Guten Morgen Bodensee!

Kolumne – Aus der Flachwasserzone

Die freie Zeit ist kostbar, weshalb wir sie heute morgen auch nicht allzu lange aufhalten möchten. Nein, wir haben gestern noch kein iPad gekauft. Es ist sogar noch viel schlimmer, wir lesen gerade eine auf Papier gedruckte Konstanzer Zeitung. Zu unserer Ehrenrettung als Onlinemedium sei aber gesagt: Der Ausschnitt stammt vom 11. August 1955 und wir haben ihn per Mail zugeschickt bekommen…

Falls Sie den Drang verspüren sollten, heute morgen das neue iPad kaufen zu wollen, würde sich wahrscheinlich ein Ausflug in die Bahnhofstrasse 77 in Zürich anbieten. Weshalb wir Sie nach Zürich schicken wollen? Ist doch klar: In Zürich gibt es selbstverständlich einen Apple Store.

Wie sie am besten mit der Bahn und weiter mit Tram oder zu Fuß zum Apple Store kommen, könnten Sie wahrscheinlich in der neuen Mobilitätszentrale des Konstanzer Bahnhofs erfragen. In der kommenden Woche wollen wir uns übrigens den Service Point zusammen mit Jürgen Ruff vom Mobilitätsverein testweise einmal genauer anschauen und haben uns schon ein klasse Szenario ausgedacht…

In Deutschland erwägen einer Forsa-Umfrage zufolge übrigens angeblich drei Millionen Menschen, sich einen Tablet-PC zum Couch-Surfen zu kaufen. Das teilte der Branchenverband Bitkom mit, der die Befragung in Auftrag gegeben hat. Wir dagegen gehören noch zu den 78 Millionen in Deutschland, die vorerst kein iPad kaufen wollen und deswegen heute auch nicht nach Zürich fahren müssen.

Sollten Sie in Konstanz bleiben und heute morgen die Farbe Orange und eine orangefarbene Flagge oder ein Transparent sehen, dann sind sie nicht etwa unter niederländische Fußballfans oder eine Gruppe von Hippies mit farbenfrohen T-Shirts in Bhagwan-Orange geraten. Sie sind nur an einem Infostand der Piratenpartei vorbei gekommen. Die Jungs und Mädels wollen am Vormittag auf der Marktstätte informieren. Es hat auch nicht mit Fußball zu tun, sondern voraussichtlich werden sie auf ihren Landesparteitag am übernächsten Wochenende in Konstanz und die Teilnahme der Piraten an der Landtagswahl 2011 aufmerksam machen wollen…

Die folgenden Zeilen möchten wir Dr. Günther Schäfer (Sie wissen schon, dem Sprecher der Klein-Venedig-Initiative) widmen. Eine Flohmarkthändlerin entdeckte beim Durchsehen des Trödels für den Flohmarkt, der übrigens zeitgleich mit dem Piratenparteitag stattfindet, einen vergilbten Zeitungsausschnitt. Er handelt von Klein-Venedig – allerdings weder in Zusammenhang mit einer Bodenseesinfonie noch mit einem Bürgerpark.

Ein uns leider unbekannter Redakteur – oder eine Redakteurin – namens Maré schrieb am 11. August 1955 einen kleinen Beitrag mit dem aufschlussreichen Titel „Die Stadtmiste“. Geschildert hat der Verfasser – oder die Verfasserin – Szenen von der ehemaligen Müllkippe auf Klein-Venedig. Wir haben bei der Lektüre erfahren wie „alte Männer und Frauen mit einer Art Fischkäscher oder Schmetterlingsnetz“ Blechdosen aus Mulden fischten und sie als Schrott „im Kinderwägelchen“ heim fuhren.

Es muss auch ein bisschen streng gerochen haben. „Sitzt man dort am Rande des idyllischen Winkels, so kann man je nach Veranlagung sich an das Ufer der venezianischen Lagune versetzt fühlen und die frische Seebriese genießen oder die Nase eben jenen Gefilden zuwenden, deren erdhafte Schichten noch im Entstehen begriffen sind“, heißt es im Text weiter. Von leeren Margarinekartons und einem Eimer ist ferner die Rede. So gesehen sind wir aktuell mit einem Hundefreilaufplatz möglicherweise sogar noch ganz gut bedient…

Genießen Sie das Wochenende!

Waltraud Kässer

Ein Kommentar to “Guten Morgen Bodensee!”

  1. Fenedig
    29. Mai 2010 at 10:57 #

    Klein-Venedig und kein Ende: Nun ist es nicht so, dass etwa Piraten gleich vergiftet würden, sollten sie an diesem Uferabschnitt anlanden. Die “Stadtmiste” – ehemals auf Schweizer Seite “Staatsmischti” genannt – ist nun mal ein Überbleibsel der unaufgeklärten, noch unökologisch wilden 50er, 60er, 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Rund um den See wurde aufgefüllt, was das Zeug hält (Mit einfachen Drahtnetzen zum Wasser hin!). Im Konstanzer Becken nicht zuletzt auch deshalb, um die Uferlinie schlanker zu gestalten, um keine “Säcke” mehr entstehen zu lassen, in denen sich das damals noch arg verunreinigte Seewasser gütlich tat und zu stinken begann und der Seeboden zu einem matschigen Brei mutierte. Die Verunreinigungen waren so stark, dass die damals noch vorhandene Ufervegetation mit Schilf usw. keine Reinigungsfunktion mehr übernehmen konnte. Die Uferkante Klein-Venedig (D und CH) ist mit ihrer Ausrichtung zur Bucht hin so attraktiv, dass man erstaunt ist, wie unvollkommen sie noch heute präsentiert wird. Kleckerlisweise entstanden das Sealife (mit ziemlich missratener Architektur), in- und outdoor Sportplätze, eine “Kunstgrenze” im Niemandsland, zeitweise erscheinen Zeltstädte, usw. Und gerade hier bei Klein-Venedig wäre eine exklusive urbane Wasserkante zu gestalten, wo die Attraktion “See” als Pendant zur gegenüberliegenden Seestrasse stadtnah effektvoll zu zelebrieren wäre. Gedacht ist hier u.a. an eine Top-Promenade vom Kreuzlinger Hafen zum Sealife und weiter mit einem breiten, holzbeplankten Steg (mit Bänken, Blumen, Fahnen) an der äusseren Hafenmole entlang (warum diese nur für den DSMC?) bis hin zum Hafeneingangstürmchen als hier einmalige, frontale Begegnung mit dem Element Wasser, die Berge in der Ferne gratis dazu. Ein Seerestaurant mit ultimativem Seeblick wäre ebenso sinnvoll und dessen Lage uferbezogen geschickt zu bestimmen. Und was bitte soll mit dem grossen Gelände hinter der Uferkante landeinwärts geschehen? Darüber streiten sich bekanntlich Fachleute und solche, die sich so zu nennen belieben. Bekanntlich ein ordentliches Desaster seit Jahren – und bekanntlich immer wieder neu!

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