Friedrichshafener Springerstiefelfall: Die Party ist vorbei

Staatsanwältin beantragt Strafen bis zu knapp sechs Jahren

Friedrichshafen/Ravensburg (sig) Als die Staatsanwältin ihre Strafanträge verliest, ist die Party vorbei. Blasse Angeklagte. Fassungslose rechte Fangemeinde im Gerichtssaal, die bis dahin ihren Spaß hat. Bis zu knapp sechs Jahren Freiheitsstrafe fordert die Anklagevertreterin. Die Urteile werden am 10. Juni verkündet.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Gestern war der dritte Verhandlungstag vor der 2. Großen Jugendkammer des Landgerichts Ravensburg, an dem sich die sechs jungen Männer zwischen heute 20 und 24 Jahren der gemeinschaftlich begangenen schweren räuberischen Erpressung beziehungsweise der gefährlichen Körperverletzung zu verantworten haben. Der primäre Vorwurf: Sie sollen am 5. Juli vergangenen Jahres im Häfler Riedlewald einen zufällig daherkommenden 43-Jährigen eine Flasche an den Kopf geworfen, ihn zusammengeschlagen, mit Springerstiefeln getreten und ihm seinen Rucksack entwendet haben. Abgesprochen, wie die Staatsanwältin überzeugt ist, zufällig, wie die Verteidigung plädiert.

Mit Fäusten gegen die Antifa

Zweiter Vorwurf: Nachdem man sich in den Häfler Uferanlagen mit Alkoholika warm getrunken hatte, fuhr eine Abordnung des Sextetts am 11. September mit dem Zug von Friedrichshafen nach Ravensburg, um dort gegen die Antifa mobil zu machen. Die geplante Trainingseinheit: Faustschläge und Fußtritte, fliegende Flaschen und mit gefährlichen Werkzeugen verletzte Personen, unter anderem Türken. Vom Einsatzort aus ging’s direkt in den Knast.

„Thomas, ich hab‘ noch ne Flasche Wodka zugute“, feixt es kurz vor Sitzungsbeginn noch aus den Besucherreihen auf die Anklagebank. Grinsen zurück. Das kann dauern.

Angeklagter neuerdings auf Distanz zu den Rechten

Vor vollem Haus – nämlich dem Schwurgerichtssaal 1 – hatten gestern Gutachter, Staatsanwaltschaft und Verteidiger das Sagen. Dabei attestierte der Sachverständige dem zur Tatzeit 19jährigen Mitangeklagten eine zwischenzeitliche Distanz zu den Rechten. Angeblich habe der nichts mehr mit dem braunen Sumpf zu tun. In Haft habe er seine Ausländerfeindlichkeit abgebaut. Sein Vorschlag für den jungen Mann: Eine Suchttherapie und eine begleitende Hand auf dem Weg in ein geordnetes Leben.

Gnadenlos brutal

Für die Staatsanwältin ist klar, dass die jugendliche Bande mit der Absicht eines Überfalls in den Riedlewald gekommen war und dem Betreffenden Geld wegzunehmen. Dass sie nur jemanden erschrecken wollten, ist für sie kein Thema. Nur weil der Überfallene letztlich nichts außer einem spärlich bestückten Rucksack (Handy, Taschenlampe) besaß, konnte man ihn nicht intensiver berauben. Hinter Büschen hatten sich die Täter versteckt und auf das Opfer gewartet. Das dann in der Nacht zufällig des Weges kam. Mit einer Flasche wurde ihm auf den Hinterkopf gehauen, ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht, ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen, mit Springerstiefeln getreten und von ihm Geld gefordert. Ab ließen die Peiniger erst, als der Mann schrie: „Ich hab‘ kein Geld, ich bin arm, hab‘ nur den Rucksack“. Mit einer Gehirnerschütterung, einer Nasenfraktur und anderen Verletzungen kam der Mann ins Krankenhaus.

Denn sie wussten, was sie taten

Für eine Absprache des Überfalls spricht nach Ansicht der Anklagevertreterin, dass keiner der Beteiligten überrascht war, nachdem einer der Täter Geld von dem Mann verlangte. Nicht besonders gelten lässt sie auch die Einlassung der Beschuldigten, sie hätten unter Alkoholeinfluss gestanden. Zwar hatten sie zuvor tatsächlich gebechert. Zeugen sprachen jedoch davon, dass die Täter sehr wohl gewusst hätten was sie taten. Auch der Gutachter Dr. Hermann Assfalg attestierte, die Männer seien zwar (durch den Alkohol) enthemmt gewesen, jedoch keinesfalls so, dass sie schuldunfähig wären.

Riedlewald-Opfer in Todesangst

Die Staatsanwältin schloss sich der Ansicht der Jugendgerichtshilfe an, die vier der sechs Angeklagten als Heranwachsende einstufte und nur zwei als Erwachsene. Den Angeklagten kommt zugute, dass das Opfer (der Mann hatte „Todesangst“) keine bleibenden Schäden beklagt, vor Gericht eher zurückhaltend auftrat und nicht auf hohe Strafen für seine Peiniger erpicht war.

Die Urteile werden am 10. Juni um 14 Uhr verkündet.

Foto: Edith Ochs pixelio

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