Konstanz am Tag nach der Landtagswahl

Grüner Siegfried Lehmann holt Direktmandat – CDU-Landtagsabgeordneter Andreas Hoffmann ist draußen

Konstanz. Der Wechsel in Baden-Württemberg passierte auch im Wahlkreis Konstanz. Konstanz ist so wie Freiburg eine grüne Stadt mit einem Grünen OB. Jetzt vertritt auch ein direkt gewählter Grüner Landtagsabgeordneter Konstanz in Stuttgart.

Wähler entschieden sich für das „Original“

Dass Siegfried Lehmann das Direktmandat für die Grünen holen könnte, schien zum ersten Mal möglich, als die Bürgerproteste gegen Stuttgart Stuttgart 21 ihren Höhepunkt erreichten, und spätestens nach den Ereignissen in Japan wurde er greifbar. Für den Atomausstieg, der das wichtigste Thema für viele Wähler gewesen ist, stehen Büdnis90/Grüne. Passiert ist auch im Wahlkreis Konstanz, was bei Wahlen immer passiert: Die Menschen wählten das Original, weil es am glaubwürdigsten ist. Viele Wähler gingen nur zur Wahl, weil sie die Atomkraftwerke abschalten möchten – dazu mussten sie auch Mappus abschalten.

Tageszeitung erwies Hoffmann einen Bärendienst

Die Tageszeitung hatte „gefühlt“ den CDU-Landtagsabgeordneten Andreas Hoffmann bevorzugt. Bei der großen Podiumsdiskussion heute vor einer Woche im Konzil hatte ein Redakteur Hoffmann als einen Mann vom „grünen Flügel“ der CDU begrüßt. Während der Diskussion erhielt Andreas Hoffmann die längste Redezeit. Vielen Zuhörern missfiel diese Bevorzugung. Erinnerungen an den Ausgang des Bürgerentscheids über das KKH werden wach und Parallelen scheinen nicht ausgeschlossen. Die Menschen möchten sich nicht bevormunden lassen und haben erst Recht anders entschieden. Eine Rolle spielt, dass die Tageszeitung an Reichweite und Einfluss verloren hat. Wahlkampf und Meinungsbildung fand auch im Internet statt. Die Wähler tauschten sich bei Twitter und Facebook aus, informierten sich und bildeten sich ihre eigenen Meinungen. Am Ende kam die CDU landesweit auf 39 Prozent. Andreas Hoffmann musste sich mit 32,7 Prozent zufrieden geben.

SPD profitierte nicht von „Mitleidseffekt“

Die SPD feierte, weil die Grünen so gut abgeschnitten haben. Landesweit kam die SPD auf 23,1 Prozent. Im Kreis Konstanz waren es 20,2 Prozent. Zum Vergleich: Siegfried Lehmann holte im Wahlkreis Konstanz 34,6 Prozent der Stimmen. Profitieren konnte die SPD auch nicht von einem „Mitleidseffekt“. Vor zwei Wochen war die türkischstämmige SPD-Kandidatin Zahide Sarikas im Wahlkampfbüro der SPD verletzt worden. Seither suchen Polizei und LKA nach einem noch unbekannten Mann. Fest stehen dürfte, dass sich SPD-Zweitkandidat Tobias Volz, der für Zahide Sarikas einsprang, in den letzten eineinhalb Wochen sehr gut geschlagen hatte. Er machte auf Podien einen sympathischen und auch kompetenten Eindruck. Ihre Wahlchancen verschlechtert hatte die SPD durch das „Auswechseln“ der Kandidaten sicher nicht. Am Sonntagabend zeigte sich die SPD-Kandidatin Zahide Sarikas überraschend wieder in der Öffentlichkeit. Sie erschien äußerlich unverletzt bei der SPD-Wahlparty und bedankte sich bei ihren Helfern. Eine politische Aussage machte sie nicht und sie sagte auch nichts über den Überfall.

Linke trotz Promis und Podien erfolglos

Der Linken im Kreis Konstanz konnten auch die Promis Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht nicht zu einem besseren Ergebnis verhelfen. Landesweit kam die Linke auf 2,8 Prozent der Stimmen. In Konstanz waren es nur 2,7 Prozent. Zum Vergleich: Die Piratenpartei, die keine prominente Wahlkampfunterstützung hatte, holte im Kreis Konstanz 2,4 Prozent oder nur 0,3 Prozentpunkte weniger als die Linke. Interessant ist der Vergleich zwischen Linker und Piraten auch, weil der Kandidat der Linken, Bernhard Hanke, anders als die Kandidatin der Piratenpartei zum Beispiel zu Podiumsdiskussionen der Umweltverbände oder der Tageszeitung eingeladen war. Hanke machte auf Podien allerdings eine schlechte Figur. Podien und mediale Aufmerksamkeit in traditionellen Medien dürften gegenüber dem Internet und den Sozialen Netzwerken zudem an Bedeutung verlieren.

Piraten machen aktiven Wahlkampf

Ute Hauth, die Kandidatin der Piratenpartei, nahm an Wahlveranstaltungen, bei denen sie nicht aufs Podium durfte, jeweils als Zuhörerin teil und stellte eine Publikumsfrage. Aktiv war Ute Hauth vor allem in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter und beim Straßenwahlkampf, wo sie in direkten Kontakt mit Wählern kam. Beachtlich ist das Ergebnis der Piraten dieses Mal auch, weil im Landtagswahlkampf Piratenthemen wie Netzsperren oder Vorratsdatenspeicherung – anders als bei der Bundestagswahl – keine Rolle spielten. Die Landtagskandidatin der Piraten, Ute Hauth, erreichte das beste Ergebnis im Regierungsbezirk Südbaden. Bei der U18-Wahl schnitten die Piraten sogar noch besser ab als bei der offiziellen Wahl. Das Thema Atomausstieg und Bürgerbeteiligung hatten vor den Piraten in Baden-Württemberg aber längst glaubhaft die Grünen besetzt. Demnächst wird sich zeigen, ob sich die Piraten als sechste Partei dauerhaft etablieren und in die Politik einmischen.

FDP noch besser als landesweit

Die FDP in Konstanz schaffte 5,4 Prozent und schnitt damit sogar noch besser ab als die FDP landesweit mit ihren nur 5,3 Prozent. Kandidatin Tatjana Wolf hatte sich auf Podien schwer getan. Rainer Brüderles Äußerungen könnte die FDP Stimmen gekostet haben – Wahlkampfunterstützung aus Berlin war es zumindest nicht. Ob die aus dem Kreis Konstanz stammende FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Birgit Homburger weiterhin eine Führungsrolle in der Bundes-FDP spielen wird, ist fraglich.

NPD, Republikaner und ÖDP spielten bei der Landtagswahl keine Rolle.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – bis eine neue rot-grüne Regierung das Land und den Kreis umgekrempelt hat, wird es aber dauern. Das längere gemeinsame Lernen kann nicht nach den Osterferien beginnen. Der Kauf der EnBW durch Ministerpräsident Mappus wird teuer und den Haushalt belasten. Das trifft auch den Kreis Konstanz.

 

2 Kommentare to “Konstanz am Tag nach der Landtagswahl”

  1. heinzkamke
    28. März 2011 at 12:46 #

    Grün-rot, nicht rot-grün. Wichtige Unterscheidung, finde ich.

  2. wak
    28. März 2011 at 15:35 #

    Verzeihung ;) Das hat sich so eingeschlichen. Ich teile die Meinung, dass es einen Unterschied macht.

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.