Kein Glasverbot am Konstanzer Seerhein bis 21. Juli

Konstanz ist Unistadt und keine „Ruhezone“ – Gemeinderat tendiert zu Glasverbot aus Sicherheitsgründen

Konstanz. Der Konstanzer Gemeinderat tendiert zu einem Glasverbot in Uferbreichen am See und am Seerhein. Die Entscheidung soll am 21. Juli fallen und keine Entscheidung gegen Jugendliche sein. Vor allem Ärzte im Konstanzer Kommunalparlament setzen sich dafür ein. Thomas Louis von der Betroffenen Initiative hat dem Oberbürgermeister in dieser Woche 340 Unterschriften für einen Toilettenwagen und mehr Müllbehälter übergeben. Anwohner aus dem Bereich Seestraße möchten privat finanzierte Schilder mit der Aufschrift „Psst Ruhezone am See! Zuwiderhandlungen werden bestraft!“ aufstellen. Auch die Nachtwanderer unterstützen diesen Vorstoß offenbar. Entsprechend geäußert hat sich Gabi Weiner.

Schilderbürger für „Psst Ruhezone!“

Konstanz ist Unistadt, im Sommer auch Freizeitgelände, Bürgerpark und Badestrand. Eine Ruhe- und Erholungszone ist die Stadt aber sicher nicht. Einige Anwohner sehen das anscheinend anders. In einer Rundmail war von einer „Schilderaktion“ die Rede, die Nachtwandererin und Freie-Wähler-Stadträtin Gabi Weiner auch dem Gemeinderat vorgeschlagen hat. Von Anwohnern wollte sie offenbar wissen, ob sie Schilder mit Aufschriften wie „Psst Ruhezone!“ finanzieren würden. Brigitte Lange, eine Bewohnerin der Stadt am Seerhein, sagte, sie lehne solche Schilder ab – übrigens nicht aus Kostengründen.

Fotodokumentation für den OB

Während Anwohner aus dem Bereich Seestraße dem Oberbürgermeister zuletzt auch eine Fotodokumentation mit Bildern von Jugendlichen in der Seestraße zu kommen ließen, die mit Feststellungen kommentiert waren wie „Albanier Gruppe“ – gefährlich!!! schlagen auf alles ein!! Bänke – Autos – Schilder“ oder „Alle Flaschen von dieser Gruppe flogen in den See!!! so wird aufgeräumt! Der Dreck bleibt liegen, die Wege sind versperrt!“, zeigte sich der Konstanzer Gemeinderat sehr besonnen.

Mediziner warnen vor Schnittwunden

Die Ärzte Ewald Weissschedel (Freie Wähler) und Michael Fendrich (FDP) sprachen über das Verletzungsrisiko. Weisschedel forderte zunächst sogar ein generelles Glasverbot aus Gründen der Gesundheitsvorsorge. „Für den, der in eine Scherbe läuft, ist der Sommer gelaufen“, so Weisschedel. Verletzungen an der Fußsohle heilen nur sehr schlecht, sagte der Arzt. Scherben am Kiesstrand seien gefährlich. Feiern sei auch ohne Glas mit Plastikgläsern, Plastikflaschen und Dosen möglich, auch wenn Bierbüchsen aus Umweltgründen problematisch seien. Auch Michael Fendrich deutete an, dass er in der Vergangenheit üble Verletzungen behandelt habe. Er sagte, viele feierten, seien auch laut, nehmen aber ihren Müll wieder mit. Eine zweite Gruppe hinterlasse Dreck und Scherben und provoziere Verletzungen. Müllbehältnisse und öffentliche WCs, die nicht um 20 Uhr abgeschlossen würden, seien nötig.

Pro und contra Glasverbot

Stadtrat Klaus Frank wäre ein Glasverbot am ganzen Ufer am liebsten gewesen. Er sagte, es sei gleichgültig, ob einem Dreijährigen eine Flasche herunterfalle oder ein Jugendlicher eine Flasche weg werfe. Auch Anne Mühlhäuser (Freie Grüne Liste) sprach sich uneingeschränkt für ein Glasverbot aus. Es wäre auch im Interesse von Fahrradfahrern. Die Stadträtin könnte sich sogar ein temporäres Alkoholverbot vorstellen. Sie begründete ihre Haltung mit persönlichen Erfahrungen – sie hat miterlebt, wie sich ein ihrer Meinung nach ganz normaler Jugendlicher ins Koma gesoffen habe. Das müsse nicht sein. Ihr Fraktionskollege Peter Müller-Neff lobte die Diskussionskultur und möchte weiter das Gespräch suchen. Er sagte weiter, bei Weinfesten sei es auch kein Problem, einen mobilen Toilettenwagen aufzustellen. Toiletten an der Seestraße forderte auch Hanna Binder (SPD): Auch sie möchte weiter diskutieren und sprach sich gegen ein Glasverbot aus. Gabi Weiner war für ein Glas- aber gegen ein Alkoholverbot. Sie wolle nicht, dass Konstanz da Vorreiter sei. Roger Tscheulin (CDU) möchte nicht nur auf „repressive Mittel“ setzen, war aber für ein Glasverbot.

Grün-Rot in Stuttgart gegen Alkoholverbote

Mit dem grünen Oberbürgermeister Horst Frank wäre offenbar auch ein Alkoholverbot machbar. Er hatte zusammen mit seinen grünen Amtskollegen in Tübingen und Freiburg einen Vorstoß in Richtung Landespolitik unternommen. Die Initiative war aber nicht erfolgreich. Ein Alkoholverbot an sozialen Brennpunkten in Baden-Württemberg sei vom Tisch, hieß es schon am Donnerstag, als gerade auch der Konstanzer Stadtrat tagte. Die neue grün-rote Landesregierung machte im Landtag klar, dass sie eine entsprechende Änderung des Polizeigesetzes nicht möchte.

Was die Zivilgesellschaft schafft

Oberbürgermeister Horst Frank hatte zuvor begründet, warum er sich ein Alkoholverbot vorstellen könnte. Er sprach von Verstößen gegen das Jugendschutzgesetz, das Jugendlichen unter 16 Jahren verbietet, Alkohol zu trinken. Er habe aber in der Seestraße Alkohol trinkende Kinder gesehen. Weg schauen sei da nicht möglich. Die Frage sei, so der Oberbürgermeister, ob die Zivilgesellschaft die Auswüchse selbst in den Griff bekomme oder ob es Verbote brauche. Das Glasverbot habe für eine Beruhigung gesorgt. Er sei nicht überzeugt davon, dass durch mehr Müllbehälter und ein Toilettenhaus die Lage weiter beruhigt werden könnte. Die Umweltverordnung der Stadt Konstanz durchzusetzen sei schwierig, so der OB. Das Problem ist, dass Störer oder Alkohol trinkende Kinder direkt aufgegriffen werden müssten.

Masse nicht das Problem

Ein Interesse an einer Beruhigung der Situation haben außer den Anwohnern vor allem die Jugendlichen selbst. Im Juni gab es im Jugendzentrum in der Gustav-Schwab-Straße ein Treffen, an dem Jugendamt, JuZe-Mitarbeiter und Jugendliche aus der Stadt teilgenommen haben. „Wir definierten zunächst das Problem: Nicht die Masse ist dieses, sondern die ansteigende Wahrscheinlichkeit, dass unangenehme Dinge wie zerspringende Flaschen und betrunkene Jugendlichen geschehen, wenn sich eben mehr Leute versammeln“, so Franz Sauerstein, Pressesprecher des Konstanzer Schüler Parlaments (KSP).

Grenzen der Selbstdsiziplinierung

Mit Freunden könnten die Jugendlichen reden, falls sich diese „falsch“ verhalten. Freunde könnten sie über Konsequenzen aufklären und „auf sie einreden“, bis sie sich beruhigen. „Im Ernstfall bringt man sie auch mal ganz kameradschaftlich nach Hause“, so der Pressesprecher des Konstanzer Schüler Parlaments. Bei Fremden würde sich aber niemand einmischen – zum einem möchten sich Jugendliche nicht einen „Spießerruf“ einhandeln, zum anderen bestehe die Angst, von manchen Gruppen körperlich angegriffen zu werden. Auch das war ein Ergebnis des Treffens.

Respekt vor Sphäre der Jugendlichen

Vorschläge waren, die Polizeistreife, die mit dem Auto durch die Seestraße fahre, doch zu Fuß gehen zu lassen. Dadurch würden die Polizisten „menschlicher“, präsenter und sie wären vor allem leicht ansprechbar. „Die Jugend möchte, falls nötig, Kontakt herstellen können“, so der Pressesprecher des Konstanzer Schüler Parlaments. Ein möglicher Nachteil dieser Lösung ist, dass sich Jugendliche überwacht fühlen könnten und das, wo sie doch durch die „Flucht auf die Seestraße“ die  „Freiheit von den Eltern“ erlangen wollten. Deswegen sollten sich Nachtwanderer, Sozialarbeiter und Polizei nicht grundlos („Na, geht’s dir noch gut? Habt ihr irgendwelche Probleme?“) einmischen, da sich Jugendliche sonst kontrolliert fühlten. Bei Beschwerden oder aus Gründen wie stark alkoholisierten Jugendlichen oder minderjährigen Trinkern solle natürlich geholfen werden.

Die Tendenz

Bis zur Gemeinderatssitzung am 21. Juli gilt zunächst kein Glasverbot mehr in Konstanz. In der Sitzung möchte der Gemeinderat dann einen Beschluss fassen. Die Kommunalpolitiker tendieren mehrheitlich zu einem Verbot, das sich aber nicht gegen die Jugendkultur in der Stadt richten soll, sondern allein aus präventiven Gründen und wegen der Gefahr durch Scherben ausgesprochen werden soll.

Hier geht es zu den Entwürfen von Schildern, die einige Anwohner und Nachtwanderer offenbar aufstellen wollen.

Schild Ruhezone 2a

Psssst 3

Schild Seestrasse

Foto: wak

 

2 Kommentare to “Kein Glasverbot am Konstanzer Seerhein bis 21. Juli”

  1. MB
    1. Juli 2011 at 17:51 #

    Ist ja wohl eher eine Schilda-Aktion.

  2. AB
    2. Juli 2011 at 16:08 #

    Nun mal ehrlich…ein Glasverbot am Seeufer und am Seerhein wegen den Scherben, kann das ernst gemeint sein? Ich glaube kaum, da man sonst wohl Glasflaschen generell verbieten müsste. Überall kann eine Glasflasche zu Bruch gehen, auch in der Innenstadt, am Hafen, in Wollmatingen oder sogar im Vorort Wallhausen, nicht nur am Ufer oder am Seerhein. Was macht denn bitte Glasflaschen bzw. die Scherben dort besonders gefährlich? – Richtig, nämlich nichts!! Wenn man also ein Glasverbot an den angesprochenen Stellen durchsetzen wolle, dann bedeutet das doch nichts anderes als, dass mann die Jugendlichen von dort weghalten will.

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