Kabarett in Konstanz: Was sollen wir im Web mit einem Seniorenteller?

Männerforscherin Uta Rotermund demnächst zu Gast am Konstanzer Theater

Konstanz. Das demografische Desaster hat es jetzt sogar auf die Bühne geschafft. „50 Plus! Seniorenteller?“ heißt das Programm der Kabarettistin und Männerforscherin Uta Rotermund. Sie sei eine Freundin von Uta Rotermund, sagte eine Freundin. Da letztere wiederum unlängst beim Anbringen eines Rollos half (sie hat immerhin ein Architekturstudium absolviert), fand sie, wir seien ihr einen Gefallen schuldig. Sie wünschte sich ein Interview mit Uta Rotermund. Die Kabarettistin ist am Freitag, 20. Mai, in Konstanz zu Gast. Ihr Programm heißt „50 Plus! Seniorenteller?“ Ob das etwas für die Besucher unseres Blogs ist?

See-Online: Guten Tag Frau Rotermund. Wie alt fühlen Sie sich denn?

Uta Rotermund: Würden Sie diese Frage Herbert Grönemeyer auch stellen ? Wie alt fühlen Sie sich denn Herr Grönemeyer, dass Sie mit Mitte Fünfzig immer noch über die Bühne springen? Oder Franz Müntefering ? Wie alt fühlen Sie sich denn Herr Müntefering, dass Sie mit 70 Jahren eine 40 Jahre jüngere Frau ehelichen? Männer sind immer im besten Alter und fühlen sich rasant jung. Weder die Leistung eines Mannes noch seine Herzensdame werden deshalb beäugt . Mick Jagger tobt mit Mitte 60 noch über die Bühne und Helmut Schmidt ist mit 91 Jahren immer noch Herausgeber der Wochenzeitung „DIE ZEIT“. Um Ihnen aber konkret zu antworten: Das ist von der Tagesform abhängig . Ich denke, da unterscheide ich mich nicht von Ihnen. Allerdings kann ich auf den im allgemein so gängigen jugendlichen Konversationsdebilmodus auch bei bester Tagesform nicht runterschalten . Da machen sich dann schon Alter , Wissen, Umgangsformen und Stil bemerkbar.

See-Online: Nur so als Einstiegsfrage: Besitzen Sie ein Smartphone und lesen Sie Zeitungen online oder noch als Dead Wood Medium? Na ja, immerhin haben Sie ja eine Website.

Uta Rotermund: Sie werden es nicht glauben: Neben der Website habe ich auch noch eine Toilette mit Wasserspülung und meine Pferdekutsche habe ich auch schon seit einigen Jahren gegen ein Automobil oder das hochmoderne Dampfross , vulgo Deutsche Bahn AG , eingetauscht.

Dead wood ist bye the way eine hübsche Formulierung. Ich kannte bisher nur „newspaper“ . Aber es ist schon so , die meisten Bäume, die als „dead wood medium“ enden, haben ihr Leben leider für infantilen Schwachsinn lassen müssen. Ich spreche jetzt nicht von Zeitungen wie dem „New Yorker“ oder einer Zeitung wie „Die Welt“ . Allerdings Dummheit lässt sich nach meiner Beobachtung online noch viel rasanter präsentieren als per Medium „dead wood“ . Sie wissen wovon ich rede. Ich habe tatsächlich ein Faible für Klassik , ich liebe die klassische grosse raschelnde Zeitung , in deren über den Boden verteilten Blättern sich eine Katze verstecken kann und die man , ein Glas Weisswein nach dem anderen , im Schatten auf der Terrasse studieren kann.

See-Online: Auf Ihrer Website haben wir gelesen: „Der Lack ist ab, die Kinder aus dem Haus, die Zähne überkront, Ihre beste Freundin liegt im Hospiz und Ihr Göttergatte schwängert gerade Ihre künftige Nachfolgerin.“ Ihr Programm heißt „50 Plus! Seniorenteller?“. Sprechen Sie jetzt von 50-Jährigen oder meinen Sie doch eher 75-Jährige?

Uta Rotermund: Sind 75-Jährige nicht über 50 ? Ab 50 werden Sie als Senior und Seniorin bezeichnet. Wo Sie auch hingekommen, lesen Sie :“Für unsere Senioren ab 50“. Ich finde das schon gelungen! Aber dann arbeiten bis 67! Im besten Fall werden Sie ab 50 als „Bestager“ bezeichnet. Und wenn Sie mit 50 Jahren noch niemanden beerdigen mussten , schätzen Sie sich glücklich. Brustkrebs bei den Frauen , Prostatakrebs und Herzinfarkt bei den Männern räumen unter Ihren Freunden ratzfatz auf. Dazu kommt, der grösste Prozentsatz an Scheidungen wird von Frauen über 50 beantragt wird . Also , wenn alles erledigt ist , die Kinder aus dem Haus sind und sie sich der Verantwortung ledig fühlen.

See-Online: Wie hatten Sie sich denn das Leben jenseits der 50 nicht vorgestellt? Ist es anders gekommen? Was soll sich da denn schon groß ändern?

Uta Rotermund: Sie zitieren erneut meine Website . Allerdings zitieren Sie à la Guttenberg. Leicht verändert, aber das Original ist noch erkennbar. Nun schreiben Sie ja Gottseidank keine Doktorarbeit , sondern nur einen Blogtext. Denn im Original heisst es :“ So hatten Sie sich das Leben jenseits der 50 nicht vorgestellt. Ist dies das Plus an 50? Was tun?“ Ich frage meine Geschlechtsgenossinnen.

Um mich geht es nicht . Ich habe meist das Leben geführt, was ich führen wollte. Mein Mantra lautet nicht umsonst „Mach mit mir , was ich will !“ Wenn ich meine Programme nach meinen biographischen Daten bauen wollte , machte es mehr Sinn, eine Autobiographie zu schreiben. Ich stehe aber auf der Bühne, d.h. ich bin im Dialog mit dem Publikum. Ich nehme private und gesellschaftspolitische Themen auf und spiegele sie wieder. Ich habe das Modell Mann, Kind, Haus nie angestrebt. Die meisten Frauen haben dieses Modell aber gelebt, inklusive der finanziellen Abhängigkeit . Es gibt einen sehr schönen Cartoon von Til Mette, dem Cartoonisten des STERN , der in New York lebt. In diesem Cartoon schieben zwei Frauen ihre Buggys mit den Kindern. Die eine sagt: „Ich habe mal promoviert .“… die andere antwortet „ Ich verplempere hier bloss meine Diplomarbeit …“ Dieser Cartoon skizziert präzise, was von hochfliegenden Plänen übrig bleiben kann. Abgesehen davon, dass volkswirtschaftlich circa mindestens 250.000 Euro für ein nicht verwendetes Studium versenkt werden.

Und dann sind die Kinder aus dem Haus, die Doktorarbeit liegt 27 Jahre zurück und der holde Gatte lustwandelt im 2.oder 3.Frühling.

Wenn Ihnen das Leben , das Sie 25 oder 30 Jahre geführt haben, wegbricht und Sie haben keine finanziellen Puffer und keine beruflichen Perspektiven, da ändert sich alles! Denn nicht alle Frauen heissen Maria Shriver und haben den reichen Kennedyclan als Hintergrund.

See-Online: Was um Himmels Willen, was ist denn ein Osteoperose-Teller? Also ich fände den New York City Marathon, den Sie als Alternative nennen, aufregender. Allerdings schaffe ich höchstens, einen Halbmarathon oder ehrlich gesagt nur knapp 21,1 Kilometer? Zu welcher Fraktion gehören Sie?

Uta Rotermund: Ja , das ist die Weisheit des Alters .Man muss schon über 50 werden, damit man einen „Osteoperose-Teller“ kennenlernt . Aber da ich ja ein sozialer Mensch bin, freundlich wie die meisten alten Damen , werde ich meine Weisheit mit Ihnen teilen.

Es war eine Begegnung mit einem Kellner in Bad Salzuflen. Meine 84jährige Tante war dort zur Kur. Als wir zusammen am Tisch saßen, kam der Kellner , klappte die Karte vor *mir* auf und sagte : „Und für unsere Seniorinnen ab 50 haben wir den ,Osteoperose-Teller’….Ich habe dann gefragt , ob es für den Senior ab 50 denn auch den „Prostata-Teller“ gäbe ….Da hat er die Karte zugeklappt und zu meiner Tante gesagt: „Die Damen entscheiden selber!“ Haltung hatte der Mann!

Und was den Marathon betrifft , ich halte es mit Churchill : No sports!

Ich mache Hochleistungssport auf der Bühne, das reicht.

See-Online: Wieso sollten Leute über 50 kein H & M-Shirt tragen? Es heißt doch, Menschen mit 70 würden sich heute so fühlen wie früher 60-Jährige. 50-Jährige wären dann erst 40.

Uta Rotermund: Von mir aus können Menschen anziehen, was sie wollen. Das ist mir völlig eins. Nur keine Badehosen im Frühstücksraum und Birkenstocks in der Oper. Sie zitieren erneut meine Website . Aber dort steht zu lesen : „Mode aus dem Atelier Goldener Schnitt oder doch noch einmal ein H&M – Shirt ?“ Jetzt müssten Sie natürlich wissen, was das „Atelier Goldener Schnitt“ ist . Werden Sie fünfzig und Sie werden es erfahren!

See-Online: Ihr Programm über den demographischen Faktor dauert 100 bis 120 Minuten. Ist das nicht ein bisschen lang? Können sich über 50-Jährige überhaupt noch 100 Minuten plus konzentrieren?

Uta Rotermund: Macht George Clooney einen unkonzentrierten Eindruck? Der Mann ist fünfzig und ein paar Tage! Ich gehe davon aus , dass Sie die fünfzehneinhalb auch schon überschritten haben. Ich helfe Ihnen aber trotzdem gerne ein bisschen weiter. Gerade die Generationen der Unterfünfzigjährigen zeichnen sich durch Aufmerksamkeitsdefizite, Plapperismus, „Witzsischkeit“ wie Hape Kerkeling sagt, und Sprechdurchfall aus. Guttenberg und Koch-Mehrin sind typische Vertreter dieser Blähsucht, die sich nicht nur im sogenannten Unterschichtsfernsehen wie „Deutschland sucht den Superstar“ , sondern auch auf der sogenannten seriösen Ebene zu profilieren sucht .Mehr Schein als Sein! Smart, eloquent und hohl! C.G.Jung hat einmal gesagt , Fernsehen ist der direkte Weg in die Psychose! Und C.G.Jung ist schon ein paar Jahrzehnte tot.

Was lehrt uns das: Die Generation der über 50jährigen ist eine der letzten Generationen, die noch fokussieren kann, eine der letzten Generationen , die sich länger als einen Handyklingelton konzentrieren kann. Direkt auf der Strasse beobachtet: Ein vielleicht 16-Jähriger knutscht seine Freundin kurz vor horizontal, das Handy klingelt. Er geht dran, hält die Braut etwas auf Abstand und sagt in das Handy: „Äh gezz nisch Alter, isch bin mit die Nadine am Machen!“ Der Kumpel am anderen Ende muss allerdings eine wichtige Mitteilung zu machen haben. Daraufhin der 16-jährige Herzensbrecher:“ Äh, Nadine wart mal, is wichtisch , sacht Mahmud …., gleisch geht’s weiter !“ Entzug elektronischer Medien ist ein Basisbaustein der Suchttherapie! Wir leben im Zeitalter der Ablenkung und der Infantilisierung.

See-Online: Welches Publikum ist denn eigentlich Ihre Zielgruppe?

Uta Rotermund: Menschen , die denken können.

See-Online: In einem anderen Programm gingen Sie der Frage nach, wie erwirbt eine Frau einen Mann? Das hätte mich persönlich mehr interessiert. Gibt es an dem Abend auch etwas in dieser Richtung oder für uns noch ein bisschen Jüngere?

Uta Rotermund: Also dann habe ich natürlich sofort einen bewährten Ruhrgebietstipp zum Erwerb eines Mannes für Sie! Hängen Sie sich ein Kotellet um den Hals! Männer lieben Frischfleisch! Einer beisst unter Garantie an. Falls das nicht funktioniert: Ich könnte Ihnen einen Mann auf der Feier zum Deutschen Meister einfangen. Wenn sie betrunken sind und das sind sie bei der Feier, sind sie handzahm! Ich kann Ihnen allerdings nicht garantieren, dass er Ihnen nicht wieder wegläuft, wenn er wieder nüchtern ist. Ich bedauere, dass Sie sexuell darben müssen, aber bei den Touristenströmen, die im Mai durch Konstanz rauschen, müsste doch auch ein Männchen für Sie abfallen!

See-Online: Gut gefällt mir Ihr Appell, „Machen Sie’s jetzt, bereuen Sie später! Man lebt doch nur so kurze Zeit und ist so lange tot!“

Uta Rotermund: Das freut mich für Sie!

See-Online: Vielen Dank für das Gespräch. Wir sehen uns womöglich.

Uta Rotermund: Whatever will be, will be ….the future ´s not ours to see, que sera, que sera

Uta Rotermund am 20. Mai im Theater Konstanz, „50plus! Seniorenteller?“ Theaterkasse, Telefon 07531- 900-150.

Hier geht es zur Website der Kabarettistin.

 

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