Guten Morgen Bodensee!

Von Waltraud Kässer

Das Leben ist kein Ponyhof und schon gar nicht an einem Montagmorgen Anfang September. Wir müssen heute noch einmal auf die Heimatzeitung zurückkommen. Die Konstanzer Ausgabe lesen wir seit der Berichterstattung über die OB-Wahl mit Pannen-Wahl-O-Mat,  nicht repräsentativer Sonntagsfrage und Experimenten  mit Bezahlschranke nicht einmal mehr kostenlos online. In die Überlinger schauen wir gelegentlich.

Heute Morgen werden wir es wieder einmal tun. Wir sind sehr  gespannt, ob Herr Baur seine skandalisierende Berichterstattung über die Kündigung des Amtsblattes „Hallo Ü“ und die Oberbürgermeisterin weiter fortsetzt. Wenn wir so in unsere Kristallkugel schauen, sehen wir bereits die Folge zwei der Soap. Die Fortsetzungsgeschichte trägt den Arbeitstitel „Überlingen braucht keine Oberbürgermeisterinnen-Prawda“.

Herr Baur wird in seiner investigativen Herangehensweise voraussichtlich wieder ein paar Gemeinderatsmitglieder befragen und zitieren und anschließend mutmaßlich schreiben, dass die Stadt  ihre amtlichen Bekanntmachungen genauso gut in der Tageszeitung veröffentlichen könnte. Dann hätte die Oberbürgermeisterin keine Plattform mehr, könnte Herr Baur schreiben und er hätte dabei nur glatt die Website der Stadt übersehen, auf der sich Menschen selbstverständlich auch informieren können. Um die journalistische Sorgfaltspflicht zu erfüllen, wird er vor der Veröffentlichung auch noch schnell bei der Oberbürgermeisterin anklingeln.

Der Lokalredakteur würde, wie wir in unserer Kristallkugel sehen, zwar auch den Primo-Verlag von Anton Stähle mit seinem „Hallo Ü“ über die Klinge springen lassen. Das wäre ihm aber in Folge zwei der Seifenoper egal. Denn er könnte sich seine Patschehändchen reiben, weil die Stadt Überlingen dann ihre öffentlichen Bekanntmachungen selbstverständlich im Südkurier veröffentlichen würde und dieser so womöglich jedes Jahr ein paar Hunderttausend Euro Einnahmen zusätzlich hätte. Statt im „Hallo Ü“, das vom Markt verschwunden wäre, würden die Gewerbetreibenden dann mit ein bisschen Glück  im Anzeigenblatt aus dem Medienhaus Südkurier inserieren, für ihre Würste, Mode und Vereinsfeste werben. Aus Konstanz würde es dann „Bravo Herr Baur!“ über den See schallen.

Von einer seriösen Tageszeitung hätten wir übrigens erwartet, dass sie statt giftiger Karikaturen auch einmal eine kleine Betrachtung über die Rolle von Mitteilungsblättern und unabhängiger Presse veröffentlicht. Es ist doch so, dass das  Mitteilungsblatt über die Stadtpolitik informiert. Es erklärt zum Beispiel die neuen Kindergartengebühren oder schreibt, dass der Gemeinderat eine Resolution gegen Fracking beschlossen hat. Ab und zu kommt im Überlinger Amtsblatt in einem Wortlaut-Interview auch die Oberbürgermeistern zu Wort, die dann so wie in einem Stadtteilgespräch das Wichtigste zusammenfasst. Das Interview ist nur eine andere journalistische Gattung, die ein bisschen lesbarer ist als lange Berichte.

Was das berichtende Mitteilungsblatt nicht tut, ist zu hinterfragen und einzuordnen. Auch die Unternehmenskommunikation der Stadtwerke oder der Sparkasse Bodensee wird die Politik des eigenen Unternehmens nicht kritisieren – genauso wenig wie das Mitteilungsblatt die Stadtverwaltung oder den Gemeinderat kritisiert. Das wäre auch nicht die Aufgabe. Die Presse hieß einmal die vierte Gewalt und genau hier ist auch ihre Aufgabe in der Zukunft. Voyeuristische und skandalisierende Berichterstattung bringt vielleicht ein paar schnelle Leser. Gewinnen kann sie aber nur mit wahrhaftiger und seriöser Berichterstattung. Wenn es die Tageszeitung nicht tut, werden es in spätestens fünf Jahren lokale Blogs tun oder es wird gar niemand mehr tun.

Das Allerletzte: Ein Satz in eigener Sache. Das Blog See-Online ist ein unabhängiges Blog. Die Autorin lebt von PR-Aufträgen und schreibt auf Honorarbasis, wie die Tageszeitung Südkurier bereits mehrfach berichtete, auch Beiträge für das „Hallo Ü“ und die Website der Stadt Überlingen. Die Stadt Überlingen ist aber nur ein Auftraggeber von vielen.

Selbstverständlich nehmen Kunden des Büros für Kommunikation und Public Relations  keinen  Einfluss auf die journalistische Arbeit, die auf dem Blog stattfindet. Das wäre ja wirklich das Allerletzte.

Starten Sie gut in die neue Woche!

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