Notfallpatient Krankenhaus: Katastrophales Klima am Konstanzer Klinikum

Stadtrat Jürgen Puchta (SPD) nicht begeistert vom Kommunikationsstil im Klinikum – Ott nicht austauschbar

Konstanz. Der Fisch stinkt vom Kopf, sagen viele. Die Kritik an der Konstanzer Klinikleitung ist nicht zu überhören. Die Kündigung von Chefarzt Müller-Esch vor zwei Wochen und der Rücktritt des gesamten Personalrats am vergangenen Mittwoch brachten das Haus in Negativschlagzeilen. Jürgen Puchta, SPD-Stadtrat und selbst Arzt, hält die Entlassung von Gert Müller-Esch, Chefarzt des Zentrums für Innere Medizin am Konstanzer Klinikum trotzdem für richtig und für alternativlos. Jetzt rügt er aber auch den Kommunikationsstil von Rainer Ott, Geschäftsführer des Klinikums, und von Niko Zantl, dem Ärztlichen Direktor. Sie hätten früher mit den Klinik-Mitarbeitern sprechen müssen, meint Puchta.

Miserabler Kommunikationsstil

Der Stiftungsrat hatte Ott und Zantl in der Sitzung vom 28. April, als der Rausschmiss von Müller-Esch beschlossen wurde, offenbar gebeten, nach der Kündigung des Chefarztes schnell mit den Mitarbeitern zu sprechen. Offenbar stand die Krankenhausbelegschaft – oder große Teile von ihr – hinter den Gefeuerten. „Wir wollten, dass sie auf die Leute zugehen“, so Puchta. Die Krankenhaus-Spitze ließ sich aber fast eine Woche Zeit, bis sie es tat. Das war zu lange. Erst am 4. Mai erwiderten der Verwaltungsleiter und der Ärztliche Direktor  auf die Vorwürfe und die Kritik von Ärzten an geplanten Umstrukturierungen, sagt Puchta. Müller-Esch und 24 weitere Ärzte hatten ihre Kritik in einem Brief formuliert – Müller-Esch hat wegen des Briefes als einziger Unterzeichner die Kündigung erhalten.

Vorgaben nicht diskutabel

Am 4. Mai trat der Personalrat des Klinikums zurück. Das hätte sich vielleicht noch vermeiden lassen, sagt Puchta. „Der Rücktritt war die Antwort auf den Kommunikationsstil“, sagt Puchta. Das Klima am Klinikum sei katastrophal, meint Puchta. Offenbar haben Mitarbeiter gegenüber Kommunalpolitikern entsprechende Aussagen über die Situation am Klinikum gemacht. Doch der SPD-Stadtrat kritisiert nur den Kommunikationsstil der Klinik-Spitze, nicht aber die Vorgehensweise. Hier nimmt der SPD-Stadtrat Ott ausdrücklich in Schutz. Es gebe aufgrund der prekären finanziellen Situation des Klinikums klare Vorgaben. Um bestimmte Zahlen zu erreichen, brauche es Umstrukturierungen. „Müller-Esch ist immer dagegen gewesen und hat alle Zahlen angezweifelt“, sagt Puchta. Es sei wohl einfach nicht mehr gegangen.

Ott steht nicht zur Disposition

Wenn der Fisch vom Kopf stinkt, ist ein Weiterso meist nur schwerlich möglich. Den Geschäftsführer des Klinikums auszutauschen sei in der momentanen Situation aber nicht möglich, sagt Puchta. Ott habe sich mit Mühe gerade so eingearbeitet. Mit einem Wechsel und einem neuen Geschäftsführer wäre eine Kreislösung kaum möglich, glaubt der Kommunalpolitiker.Die Kreislösung gilt als Voraussetzung dafür, die Kliniken in öffentlicher Trägerschaft zu erhalten. Einen Verhandlungstopp – ähnlich wie einen Baustopp bei S 21 – könne es nicht geben. Die Zeit dränge. „Dadurch würden wir das Klinikum in die Privatisierung treiben“, sagt der SPD-Stadtrat. Genau das möchte die SPD aber vermeiden. „Es geht jetzt nicht um einzelne Personen“, sagte Puchta. Ohne die Kreislösung stünde das Konstanzer Krankenhaus vor der Pleite.

Boldt nicht untadelig

Keine gute Figur machte in der Krankenhaus-Affäre offenbar Bürgermeister Claus Boldt. Zuerst habe er Müller-Esch sogar noch zu einem von zwei Geschäftsführern gemacht. Die SPD sei immer gegen diese Doppelstruktur gewesen. In der Folge musste der damalige Geschäftsführer Martin Stuke gehen. Dann sei Ott gekommen und Müller-Esch musste wieder aus der Geschäftsführung ausscheiden. Müller-Esch blieb Ärztlicher Direktor. Mit seinem Rücktritt verhinderte der Mediziner zuletzt gerade noch so seine Abberufung. Als einer von vielen Chefärzten ist er am Klinikum geblieben. Es habe Störfeuer gegeben. Von Boldt erwartet Puchta jetzt eine „klare Linie“. Die hat der Stadtrat offenbar bisher vermisst. „Boldt muss jetzt dafür sorgen, dass die Kommunikation besser wird“, fordert Puchta.

SPD unterscheidet zwischen zwei Vorkommnissen

Der SPD-Stadtrat sieht, darauf legt er Wert, keinen direkten Zusammenhang zwischen der Kündigung von Müller-Esch und dem Rücktritt des Personalrats. Die SPD hatte mehrheitlich in der nicht-öffentlichen Sitzung zudem für die Entlassung des Chefarztes gestimmt. Nur Hanna Binder und Sonja Hotz enthielten sich. Über das Abstimmungsverhalten wollte sich Puchta aber nicht äußern. Es sei eine nicht-öffentliche Sitzung gewesen. Eine Erklärung der SPD zu den Vorkommnissen am Klinikum werde es nicht geben, sagte Puchta. Es brauche Ruhe. Sonst könnte es der Notfallpatient Krankenhaus womöglich nicht schaffen und nicht in öffentlicher Trägerschaft überleben. Puchta hofft weiter auf die Kreislösung. Anscheinend wollten andere aber lieber die Privatisierung.

Das schreibt der Blog dornröschen.nu zum Thema. Stadtrat Jürgen Wiedemann wolle wegen der Kündigung Müller-Eschs jetzt die Kommunalaufsicht einschalten.

Foto: Thorsten Freyer PIXELIO www.pixelio.de

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