Konstanz spricht über Kultur

OB-Kandidaten outen sich – 200 Interessierte drängten sich im Sitzungssaal

Konstanz. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Mit diesem Zitat des Komikers Karl Valentin eröffnete Theaterintendant Christoph Nix die Kulturdebatte im Sitzungssaal des Landratsamtes. Nix sagte noch, er hoffe auf Visionen. Statt explosiv startete der Abend aber behäbig und mit einem Mikrofonproblem. Und eine Debatte wurde es auch nicht.

Fünf Minuten Redezeit je Kandidat

Nix hatte noch gesagt, dass es keine Verteilungskämpfe zwischen Kulturschaffenden in Konstanz gebe. Niemand erwiderte. Die Kandidaten sollten erst einmal sieben andere Fragen beantworten und – vor den 200 Gästen im überfüllten Saal – je ein jeweils fünfminütiges (!) Statement abgegeben. Wer schnelle Schnitte gewöhnt ist, empfand diese Redezeit als viel zu lang. Und auf ein Streitgespräch hatte anscheinend sowieso keiner der Kandidaten Lust – und Spontanität war nicht gefragt. Nur Sabine Seeliger (Grüne) wollte Nix, als sie fast 50 Minuten später endlich an der Reihe war, widersprechen. Sie sagte das Budget für Kultur sei dreifach überzeichnet. Manche gehen leer aus. Nix war da schon weg. Er hatte sich sofort wieder verabschiedet und eilte zur Probe auf den Münsterplatz.

Kein „Kulturinfarkt“ in Konstanz

Konstantin Tsakalidis hatte erst vor wenigen Tagen kritisiert, dass die freie Szene im Vergleich zur öffentlich geförderten mit einem Bruchteil städtischer Zuschüsse auskommen müsse und die „Kulturinfarkt“-Debatte auf lokale Konstanzer Ebene herunter gezoomt. Oder war es in einer anderen Stadt? Eingeladen in den Sitzungssaal des Landratsamtes hatten leider nicht Konstantin Tsakalidis oder freie Kunstschaffende, sondern fünf etablierte Kultur-Freundeskreise in Konstanz (Theaterfreunde, Freundeskreis Philharmonie, Kunstverein Konstanz, Freunde des Rosgartenmuseums und der Förderverein der Kammeroper im Rathaushof). Alle stehen für die öffentlich geförderte und so genannte Hochkultur.

Brot für die Seele

Martin Luithle sagte: „Kultur ist Brot für Seele und Geist.“ Roman Urban trug ein selbst geschriebenes Gedicht vor. Mykola Neumann sagte, ein Oberbürgermeister sollte die Kunst lieben, damit er sie fördert und berichtete mit welcher Begeisterung seine Frau und seine Kinder bei der Openair-Produktion des Stadtteaters „Der Glöckner von Notredame“ als Statisten mitwirken. Henning Tartsch schlug vor, dass es neben einen Studiticket für den ÖPNV auch noch ein Kulturticket für Studierende geben solle, das über einen Semsterbeitrag finanziert würde. Er fragte, was Bayreuth, Bregenz und Kassel ohne Festspiele und Documenta wären. Konstanz könnte er sich als Stadt der Literatur vorstellen.

Uli Burchardt bestens gebrieft

Uli Burchardt hatte eine fünfminütige Rede vorbereitet. Als Schüler habe er ein Schülerabo fürs Theater gehabt, begann er. Das sei der schönste Abend in der Woche gewesen. Bei Bücklein werde er Gitarre spielen und singen. Von Kultur und Kunst gingen Signale der Veränderung aus, sagte Burchardt. Der OB-Kandidat sprach von einem Konzerthaus und von Proberäumen für Bands. Burchardt redete auch von Vielfältigkeit und Qualität. Die Stadt müsse alles bieten können – freie, alternative Kultur natürlich auch. Er würde außerdem Last Minute Karten fürs Theater einführen, um die Spielstätte besser auszulasten, und sich in Stuttgart für die Konstanzer Belange einsetzen.

Ein Gesicht fürs KKH

Andreas Kaltenbach erinnerte daran, dass sein Gesicht bei der Kampagne der KKH-Befürworter zu sehen gewesen sei. Ob das die Mehrheit der Konstanzer überzeugt? In einem Bürgerentscheid hatten die Konstanzerinnen und Konstanzer mit großer Mehrheit das KKH im Konstanzer Trichter versenkt. Später schwärmte der Redner noch von Luzern.

Sabine Reiser: Privates Geld für Kultur begeistern

Sabine Reiser hatte anscheinend kein Statement einstudiert und beantworte sauber die sieben Fragen. Sie wolle ein kulturelles Angebot und kulturelle Vielfalt. Kultur sei auf Zuschüsse angewiesen und es brauche Förderung, wenn das Programm qualitativ hochwertig sein solle und die Mitarbeiter auskömmlich bezahlt würden. Die Freie Kultur sei „Quelle“ für neue Entwicklungen. Ein Konzerthaus heißt bei ihr „Haus für Konstanz“. Sie erwähnte, dass populäre Musik in Ravensburg und Friedrichshafen stattfinde. Ja,eine Ausstellungshalle für moderne Kunst könnte sie sich vorstellen. Im K9 fehle eine Garderobe. Die Aufgabe der OB sei auch „privates Geld für Kultur in Konstanz zu begeistern“ – also Kultur auch mit Hilfe von Mäzenen, Sponsoren und vielleicht einer Bürgerstiftung zu finanzieren.

Kein Geld für tote Infrastuktur

Sabine Seeliger sagte: „Kultur ist ein Wert an sich.“ Sie sprach von Bildung und Provokation. Kultur könne sozialer Kitt in der Stadt sein und gut fürs soziale Miteinander. Sie sei gegen ein KKH auf Klein-Venedig gewesen. Das Projekt müsste, wenn überhaupt, neu von null gestartet werden. Seeliger sagte aber auch, sie wolle Geld lieber für Kulturschaffende ausgeben als in „tote Infrastuktur“ zu stecken.

Kunsthalle mit Kreuzlingen

Sven Zylla sagte, sein erster Theaterbesuch sei ein Besuch des Konstanzer Theaters gewesen. Es sei richtig, dass es ein Dezernat für Kultur, Bildung und Soziales gebe. Bei schrumpfenden Finanzen gehe es darum, die Kultur zu stabilisieren. Mit einer Diskussion über das KKH würde er neu beginnen. Eine Kunsthalle fände er spannend und würde sie gern zusammen mit Kreuzlingen auf den Weg bringen.

Piratiges zum Urheberrecht

Einen sehr guten Auftritt hatte Benno Buchzyk. Er sagte, Kulturpolitik habe eine soziale Funktion. Als Pirat müsse er auch die Urheberrechtsdebatte erwähnen. Es werde Verschiebungen von Geschäftsmodellen geben. Kulturschaffende müssten die Verschiebungen beobachten und Schlüsse ziehen. Eine Diskussion über ein Konzerthaus sei aufgrund der finanziellen Lage nicht vermittelbar. Konstanz sei aber eine reiche Stadt und eine Stiftung für Kulturförderung sei eine gute Idee. Von einem Kultur-Beirat – auch das war eine Frage – hält Benno Buchzyk nicht viel. Das könnte womöglich ein abgeschlossener Zirkel werden.

 

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