Herr Leipold, wie stehen die Chancen für ein Konzerthaus?

Nachgefragt bei den ehemaligen „Nein-Sagern“ aus der SPD-Fraktion

Konstanz – Wie versöhnlich oder unversöhnlich stehen sich eigentlich ehemalige Gegner und ehemalige Befürworter eines Konzert- und Kongresshauses auf Klein-Venedig gegenüber? Die SPD war die einzige große Gemeinderatsfraktion in Konstanz, die geschlossen nein zu einem KKH sagte. Heute, Mittwochabend, trifft sich die Initiative „Nein-zu-Klein-Venedig“. Die Bürgerinitiative will konkrete Vorschläge machen, wie es nach dem Bürgerentscheid und mit einem Konzerthaus weitergehen könnte. Florian Riem, Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie, hatte in der vergangenen Woche erklärt, er erwarte einen Vorstoß besonders von Jürgen Leipold und der SPD. Die SPD sei eine große Fraktion, Jürgen Leipold sei ein durchsetzungsfähiger Stadtrat, sagte Riem am Telefon. Bekommt Konstanz nun nach dem Nein zu einem Multifunktionsgebäude doch noch einen Konzertsaal? See-Online fragte bei Jürgen Leipold nach.

Herr Leipold, aus Freiburg kommen Mahnungen: Die Stadt müsse ihr Investitionsprogramm „sehr kritisch überprüfen“ und Investitionen von den verfügbaren „eigenen Finanzierungsmitteln abhängig machen“. Kann sich Konstanz Ihrer Meinung nach überhaupt ein Konzerthaus leisten?

Vom früheren Baubürgermeister Ralf Joachim Fischer stammt der Satz: „Eine Stadt, die sich eine Philharmonie leistet, muss ihr auch einen Konzertsaal geben“. Der Mann hat nach wie vor Recht.

Das im Bürgerentscheid abgelehnte Projekt hätte sich die Stadt nicht leisten können – ein neues, verändertes Projekt kann verwirklicht werden.

In einer Pressemitteilung der Stadt vom Dienstag heißt es, das Schreiben zur Genehmigung des Nachtragshaushalts, das das Regierungspräsidium nach Konstanz schickte, bestätige die „Mahnungen des Oberbürgermeisters und der Kämmerei zur Entwicklung der städtischen Finanzen“. Beide hätten bereits mehrfach im Haupt- und Finanzausschuss und im Gemeinderat deutlich darauf hingewiesen, dass die Stadt ihr Investitionsprogramm kritisch überprüfen und Schwerpunkte setzen müsse. Wann war das? Bis zum 21. März wollte die Stadt doch noch ein Konzert- und Kongresszentrum für rund 65 Millionen Euro bauen. War das aus heutiger Sicht leichtsinnig?

Nicht leichtsinnig, sondern eher wider besseren Wissens. Es ist schon grotesk, wenn OB und Kämmerer sich durch das Regierungspräsidium bestätigt fühlen. Schließlich haben sie eine Finanzplanung vorgelegt, zu der Freiburg jetzt gesagt hat, dass Haushalte auf dieser Grundlage nicht genehmigungsfähig seien. Ich habe dies schon im Dezember prognostiziert und eine Überarbeitung verlangt. Das passte freilich nicht in die Landschaft, weil die Stunde der Wahrheit dann schon früher geschlagen hätte.

Was würde ein Konzerthaus für die Südwestdeutsche Philharmonie kosten? Über welche Summe reden wir?

Das kann heute niemand genau sagen. Größe, Funktion, Standort spielen da eine wichtige Rolle. Mit aller Vorsicht: Es wird wohl schon um 20 – 30 Millionen Euro gehen.

Welche attraktiven Standorte gibt es außer Klein-Venedig? Wäre noch Platz am Seerhein?

Ich halte fest: Am 21. März ist die Idee, ein grosses Konzert- und Kongresszentrum zu bauen, gescheitert – nicht nur auf Klein-Venedig, sondern insgesamt. Es geht also nicht nur um einen anderen Standort, sondern um ein neues Konzept.Wenn dies steht, sollten wir zu einem Wettbewerb der Ideen über mögliche Standorte kommen. Ich bin sicher, dass es dazu interessante und realisierbare Vorschläge geben wird – links- wie rechtsrheinisch.

Werden Sie einen Vorstoß machen? Wie versöhnlich oder unversöhnlich stehen sich ehemalige Befürworter und Gegner eines Konzert- und Kongresshauses gegenüber?

Das wird sich schon bald zeigen, wenn der Gemeinderat über unseren Antrag abstimmt, das Bebauungsplanverfahren für ein KKH auf Klein-Venedig zu beenden. Dann wird sich zeigen, ob die bisherige Gemeinderatsmehrheit die Botschaft des Bürgerentscheids verstanden hat oder ein drittes Mal gegen dieselbe Wand laufen will.

Herr Riem hat es sehr eilig. Er möchte gern den Schwung nach dem Bürgerentscheid mitnehmen. Das Orchester brauche ein Konzerthaus. Sind sie derselben Meinung wie Herr Riem?

Konzerthaus: Ich bin der Riem’schen Meinung. In der Umsetzung hat für mich eine offene Suche nach dem neuen Konzept, mit einer breiten Beteiligung der Öffentlichkeit Vorrang vor Hektik. Es ist ein Langstreckenlauf, bei dem es nicht auf den schnellsten Start ankommt.

Ist der Zeitpunkt momentan günstig?

Das hängt nicht an den Nein-Befürwortern, sondern daran, ob Verwaltungsspitze und bisherige Gemeinderatsmehrheit lernfähig sind. Sie haben über ein Jahrzehnt lang zwei Dogmen vertreten: Es gehe nur auf Klein-Venedig und es gehe nur ( hauptsächlich! ) mit Kongressen.

Vor dem Bürgerentscheid arbeiteten die SPD-Fraktion und der SPD-Vorstand nicht aktiv in der Bürgerinitiative „Nein-zu-Klein-Venedig“ mit. Würde die SPD einen möglichen Vorschlag, der von Teilen der Grünen, der Linken Liste und Einzelkämpfer Klaus Frank kommen könnte, unterstützen? Sind Sie persönlich heute Abend beim Treffen der Initiative im „Barbarossa“ dabei?

Von einer Fraktion wird erwartet, dass sie sich klar und erkennbar positioniert. Das haben wir gemacht. In der Initiative haben nicht wenige SPD-Mitglieder gearbeitet. Wir hatten und haben selbstverständlich darüber hinaus Kontakte zur Initiative, ohne dass es dazu eines Koalitionsvertrags bedurft hätte.

Wir haben in der Vergangenheit konstruktiv gearbeitet, werden dies auch künftig tun, egal, von wem Vorschläge kommen. Mir ist aber darum zu tun, den Graben zwischen Ja- und den Nein-Befürwortern zu überwinden. Es liegt an beiden Seiten, der Musik ein Konstanz das Haus zu geben, das sie braucht.

Dritte Frage: Nein, ich werde nicht dabei sein. Ich habe einen anderen Termin, bei dem es auch um Kultur geht  nicht um Musik, sondern um Fotografie).

(Die Fragen stellte Waltraud Kässer)

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