Kellermeister Herbert Senft sagt Hagnauer Winzern adieu

Jochen Sahler vom Winzerverein Durbach wird Senfts Nachfolger beim Hagnauer Winzerverein – Ein junger Wilder aus Überlingen

Bodenseekreis/Hagnau. Es geht Schlag auf Schlag. Im Minutentakt leeren die grünen Sammelgefäße die gelesenen Trauben in den Auffangtrichter der neuen Lesegutannahme. Es ist die Premiere für die neue Annahmestelle beim Winzerverein Hagnau. Geschäftsführer Franz Gutemann freut sich, dass die gut 250.000 Euro teure Anlage wie geschmiert läuft. Jedes Gefäß wird erfasst, gewogen und den einzelnen Winzern zugeordnet. „Kernstück aber ist die automatische Analyse“, erklärt Gutemann. So erscheint, nachdem die Mess-Sonde in die Trauben eingedrungen ist, sofort die gemessene Öxle-Zahl auf einem leuchtenden Laufband. „Insgesamt werden rund 15 verschiedene Parameter erfasst.“ Auf drei Linien werden die Gefäße entsprechend der Qualitäten eingeordnet. „So können wir Ausreißer aussortieren und die Trauben einer der fünf Pressen zuführen. Das ist ein weiterer Baustein unserer Bestrebung die Qualität zu sichern und zu steigern.“

Kellermeister Herbert Senft geht in den Ruhestand

Doch die neue Annahmestelle ist nicht die einzige Errungenschaft zur Lese 2010. Kellermeister Herbert Senft geht nach sieben Jahren beim Winzerverein in den vorzeitigen Ruhestand. Für seinen Nachfolger hat der 60jährige selbst gesorgt, „und damit ist ihm ein großer Wurf gelungen.“ Er konnte Jochen Sahler vom Winzerverein Durbach gewinnen. Die beiden kennen sich schon lange, haben schon mehrfach zusammengearbeitet.

Der Neue Jochen Sahler kommt vom Winzerverein Durbach

„Herbert ist für mich soetwas wie ein önologischer Ziehvater“, formuliert es der 36jährige Sahler. Bei ihm hat er in den markgräflichen Betrieben auf Schloss Salem seine Ausbildung absolviert, bevor es ihn in die weite Welt zog. Napa und Sonoma Valley in Kalifornien waren seine Stationen. „Das ist schon wirklich eine andere Welt. Das fängt bei der hochmodernen Technik an, geht über ein anderes Verständnis für Wein und mündet eben auch in eine ganz andere Stilistik. Es gibt fast nichts, was dort nicht im Barrique ausgebaut wird.“

Enorme Herausforderung für den neuen Kellermeister

Doch keine Angst – alles umkrempeln will Sahler auf keinen Fall. „Die Hagnauer Weine sind auf einem sehr hohen Niveau, was die zahlreichen Preise und natürlich die Kunden stets bestätigen.“ Bewährte Tradition bewaren und hier und da einen Akzent setzen, das seien seine Ziele. „Es ist schon eine enorme Herausforderung in die Fußstapfen von Herbert zu treten, aber man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben.“

Überlinger wünscht sich mehr Kellerluft

In den letzten fünf Jahren war Sahler Kellermeister in Durbach. „Kellermeister? Nennen wir es eher mal „Kellermanager“. Mir hat der direkten Zugang zur Basis gefehlt. Durbach war eine Erfahrung, die mir sicherlich viel gebracht hat, aber ich möchte das Handwerk stärker focieren“, fasst Sahler zusammen. Etwas weniger Telefon und Schreibtisch, dafür mehr Kellerluft und Austausch, gerade auch mit den 50 Winzerfamilien, kämen ihm da gerade recht. Beim Winzerverein Durbach mit seinen über 300 Hektar Rebfläche habe es letztendlich dann doch am „heimeligen Gefühl“ gefehlt. Dem Ruf, zurück an den Bodensee, ist der Überlingen geborene und bei Frickingen aufgewachsene Sahler gerne gefolgt. „Für mich kam eigentlich nur der See in Frage – wegen der Landschaft und den Menschen. Hier stimmt einfach alles.“ Seiner Heimatregion hielt er auch während den letzten Jahren stets die Treue. Seit 17 Jahren ist er Mitglied beim Salemer Fanfarenzug. Das sei zwar mit den Proben nicht immer unproblematisch, aber Ehrensache gewesen. Einen Ausgleich findet der sportliche Kellermeister im Spinningund auf dem Mauntain-Bike. „Das wird im Sommer mein Dienstfahrzeug.“

Ein bisschen wild sein

Einen Monat haben die beiden Kellermeister jetzt in der Übergabezeit zusammen gearbeitet. „Bis zum Schluss voll am Limit“, lobt Karl Megerle, Vorsitzender des Winzervereins, die große Einsatzbereitschaft von Herbert Senft und bezeichnet ihn als absoluten Glücksfall. Doch das Glück konnte sich in Hagnau auch frei entfalten: „Ich habe hier immer freie Hand gehabt und konnte kreativ im Weinausbau arbeiten“ . Und das muss gleichzeitig auch ein äußerst glückliches Händchen gewesen sein: Sieben Jahre Winzerverein Hagnau – Sieben mal in Folge den Ehrenpreis. Die Preisgalerie kann sich sehen lassen. Auch Sahler möchte sich ausprobieren. Er sieht es pragmatisch: „Bei den Köchen gibt es die „Jungen Wilden“, die auf Tradition mit modernen Einflüssen setzen. Auch ich kann ein bisschen wild sein…!

Herbert Senft widmet sich seinen Bränden

Herbert Senft kann sich in seine selbst gewählte Altersruhe mit einem guten Gefühl zurückziehen, „ich weiss, dass es laufen wird.“ Doch wer Herbert Senft kennt, der weiss, dass er bestimmt keine ruhige Kugel schieben wird. Er bleibt beim flüssigen Obst. Seine Brände sind seine neue Leidenschaft. Auch hier schielt er bereits nach ersten Preisen. Seine Produkte verkauft er auch jeden Samstag auf dem Überlinger Wochenmarkt, die Resonanz der Kunden bestärkt ihn. Erstmals hat er sich jüngst an einen Whisky gewagt – schmunzelnd bietet er an, dem Winzerverein Hagnau demnächst einmalzu einem Whisky-Abend einzuladen.

Autor und Fotos:  Alexander Kopp KOPP-PRESS, Das Redaktionsbüro

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