Heimatloses Konstanzer Theater zwischen hohen Schweizer Bergen

Spielzeit beginnt im „Dreispitz“ in Kreuzlingen – Konstanzer Theater inszeniert drei spannende Stücke

Konstanz/Kreuzlingen. Die anbrechende Spielzeit ist anders als andere. Statt im großen Haus mit einem Paukenschlag die Theatersaison zu eröffnen, muss der Konstanzer Intendant Christoph Nix dieses Mal an anderen Orten um Asyl bitten. Die Premiere des Hauptstücks „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ geht im Kreuzlinger Dreispitz über die Bühne. „Lametta“ hat im Festsaal des Zentrums für Psychiatrie Reichenau Premiere. Das große Haus ist eine Baustelle. Die Bühnentechnik wird noch erneuert. Macht aber nichts. Denn die Spielzeit unter dem Motto „Borderline“ passt sowieso ganz gut in die Schweiz, wo sie zwischen deutscher Heimat und Schweizer Bergen Intendant Nix mit freundlicher Unterstützung von Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger eröffnen wird.

Von Afrika in die Schweiz

Einen Monat lang sind die schauspielenden, vorübergehend obdachlosen Konstanzer trotz aller Missverständnisse mit ihrem Hauptstück in Kreuzlingen zu Gast. Hinter dem Theater liegt eine überaus erfolgreichen „Afrika“-Spielzeit. Die Trauben für die Konstanzer hängen deswegen hoch. Chefdramaturg Dr. Thomas Spieckermann sagte, dass in der letzten Spielzeit 101.000 Zuschauer die Stücke des Konstanzer Theaters sahen. Das war eine Art Rekord. Und jetzt ist das Konstanzer Theater auch noch von der Deutschen Bühne  für einen Preis nominiert und könnte gar zum besten Theater jenseits der Metropolen gekürt werden.  Von Afrika in die Schweiz und immer noch ein bisschen Afrika. Ja, die Zusammenarbeiten mit Malawi und Togo sollen weitergehen, sagte Spieckermann. Aber erst einmal geht es am Wochenende in die Schweiz.

Zwischen deutscher Heimat und Schweizer Bergen

Moritz Leuenberger und Intendant Christoph Nix suchen also am Freitag, 5. Oktober, in Kreuzlingen im Dreispotz die „Borderline“ zwischen deutscher Heimat und Schweizer Bergen. Auf dem Theaterspielplan steht am selben Abend dann Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“. Eigentlich besteht das Stück nur aus Regieanweisungen. Thematisch geht es um etwas, was Deustche und Schweizer verbindet, nämlich um die Angst vor dem Fremden und Fremdenhass. So sagt es Martin Stiefermann, der für Regie und Choreografie verantwortlich zeichnet.

Peter Handke im Dreispitz

Peter Handkes Vorlage ist kein Stück im klassischen Sinn, es ist eine Partitur für Schauspieler. Der Autor beschreibt als Szenerie einen beliebigen Platz in einer Stadt und schickt die Darsteller des Stückes in Regieanweisungen, aber ohne Text über die Bühne. Sie gehen aufeinander zu, aneinander vorbei, nehmen sich wahr, begegnen sich und gehen wieder ab. Es ist ein Stück über einen Ort und was mit ihm geschieht – während eines Tages, eines Sommers, eines Lebens.

Grenzerfahrungen

Die Bühne im Dreispitz ist 40 Meter lang und nur fünf Meter breit. Mindestens genauso außergewöhnlich sind die Schwierigkeiten, die beim Transport von Bühnenelementen, Requisiten, Technik, Ton und Kostümen über die Grenze entstehen. Alles muss gewogen werden, mit einem Preis versehen und die Begleittexte müssen in siebenfacher Ausfertigung vorliegen, berichtet Martin Stiefermann. Er sagte: „Es tickt anders, es läuft anders, es sind andere Regeln.“ Dabei verläuft die Grenze doch eigentlich mitten durch die Stadt.

Gartenzwerg oder Goldbarren

Am Tag danach nähert sich eine Diskussionsrunde dann dem Missverständnis zwischen Schweizern und Deutschen. Die Debatte am Samstag, 6. Oktober, beginnt um 17 Uhr. Überschrieben ist sie mit „Gartenzwerg oder Goldbarren“. Seit Jahrhunderten sind wir, wie das Theater feststellt, Nachbarn und wissen doch erstaunlich wenig voneinander. Auf dem Podium suchen sie deswegen nach Gegensätzen und Gemeinsamkeiten zwischen Schweizern und Deutschen. Es diskutieren: Jürg Altwegg, Journalist der FAZ in Genf, Mit-Herausgeber von „Kuhschweizer und Sauschwaben“, Prof. Urs Altermatt, Schweizer Historiker und Nationalismusforscher, Martina Voß-Tecklenburg, Deutschlands Fußballerin des Jahres 1996 und 2000 und aktuelle Trainerin der Schweizer Damen-Fußballnationalmannschaft, Andreas Köhler-Andereggen, gebürtiger Dortmunder und Pfarrer in Zürich-Saatlen, Sprecher für „Das Wort zum Sonntag“ im Schweizer Fernsehen, sowie Prof. Christoph Nix, Intendant des Theaters Konstanz. Moderation: Wolfgang Koydl, weitgereister Schweiz-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“.

Es weihnachtet sehr

Christian Lugerth, Regisseur des zweiten Stückes Lametta, das am 6. Oktober um 20 Uhr Premiere hat, ist eigentlich ein in Köln lebender Konstanzer, der meistens nur zweimal im Jahr, ein paar Tage im Sommer und an Weihnachten, in die Stadt kam. Er sagte, es gebe da jetzt einen „verrückten persönlichen Bezug“. Wenn er so erzählt, bekommt man richtig Lust auf das Weihnachtsstück im Oktober. Manche kaufen ja sicher auch schon Lebkuchen. Weshalb also kein Weihnachtsbaum und keine Lichterkette auf der Bühne. Es sind ja nur noch elf Wochen bis Weihnachten.

O du fröhliche Patchwork-Familie

„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“ Babs, Werners neue Lebensabschnittsgefährtin, träumt vom gemütlichen Heiligen Abend nur zu zweit. Sie hat den Christbaum geschmückt, besinnliche Musik aufgelegt und das romantische Weihnachtsmenü aus der „Brigitte“ gekocht. Doch Werner hat Verpflichtungen. Er muss seinen Sohn Sebastian aus erster Ehe einladen. Und ein Weihnachten ohne die eigene Mutter ist auch undenkbar. Die kommt aber nur, wenn Werner seine Ex-Frau Rosy dazu lädt. So kommt eines zum andern, und einer zum andern. Als wäre das nicht schon genug für Babs Nervenkostüm, kreuzen auch noch ihr betrunkener Ex-Mann Lutz, ihrer gemeinsame Tochter Nora sowie Lutz’ zweite Frau Natascha auf. Schöne Bescherung. Und dass das Lametta am Tannenbaum fehlt, ist nur das kleinste Problem an diesem Abend.

Komische Tournee durch die Stadt

In „Lametta“ wendet sich Autor Fitzgerald Kusz wieder seinem Lieblingsthema, der deutschen Familie, zu, diesmal in der zeitgemäßen Form der Patchwork-Familie. Eine bitterböse Farce, die alle Register der Situationskomik zieht und das „Fest der Familie“ auf aberwitzige Weise ad absurdum führt. Das Stück, eine Komödie, tingelt durch ganz Konstanz, bevor es schließlich auch im dann wiedereröffneten großen Haus ankommt.

Junges Theater spielt „Tschick“

Besser als seine Kollegen hat es zum Saisonstart Regiesseur Wulf Twiehaus. Premiere von „Tschick“ ist am 7. Oktober um 20 Uhr und das Junge Theater hat ein Heimspiel in der Spiegelhalle. Das Publikum erwartet eine Art Roadmovie, ein Abenteuer à la Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Auf die Bühne kommt eine klassische Jugendliteraturgeschichte, die von einer Freundschaft handelt. Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ ist die Geschichte zweier Jungs auf einer Reise quer durch Deutschland, die nach Freiheit und Abenteuer schmeckt und doch nicht ewig dauern kann. Der Roman wurde mit dem Jugendliteraturpreis 2011 ausgezeichnet und von Robert Koall für die Bühne bearbeitet.

Vorbilder Tom Sawyer und Huckleberry Finn

Der 14jährige Maik Klingenberg lebt mit seinen Eltern in einer pompösen Villa mit einem großen Pool vor der Tür. Doch nur nach außen hin scheint alles perfekt. Die Mutter muss zum jährlichen Entzug auf die „Beautyfarm“, der Vater mit seiner Geliebten auf „Geschäftsreise“ und Maik bleibt allein zu Hause. Mit zweihundert Euro Taschengeld ausgestattet, sieht er einsamen Sommerferien entgegen, denn Freunde hat Maik keine. Als Langweiler der Klasse hat er nicht einmal einen Spitznamen und zu der großen Geburtstagsfeier der Klassenschönheit Tatjana ist er auch nicht eingeladen. Da steht auf einmal Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, vor Maiks Haustür, mit einem geklauten Lada. Tschick ist gerade erst neu in die Klasse gekommen, ein gebürtiger Russe aus der Hochhaussiedlung und ein „Assi“. Maik kann ihn nicht leiden, steigt aber trotzdem in den Wagen ein. In die Walachei soll es gehen, zu Tschicks Familie, doch schon bald fahren sie einfach drauf los, querfeldein, der Sonne und den Bergen entgegen, die Fenster heruntergekurbelt und die Freiheit genießend. Bis ein schwerer Unfall sie wieder in die Realität zurückholt.

Alle Infos zu allen Stücken und Karten gibt’s einen Klick weiter beim Theater Konstanz.

Fotos: Ilja Mess

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