Guten Morgen Bodensee!

Von Waltraud Kässer

Sprechen wir heute darüber, worüber wir uns empören.

Gestern empörte sich die Lokalzeitung über eine Antwort, zu der sich der grüne Bundestagsabgeordnete Till Seiler hinreißen ließ. In einer Abizeitung beantwortete er unter anderem die Frage, was das beste Mittel gegen nervige Schüler sei. Seiler, der damals noch Lehrer am Ellenrieder Gymnasium war, antwortete: „Wenn ich kein Pazifist wäre, würde ich sagen: erschießen (eignet sich auch für nervige Kollegen, Eltern, Schulleiter etc.)“. Seiler sagte, die Antwort sei ironisch gewesen.

Die Konstanzer Lokalzeitung hängte das Thema hoch und zitierte aus einem, wie es heißt, „anonymen Brief“. In dem Brief war angeblich zu lesen, dass wenn „man an die Geschehnisse von Winnenden“ denke, ein Lehrer, der solche Äußerungen gegenüber Schülern tätige, weder an eine Schule und noch weniger als Vertreter in den deutschen Bundestag gehöre. Kritisch über Seilers Aussage geäußert haben sollen sich mittlerweile viele, unter anderem der grüne Landtagsabgeordente Siegfried Lehmann, Eltern, Lehrer und auch Ellenrieder-Schulleiter Peter Beckmann. Letzteren hatte Till Seiler mehrfach und heftig wegen der Kooperation zwischen dem Luft-, Raumfahrt- und Rüstungsunternehmen EADS und dem Konstanzer Ellenrieder-Gymnasium kritisiert. Die Kooperation hatte dem pazifistischen Lehrer noch nie gefallen.

Wir finden, wir haben allen Grund, uns zu empören. Aber bitte lasst Winnenden aus dem Spiel und instrumentalisiert nicht, was dort passiert ist. Die Schüler werden übrigens noch immer in Containern unterrichtet. Wir meinen: Solange es Schusswaffen in Privathaushalten gibt, können wir uns über eine verbale Entgleisung eines ehemaligen Lehrers nicht anhaltend empören.

Worüber wir uns sonst noch und über längere Zeit empören? Wir  regen uns zum Beispiel darüber auf, dass ein Kommentator auf See-Online Konstanzer Jugendliche, die als Zuhörer zu einer öffentlichen Gemeinderatssitzung kommen wollten, mit einem SA-Aufmarsch verglichen hat. Konstanzer Jugendliche, die ihre Interessen vertreten, sind keine bewaffnete Kampf-, Schutz- und Propagandatruppe.

Wir empören uns auch darüber, dass der SÜDKURIER seine Leser nicht über einen Konflikt mit seiner eigenen Belegschaft informiert hat und lieber über drohende Streiks zum Beispiel von Fluglotsen berichtet als über den Ausstand von Redakteuren. Um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden, stellen wir vorsorglich noch einmal klar: Es geht bei dem Konflikt zwischen Verlagsmitarbeitern, Druckern, Redakteuren auf der einen und der Geschäftsführung auf der anderen Seite nicht etwa wie in anderen Branchen um Lohnerhöhungen, sondern darum, unter welchen Bedingungen in Zukunft unabhängige Berichterstattung noch stattfinden kann, wenn Mitarbeiter ihr Gehalt individuell aushandeln sollen. Die vierte Gewalt ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft der freien Presse und um die der veröffentlichten Meinung. Bleibt zu hoffen, dass, wenn Redakteure bald landesweit streiken, endlich auch mehr Menschen im Verbreitungsgebiet der in Konstanz erscheinenden Regionalzeitung auf das Problem aufmerksam werden.

Wir empören uns selbstverständlich auch weiter übers Wetter. Am Samstag, 23. Juli, will der Konstanzer Kulturladen sein Sommerfest feiern. Keine schöne Aussichten, stellten die Organisatoren bereits fest. Nass & kalt soll es werden. Sie wollen es sich aber nicht nehmen lassen, den Sommer trotzdem zu feiern und werden das für draußen geplante Programm in der Not nach Innen in die Kulabar verlegen. Schöne Aussichten sind das. Das Hafenfest in Uhldingen-Mühlhofen, das ebenfalls am Wochenende, am 23. und 24. Juli steigt, findet so oder so outdoor statt. Wärmeres Wetter gewünscht hätten sich auch Wassersportler, die die Seestraße in Höhe des Yachthafens am Wochenende  in eine Festmeile verwandeln und 100 Jahre Schüler-Segel-Club Konstanz feiern möchten.

Das Allerletzte: Anscheinend fällt immer mehr Menschen auf, dass das Wichtigste die Menschen sind und Zeit, die man mit Freunden teilt. Twitter, Facebook und Google+ haben anscheinend einige Nutzer dazu veranlasst, statt noch mehr eher weniger Zeit in sozialen Netzwerken zu verbringen. Statt virtuell sprechen immer mehr Menschen lieber wieder im Real Life miteinander. Wir finden, das ist auch gut so.

Starten Sie gut ins Wochenende!

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