Guten Morgen Bodensee!

Von Waltraud Kässer

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. In allen Lüften hallt es wie Geschrei. Soweit Jakob van Hoddis. Heute bläst uns sozusagen der Orkan ins Gesicht. Wir wundern uns – auch über Journalisten.

Gestern Abend sind wir nach Hause geeilt, um das Interview mit Herrn Wulff nicht zu verpassen. Wir müssen an dieser Stelle nicht wiederholen wie das Interview bei der Presse so angekommen ist. Der Stern bescherte uns zeitnah eine kleine Presseschau, auf die wir gern verweisen wollen.

Über seine Sammlung hatte der der Stern übrigens den Titel „Fremdschämen und Fassungslosigkeit“ geschrieben. Zum Fremdschämen ist heute Morgen übrigens auch uns zumute – und fassungslos sind wir auch. Ziemlich dümmlich fragte gestern nämlich die ZDF-Journalistin Bettina Schausten. Sich selbst getoppt hat sich die  Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin allerdings noch mit einer Antwort, die sie dem Bundespräsidenten während des Interviews nebenbei gegeben hat. Seither wissen wir: Bettina Schausten zahlt 150 €, wenn sie bei Freunden übernachtet.

Wulff hatte übrigens zuvor in dem Interview erklärt: „Wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben darf und wenn alle Politikerinnen und Politiker in Deutschland ab sofort nicht mehr bei Freunden übernachten dürfen, sondern, wenn Sie bei den Freunden im Gästezimmer übernachten, nach einer Rechnung verlangen müssen, dann verändert sich die Republik zum Negativen. Davon bin ich fest überzeugt.“

Ein Facebook-Freund fragte gestern Abend übrigens: „Versteuert Frau Schausten eigentlich das ganze Geld, das sie einnimmt, wenn sie Freunde beherbergt? :)“. Ein anderer kommentierte: „Ja, das müssen seltsame Freunde sein“, während eine Facebook-Freundin fragte: „Wer ist denn Bettina Schausten?“

Was wir damit sagen möchten: Wir haben gestern Nachmittag bei einer Freundin zwei Tassen frisch gebrühten Kaffee mit Milch und ohne Zucker getrunken. Vielleicht wäre es angebracht, ihr dafür 5 € vorbei zu bringen? Wenigstens haben wir neulich nicht auch noch bei einer anderen Freundin übernachtet, weil der Besuch sonst richtig teuer geworden wäre.

Apropos Journalisten. Streng genommen dürfte uns ja nichts mehr überraschen. In der vergangenen Woche fragte ein Lokalredakteur von der Konstanzer Lokalzeitung das Vorstandsmitglied einer politischen Partei in Konstanz auf Facebook unter anderem, ob er denn nun aus seiner Partei austreten wolle. Der Facebook-Freund antwortete anscheinend arglos. Am nächsten Tag las er Frage und Antwort dann in der gedruckten Tageszeitung.

Lernen könnten wir zum Beispiel auch von den Kollegen von der Printzeitung in Überlingen. Die schafften es doch sogar noch, ein anscheinend vor Weihnachten mit Oberbürgermeisterin Sabine Becker geführtes Interview zu skandalisieren. Sie schrieben: „Oberbürgermeisterin Sabine Becker lehnte es ab, das Gespräch zum Jahresschluss-Interview elektronisch aufzuzeichnen.“ Und weiter: „Sie gewährte ein ,Hintergrundgespräch‘ und bat darum, im Weiteren die Fragen schriftlich einzureichen.“ Wir reiben uns verdutzt die Augen.

Hintergrundgespräche sind doch keine Erfindung von Frau Becker und üblicherweise vertraulich und werden auch nicht aufgezeichnet. Diese Praxis kannten wir bis jetzt auch unter dem Begriff „unter drei“.

Noch einmal verspüren wir heute Morgen also den Drang zum Fremdschämen.

Die Kollegen haben ihre Fragen schriftlich eingereicht, schreiben sie – wären sie auf Zack gewesen, hätten sie der Oberbürgermeisterin nach dem Interview das Mikro unter die Nase gehalten und ihre zehn bis 20 vorbereiteten Fragen der Reihe nach zackig gestellt und noch nachgefragt, wenn die Oberbürgermeisterin sie mutmaßlich nur unvollständig beantwortet hätte.

Herrje – in welcher Medienwelt leben wir denn eigentlich?

Kommen Sie gut durch den Donnerstag!

2 Kommentare to “Guten Morgen Bodensee!”

  1. Satansbraten
    5. Januar 2012 at 14:31 #

    Dieses peinliche Rumgeeiere um den Herrn Wulff ist
    mehr als peinlich für das Amt.
    Mir kommt dies aber wie ein Ablenkungsmannöver
    in Bezug auf Brüssel vor. Zu Frau Schausten sagt man
    besser nichts. Da gibt es nämlich nichts zu sagen.
    Worthülsen und Co.

  2. dk
    5. Januar 2012 at 20:01 #

    Die Verlegenheit dürfte auch für die Medien und die Politik-Szene grösser werden, weil unterkühlte freundliche kantenlose Niedersachsen (aber auch andere nördliche BL) keine dankbaren Gegner sind: wenigstens wird deutlich, dass Wahlkämpfe dort etwas „milder ausgefochten“ werden, um im süddt. Vorstellungsvermögen zu bleiben.

    Es bleibt ihnen nicht anderes übrig, als leise Tourismus-Werbung für diese Bundesländer zu machen „viel Ruhe zum Erholen und einen Sturm nur nach Warnung vom Wetterdienst an Nord- und Ostsee“; im Osten kommt noch „einen aufgeräumten ordentlichen Gesamteindruck“ hinterlassen dazu.

    PS.
    Heute habe ich Artikel bei Dornroeschen.nu und seemoz.de über die „NS-Aufarbeitung der Mainau“ gelesen. In den Medien wurde vor Tagen eine „angemessene Erinnerung“ gefordert; heute wird eher eine „Gedenktafel“ für sinnvoll gehalten.
    Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich eher eine riesige Kampagne der Boulevard-Medien erwartet, die eigentlich nur einem monumentalen Ehren- oder Mahnmal mit Museums-Anlage enden kann. Mich hat es nicht gewundert, dass die Grafen-Familie das Thema gescheut hat; mit ruinösen Folgen für das Lebenswerk eines Nicht-Nazis. Die Zeit läuft weiter, man wird älter … und lernt dazu bzw. baut „geistige Reflexe“ ab.

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