, wegen dem kein Deutscher in den Knast geschickt würde.

Diebesgut unter langen Röcken

Der „Pippifax“: Im Mai dieses Jahres hatten die beiden 31- und 37-jährigen Frauen sechs Mal in verschiedenen Geschäften und Fachmärkten in Ulm, Münsingen, Bad Saulgau und Weingarten Laptops und teure Kosmetika im Wert von etwa 10.000 Euro mitgehen lassen. Versteckt in langen Röcken mit Reißverschluss an der Seite, „Zigeunerröcken“, wie sie ein Verteidiger nannte, innerhalb der sie eine Schürze mit großen Taschen um den Bauch gebunden hatten, in der sie sogar Notebooks verschwinden lassen konnten. Bei ihrem letzten „Einsatz“ am 9. Mai im Kaufland in Weingarten wurden sie festgenommen. Seitdem sitzen sie.

Angeklagte in Fußfesseln

Die in Fußfesseln vorgeführten Frauen, des Schreibens und Lesens wie der deutschen Sprache kaum mächtig, versuchten zunächst glauben zu machen, sie seien aus Geldnot mit einem Reisebus aus Rumänien zufällig nach Deutschland gekommen, um hier auf dem Feld zu arbeiten. Das Verdiente sollte für Arzneien der einen Angeklagten verwendet werden, die an einer chronischen Blutbildstörung leidet und derzeit monatlich Medikamente für über 2.200 Euro benötigt, die von der Justizvollzugsanstalt bezahlt werden. Zu den Diebstählen seien sie von einem Landsmann veranlasst worden, beteuerten sie, den sie zufällig in einem Ulmer Hotel getroffen hätten. Der habe ihnen gesagt, sollten sie in Deutschland keine Arbeit finden, wüsste er eine Möglichkeit – ohne viel Risiko.

Märkte gezielt ausgesucht

Tatsächlich fuhr der dem Gericht bekannte aber flüchtige Rumäne die Frauen in seinem Ford Mondeo mit englischem Kennzeichen im Mai zu Kaufhäusern wie Lidl und Kaufland sowie Elektrofachmärkten wie Media Markt und Expert, um nach seinen Anweisungen bestimmte hochwertige Produkte unter dem Rock einer der Angeklagten verschwinden zu lassen. Die Strategie: Eine der Frauen versteckte nichts am Körper. Sie sollte für den Fall, dass man aufflog, unter lautem Getöse ihre Kleider öffnen und so beweisen, dass beide unschuldig seien – um dann gemeinsam zu verschwinden. Die Diebstähle klappten fünf Mal. Im Kaufland in Weingarten machte ein aufmerksamer Detektiv dem Treiben ein Ende.

Nur zum Stehlen in Deutschland

Die Ermittlungen der Weingartner Polizei überführten die beiden Frauen schließlich, bereits in Rumänien für ihre Diebstähle angeworben worden zu sein, denn die Beamten fanden im Kofferraum des sichergestellten Pkw Packzettel mit den Privatadressen der beiden Angeklagten und Verpackungskartons, in denen das Diebesgut nach Rumänien geschickt werden sollte. Im Navigationsgerät des sichergestellten Fahrzeugs fand die Polizei außerdem Adressen, in denen ausschließlich die heimgesuchten Geschäfte und der „FKK Safari-Club Ulm“ eingegeben waren. „Die waren nur hier um zu klauen“, stand für den Staatsanwalt fest. Die beiden Frauen seien Mitglieder einer gewerbsmäßigen Bande gewesen und nur eingereist, um in kürzester Zeit den ganzen Tag zu stehlen. Ihr Fahrer sei der Chef einer Organisation gewesen, die von Rumänien aus operiert habe. 18 Monate ohne Bewährung lautete seine Forderung.

Täterinnen oder Opfer

Der Wahl-Verteidiger aus Frankfurt plädierte für eine Bewährungsstrafe und die Aufhebung des Haftbefehls. Die Täterinnen seien auch Opfer. Beute und entstandener Schaden seien gering. Es handle sich „fast um einen Modellfall für besondere Umstände“, meinte er.

Richter sprach von Plünderungen

Nachdem Urteilsspruch zeigte er sich „erschüttert“ über die ausgesprochenen 18 Monate Haft ohne Bewährung, die auferlegten Verfahrenskosten und die Aufrechterhaltung des Haftbefehls. Beim Hinweis von Richter Göpfert, zunächst über eine Strafe zwischen drei und vier Jahren nachgedacht zu haben, weil die Angeklagten Regale leergeräumt hätten wie anderswo „bei Plünderungen nach einer Naturkatastrophe“, verließ der Anwalt den Saal. Dass das Urteil angefochten wird, scheint außer Frage zu stehen.

Siegfried Großkopf

Ein Kommentar to “Eklat im Ravensburger Amtsgerichtssaal: Notarzt und Sanitäter stabilisieren Angeklagte”

  1. dk
    31. August 2012 at 18:32 #

    Mich hat die Geschichte daran erinnert, dass es in der Umgebung von Ravensburg ein grösseres Heim für geistig behinderte Menschen gibt. Obwohl ich den Lebensalltag in einer Haftanstalt nicht kenne (und es auch nicht vorhabe), könnte ich mir vorstellen, dass soziale Arbeit seelisch, körperlich und nervlich höhere Anforderungen und bleibende Eindrücke hinterlassen kann.

    Aus der Bekanntschaft aus Konstanz würde ein leichter Fall mit sehr gutmütigem Charakter seit der Jugend in diesem Heim betreut (mit häufigem Besuch in KN); als Erwachsener wurde er angelernt und hat dort seine „Heimat“ und Freunde gefunden (inkl. Job für etwas Taschengeld); das Vermögen der Familie wird durch die Betreuung entsprechend finanziell veringert. Alle können mit dieser „besten Situation“ gut leben und bei Treffen entstehen keinerlei Gewissenskonflikte.
    Ein Problem gibt es allerdings: der Behinderte ist Epileptiker, d.h. die Muskulatur ist phasenweise nicht beherrschbar, Stürze folgen, begleitet von Krämpfen und schwerer Verletzungsgefahr, wobei er von üblichen dritten Personen körperlich nicht zur Ruhe gestellt werden kann.
    Höchst beeindruckend war es, als er zu einer grossen Familienfeier von einem Betreuer nach KN begleitet worden ist, weil er aus zeitlichen Gründen nicht abgeholt werden konnte: der Betreuer hat durch seinen Umgang und Persönlichkeit dauerhaft Bewunderung und eigene Verlegenheit hinterlassen.

    Wenn man „Strafe“ anhand der Intensität von psychischer Beanspruchung misst, kann eine 1-jährige Tätigkeit im sozialen Bereich unter Umständen anstrengender sein als 3-jährige Haft und dabei noch lehrreicher und Persönlichkeits-verändernder durch die Betreuten und Betreuer als durch Haftaufseher.
    Die Erkenntnis, dass es in Dt. sinnvolleres gegen Entgelt zu tun gibt als Diebstahl, dürfte sich auch bei Bandenchefs und zukünftigen interessierten Dieben herumsprechen; zumal die stehlenden Frauen als „Hilfskräfte“ wahrscheinlich nur ein Trinkgeld von der Beute bekommen hätten. Natürlich gehört die Leistungsfähigkeit der Polizeibehörden auch dazu.

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