Endgültiges Nein zu privater Security am Konstanzer Seeufer

Jürgen Wiedemann (NLK) wollte Geld für Nachtwanderer – Jugendliche und „Gammler-Mord“ vor 40 Jahren

Konstanz. Mitten durch das bürgerliche Lager im Konstanzer Gemeinderat ging der Riss. Zum Schluss stimmten nur neun Stadträte für private Security im Sommer am Seeufer. Die große Mehrheit war dagegen, einer enthielt sich. Statt eines Sicherheitsdienstes möchte die Kommunalpolitiker Geld für einen Streetworker. Die Beweggründe, aus denen Räte mit ja oder nein stimmten, hatten sehr viel mit persönlichen Erfahrungen zu tun.

Geld für Streetworker ausgeben

Roger Tscheulin (CDU) stand von Anfang an ziemlich alleine, als er dafür plädierte, eine private Security an Freitag- und Samstagabenden am Schänzle, im Herosépark und an der Seestraße einzusetzen. Das wollte außer der CDU niemand. Gabriele Weiner (Freie Wähler) sagte, die Stadt solle die 35.000 Euro lieber in Jugendarbeit investieren. Sie sagte: „Wir wissen, dass es Probleme gibt, wir müssen etwas tun.“ Dieser Meinung war auch Jürgen Wiedemann (NLK). Er hatte den Antrag gestellt, mit10.000 Euro die Nachtwanderer zu unterstützen. Der Rat beschloss am Ende die 35.000 Euro in Jugendarbeit zu investieren.

Wider private Security

Charlotte Biskup (FGL) sieht die Gefahr, dass die Landespolizei personell noch weiter schrumpfen könnte, wenn Kommunen private Security losschicken. Sie schlug vor, Konstanz solle schauen, wie es andere machen. „Private Security ist nicht die richtige Lösung.“ Hanna Binder (SPD) sprach sich strikt dagegen aus, hoheitliche Aufgaben zu privatisieren. Selbst die FDP, die sonst eher fürs Privatisieren ist, sah das so. Michael Fendrich war strikt dagegen, dass ein privater Sicherheitsdienst die öffentliche Aufgabe übernimmt. Hanna Binder sagte mit Blick auf die Stadt am Seerhein, die einen privaten Sicherheitsdienst bezahlt: „Im öffentlichen Raum geht es nicht darum, dass Anwohner ihr Eigentum schützen.“

Der Anspruch auf Sicherheit

Das war das Stichwort für Andreas Ellegast (CDU). Er wollte die Bürger – auch die Jugendlichen – schützen. Er fand, die Stadt sei es den Bürgern schuldig, dass sie für Sicherheit im öffentlichen Raum sorgt. Ellegast berief sich auch auf eine Aussage beim Bürgercafé, wo ausgerechnet eine Jugendliche genau das gefordert hatte. Ellegast schilderte dann den Fall eines in den Hofgärten wohnenden Freundes. Der war in einer Nacht zusammen mit seiner Frau – statt die Polizei zu rufen – zu den Jugendlichen, die sich damals bei der Bischofsvilla aufhielten, hinunter gegangen,. Er wollte mit ihnen zu reden. Der Mann wurde eingekreist und ohne Vorwarnung brutal geschlagen. Um seine Verletzungen behandeln zu lassen, musste er ins Krankenhaus. Der Fall liegt schon ein paar Jahre zurück. Die Täter wurden später ermittelt und verurteilt. Ellegast sagte, seit die Bewohner der Stadt am Seerhein einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt haben, sei Ruhe eingekehrt und weniger Leute würden sich daneben benehmen.

Erinnerungen an Stimmung vor „Gammler-Mord“

Jürgen Wiedemann klang das zu sehr nach Wildwest und den USA. Er sagte, Betroffene sollten die Polizei rufen. Vehement wehrt sich Wiedemann dagegen, Jugendliche am Ufer zu kriminalisieren. Er sprach auch als Vater. Später am Abend bei einem kleinen privaten Treffen sprach der Stadtrat noch einmal darüber, weshalb er gerade in Konstanz keine Ausgrenzung Jugendlicher und keine „Bürgerwehr“ oder Security will. Wiedemann erinnerte an den sogenannten „Gammlermord“. Am 29. August 1970, einem Samstag, erschoss der Arbeiter Hans O. den damals 17 Jahre alten Lehrling Martin K. Das Mordopfer hatte sich am Nachmittag mit Freunden auf dem Blätzle-Platz nahe des heutigen Kaufhauses Karstadt getroffen. Die drei jungen Männer saßen auf der Rückenlehne einer Bank. Der Täter, der behauptet haben soll, der „Bürgerwehr“ anzugehören, forderte die jungen Männer auf zu verschwinden. Dann drückte er ab und erschoss Martin K. Mit einem Hasentöter. Der Schuss traf ihn mitten ins Herz. Zuvor war in der Stadt Stimmung gegen „Langhaarige“ und Hippies gemacht worden. So etwas dürfe in Konstanz nie wieder geschehen.

Wehret den Anwohnern

Ob es freilich ausgerechnet ein privater Sicherheitsdienst wäre, der die Stimmung so aufheizen würde, bleibt fraglich. Viel mehr zu denken geben müssten den Kommunalpolitikern Briefe, die Anwohner in diesem Frühjahr geschrieben haben. See-Online liegen sie teilweise vor. Eine kleine Gruppe versuchte massiv Stimmung gegen Jugendliche zu machen, sie auszugrenzen und von der Seestraße zu vertreiben.

Ein Kommentar to “Endgültiges Nein zu privater Security am Konstanzer Seeufer”

  1. Tilmann Breetsch
    16. Dezember 2011 at 15:20 #

    Wenn ein privater Sicherheitsdienst öffentliche Aufgaben nicht übernehmen soll oder hoheitliche Aufgaben nicht privatisiert werden sollen, dann muss die öffentliche Hand ihren Aufgaben aber vollumfänglich nachkommen. Das tut sie nicht. Die Gründe dafür sind bekannt: Dünne Personaldecke und eingeschränkter Handlungsspielraum. Mit den sozialromantischen 35.000 EUR für „Jugendarbeit“ erreicht man übrigens nicht diejenigen, die für Radau sorgen und bei denen die Eltern in der Erziehung versagt haben. Die Anwohner haben mehrfach über die schlimmen Zustände informiert. Es ist nun eine besondere Form der Ignoranz, darauf mit einem Streetworker zu antworten. http://www.fdp-konstanz.de/?p=762

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