Frau Becker, bitte bloß keine Landesgartenschau 2020 in Überlingen

Vor der Gemeinderatsklausur – Verein Bürgersinn trägt seine Bedenken gegen Großprojekt in einem offenen Brief vor

Überlingen. Der Verein Bürgersinn hat sich vor der Klausurtagung des Gemeinderats in einem Brief noch einmal zu Wort gemeldet und seine Bedenken gegen eine Landesgartenschau in Überlingen vorgetragen. Henning von Jagow schreibt, der Überlinger Bürgersinn habe die Klausur zum Anlass genommen und einen Brief an Oberbürgermeisterin Sabine Becker und alle Gemeindratsmitglieder geschickt. Das Schreiben enthält konzentriert viele Gründe, die aus Sicht des Vereins gegen eine Landesgartenschau, sprechen. Oberbürgermeisterin Sabine Becker sieht trotz der angespannten Haushaltslage der Stadt in der Landesgartenschau vor allem eine Chance, die Stadt weiter zu entwickeln. Die Bahnhofstraße könnte vom See weg verlegt werden und das Gelände der Baustoffhandlung Graf könnte neu überplant und das Bodenseeufer den Menschen zugänglich gemacht werden.

Bürgersinn zählt seine Bedenken auf

Der Bürgersinn schreibt, der Verein habe weiterhin „schwerwiegende Bedenken“ gegen die Landesgartenschau (LGS). „In seiner Mitgliederversammlung am 30. September wurde der Vorstand beauftragt, diese der Stadt und den Mitgliedern des Gemeinderates in Form eines offenen Briefes vor der Klausurtagung nochmals vorzutragen“, so von Jagow. Die großen Themen des Vereins sind die Finanzen der Stadt und das erdrückende und noch nicht gelöste Verkehrsproblem. In der Stadt selbst hat der Meinungsbildungsprozess gerade erst begonnen. Vor einigen Wochen hat Oberbürgermeisterin Sabine Becker angedeutet, dass sie sich einen Bürgerentscheid vorstellen könnte.

See-online veröffentlicht die im Brief des Vereins Bürgersinn vorgetragenen Argumente im Wortlaut. Unterzeichnet haben Henning v. Jagow, Joachim Betten, Sibylla Kleffner und Ruth Ruf.

Auszug aus dem Brief

Kosten

Mit Schreiben vom 13.07.10 hat die Stadt mitgeteilt, dass die Kosten bei insgesamt 20,2 Mio. € liegen und ein Anteil von 8,1 Mio. € bei der Stadt verbleibt. In der Regel werden die anfänglich kalkulierten Kosten jedoch deutlich überschritten. So sind z.B. die Kosten für die erforderlichen Parkplätze noch gar nicht enthalten.

Verschuldung der Stadt

Diese war ursprünglich 2013 mit 45 Mio. € prognostiziert, musste aber auf Anordnung durch das Regierungspräsidium Tübingen reduziert werden. Dies führt zu noch rigoroseren Sparmaßnahmen. Gleichzeitig kommen auf die Stadt weitere Ausgaben zu. Wir nennen hier nur das Kinderhaus am Burgberg, die Kleinkindbetreuung, die Sanierung der Schulen, die Jugendarbeit. Der Bund der Steuerzahler rät Städten mit Verschuldungen dringend von einer Gartenschau ab.

Massentourismus nicht durch Großveranstaltungen weiter ankurbeln

Es wird ein Besucherstrom von ca. 0,8 Mio Menschen erwartet. Schon heute sind die Uferpromenade und die Stadt von April bis Oktober brechend voll. Dazu kommt noch die

1250 Jahr-Feier. Wie sollen die vorhandenen Grünanlagen und die alten Stadtgräben mit den idyllischen Wegenetzen diesen Ansturm ohne schwerwiegende Schäden verkraften?

Verkehr

Die 0.8 Mio Besucher werden größtenteils mit PKWs kommen. Dazu kommen ca. 1000 Busse pro Monat. Entsprechende Parkplätze müssten erstellt werden, am besten vor den Toren der Stadt. Dann müssen Pendelbusse eingesetzt werden, die hohe Kosten verursachen.

Ist eine Landesgartenschau für Überlingen wirklich sinnvoll?

Überlingen unterscheidet sich von anderen Austragungsorten wie z.B. Singen oder Villingen-Schwenningen grundsätzlich. Diese waren vom industriellen Strukturwandel betroffen.

Überlingen verfügt über eine einzigartige Lage am See, eine fast 3 km lange Uferpromenade, einen Stadtpark auf Mainauniveau, die historischen Stadtgräben mit Felsen, eine wunderschöne Altstadt. Erhalt, Pflege und weitere Entwicklung dieser Elemente bleiben eine Daueraufgabe, der sich schon unsere Vorfahren stellten, der wir uns stellen, und der sich unsere Nachfahren auch ohne LGS stellen werden.

Überlingen ist als Kurstadt weithin beliebt und benötigt keine Landesgartenschau, um sich noch bekannter zu machen.

Kein ausreichend großes und zusammenhängendes Gelände

Eine Gartenschau braucht ein großes Gelände, das abgezäunt werden kann. Selbst Grafsches-Gelände und Campingplatz zusammen reichen hierfür nicht aus. Und nicht zu vergessen: Der Campingplatz hat über Jahrzehnte hinweg treue Gäste, die mit ihrer Treue für Überlingen Werbung machen, die sich jeweils längere Zeit hier aufhalten, wovon Einzelhandel und Gastronomie profitieren, und seine Pächter führen an die Stadt ca. 100.000 € pro Jahr ab. Beide Gelände sind mit einer Industriebrache, wie sie in VS saniert wurde, nicht annähernd vergleichbar.

Hotelstandort

In der Bewerbungsschrift ist wieder ein Hotel am Seeufer eingezeichnet, diesmal verschoben auf das Areal des Campingplatzes. Legt man die frühere Hotelplanung auf dem Grafschen Gelände bzw. auf dem Härlen zugrunde, erkennt man die Absicht, den Campingplatz vom Bahnübergang bis zur Goldbacher Kapelle in Bauland umzuwandeln. Ein Hotel dort würde die eindrucksvolle Kulisse der Molassefelsen zerstören. Eine Bebauung auf diesem geschichtsträchtigen Grund und Boden wäre außerdem taktlos und zeigte wenig Gespür für die Geschichte. Auch ist die Verbauung eines weiteren Seegrundstückes nicht mehr zeitgemäß und abzulehnen.

Bürgerpark Grafsches Gelände

Der Bürgersinn fordert, dass das Grafsche Gelände als Parkanlage dauerhaft genutzt wird. Dies ist mit Bäumen, Rasen, Wegen und der Phantasie unserer Stadtgärtnerei mit einfachsten Mitteln zu gestalten. Zusammen mit dem Ausschöpfen von Fördertöpfen wäre es mit weit weniger Schulden zu realisieren als die bisher angenommenen 8 Mio. € plus, plus, plus …!

Resümee

Aus all diesen Gründen meinen wir, es wäre die richtige Entscheidung für Überlingen, auf die LGS 2020 zu verzichten und stattdessen mit allen Bürgern zusammen ein zu der Stadt mit all ihren Schätzen passendes Jubiläum im Jahr 2020 zu feiern.“

Soweit ein die Argumente der Überlinger Bürgerintiative.

Foto: wak

3 Kommentare to “Frau Becker, bitte bloß keine Landesgartenschau 2020 in Überlingen”

  1. Kratzer
    22. Oktober 2010 at 08:25 #

    Blumen gehören nach Ueberlingen

  2. Kratzer
    22. Oktober 2010 at 08:28 #

    Nicht Alle auf die Mainau schicken, sondern ökologisch planen und der Gastronomie von Ueberlingen auch mal `nen Euro gönnen … Landesgartenschauen sind Kultur !

  3. Kratzer
    22. Oktober 2010 at 08:30 #

    … aber deswegen kein Streit kriegen

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