Konstanz will das Label „Fahrradfreundliche Kommune“ nicht

SPD kritisiert scharf Abstimmungsverhalten von CDU, FW und FDP – Mängelexemplar Fahrradstadt

Konstanz. Die Konstanzer SPD kommt nicht darüber hinweg. Mit einer knappen Mehrheit hat sich der Gemeinderat gegen eine Mitgliedschaft in der Stadt in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen ausgesprochen. Stadtrat Jürgen Ruff, Verkehrsexperte der SPD, kritisierte das Abstimmungsverhalten seiner Ratskollegen und des scheidenden Oberbürgermeisters. 

Fahrradfreundliche Kommunen

Die Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg e. V. (AGFK-BW) wurde im Mai 2010 als kommunales Netzwerk von zunächst 17 Städten und zwei Landkreisen gegründet und befindet sich seitdem kontinuierlich auf Wachstumskurs. Die Landkreise, Städte und Gemeinden des Netzwerks arbeiten gemeinsam an der systematischen Förderung des Radverkehrs.

Kommunales Netzwerk

Mit finanzieller Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg arbeitet die AGFK-BW an verschiedenen Projekten, deren Ergebnisse allen Mitgliedern zur Verfügung stehen. Das kommunale Netzwerk setzt sich mit den Projekten insbesondere für eine fahrradfreundliche Mobilitätskultur und die Erhöhung der Verkehrssicherheit ein. Darüber hinaus leistet die AGFK-BW mit Modellprojekten auch einen Beitrag zur Forschung im Bereich des Radverkehrs. Eine Mitgliedschaft in der AGFK-BW ist auch die Voraussetzung zur Bewerbung um die Auszeichnung des Landes als „Fahrradfreundliche Kommune“, die durch das Landesbündnis ProRad vergeben wird.

Gemeinderatsbeschluss nur scheinbar Formsache

Eigentlich schien der Beschluss im Konstanzer Gemeinderat nur noch Formsache zu sein, beklagt die SPD. Bereits vor einem Jahr hatte sich der Arbeitskreis Radverkehr, in dem Mitarbeiter der Verwaltung, Praktiker aus Verbänden und Stadträte regelmäßig große und kleine Probleme des Radverkehrs diskutieren, einstimmig für eine Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschadt ausgesprochen. Zu offensichtlich waren die Vorteile: Erfahrungsaustausch, Arbeitshilfen, Fortbildung und vieles mehr bietet die AG den Mitgliedskommunen für einen lächerlich geringen Mitgliedsbeitrag. Auch der Techniche und Umweltausschuss hatte sich fast einstimmig für den Beitritt ausgesprochen.

CDU, Freien Wählern und FDP sagten nein

In der Ratsdebatte zählte das alles nicht mehr. Stadträte aus CDU, Freien Wählern und FDP stimmten gegen ihr eigenes Votum. Auch OB Frank wehrte sich gegen den Beitritt, wohl weil der zuvor die Mitgliedschaft der Stadt in anderen – weit weniger nutzbringenden Gremien – unterstützt hatte.

 SPD rügt Lokalzeitung

Auch die Tageszeitung Südkurier hätte für Verwirrung gesorgt, in dem seine Berichterstattung zunächst den unzutreffenden Eindruck erweckt hatte, der ganze Gemeinderat arbeite gegen die Förderung des Fahrrads, heißt es in einer Mitteilung der SPD weiter.

Fahrradinfrastruktur mit Mängeln

Ärgerlich ist die Gemeinderatsentscheidung vor allem für die Fahrradfahrer in Konstanz. Das Beste an der Fahrradstadt ist noch die Topografie. Die Fahrradinfrakstruktur ist in der Stadt an vielen Stellen überlastet. Fahrradanschließemöglichkeiten fehlen in Konstanz genauso wie sichere Radstrecken durch die Stadt. Außer der neuen Verbindung von Petershausen aus stadtauwärts entlang der Bahnstrecke ist nicht viel passiert. Eine positives Beispiel für zeitgemäße Fahrradabstellplätze finden sich vor Edeka in der Reichenaustraße. Wer ein teures Fahrrad hat, will es auch anschließen können.

Ausreichend breite Fahrradstrecken fehlen aber auf vielen Routen. Bis zur Einrichtung der so genannten Begegnungszone gab es bis vor wenigen Wochen praktisch keine Möglichkeit, mit dem Fahrrad von der Konzilstraße kommend auf direktem Weg das Lago zu erreichen. Auch der fehlende Radweg durch Wollmatingen, wo sich Radfahrer auf den Gehsteig flüchten oder im schnelleren Autoverkehr mehr schlecht als recht mitschwimmen, zeigt, wie sehr die Stadt die Fahrradfahrer vernachlässigt hat.  Ein schlechtes  Beispiel ist auch der neue kombinierte Fuß- und Radweg vom Herosépark in Richtung neue Rheinbrücke. Er ist zu schmal. Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern sind hier programmiert. Die Situation am rechtsrheinischen Brückenkopf der Fahrrad- und Fußgängerbrücke ist zudem alles andere als ideal. Monatelang gingen Fußgänger hier auf dem Radweg. Dass die Stadt vor der Bischofsvilla mittlerweile ein Hinweisschild für Radler aufgestellt hat, um zu verhindern, dass Fahrradfahrer weiter geradeaus fahren und gegen eine Stufe knallen, ist höchstens Kosmetik. Die Stadt hat einiges zu tun – sie sollte es möglichst bald anpacken.

Auch Hinweise auf E-Bike-Ladestationen an Konstanzer Parkhäusern mitten in der Stadt fehlt. Oder haben wir sie nur übersehen?

4 Kommentare to “Konstanz will das Label „Fahrradfreundliche Kommune“ nicht”

  1. Wo.Becker
    9. August 2012 at 14:21 #

    Sie behaupten in diesem Beitrag:

    Eine positives Beispiel für zeitgemäße Fahrradabstellplätze finden sich vor Edeka in der Reichenaustraße.

    Da muss ich Ihnen leider widersprechen:
    Diese Anlehnbügel sind zu kantig und beschädigen so leicht den Lack des Fahrrades.
    Auch ist es nicht möglich kleinere Räder, Kinderräder also, abzustellen, da sie quasie durchfallen.
    ( Besser siehe Anlage auf dem St. Stephansplatz )
    Wie man dann noch auf diese geringe Anzahl kommt, ist mir unverständlich. Will man keine Radkunden in großer Zahl?
    Aber die Anlage sieht gut aus, vor allem wenn kein Fahrrad abgestellt ist. Könnte auch ein Kunstwerk sein, oder nicht?

    Ein gutes Beispeil für eine Abstellanlage ist am Eingang zur Insel Mainau zu sehen; Oder in Überlingen, wo dieser Typ von Abstellanlage in der Stadt verbreitet ist.

    Was in Konstanz fehlt sind Abstellmöglichkeiten in ausreichender Größe;
    Nicht unbedingt Fahrrad-Anschließemöglichkeiten.
    Erst muss ich mal einen Platz haben, wo ich mein Rad hinstellen kann. Ob ich es dann auch noch unbedingt an einen Gegenstand schließen muss, was nicht bei jedem Rad möglich ist, ist eine andere Sache.

    Mich wundert wie sie auf das Stimmverhalten von OB Frank kommen.
    Herr Frank hat nie einen Hel daraus gemacht, dass er gegen eine Mitgliedschaft bei der AGfK-BW ist und es sogar am Sonntag vor der Sitzung noch so verkündet. Nur warum Herr Frank dagegen ist, das habe ich nie erfahren. Er hätte sich auch in der AG einbringn können, was ja anderer Oberbürgermeister machen.

    Nun Geht die Zukunft der AGfK-BW halt ohne Konstanz weiter und so mach einen Kommune ( z.B. Singen, Friedrichhafen ) wird in naher Zukunft fahrradfreundlciher sein als heute und sicherlich als Konstanz. Das Oberzentrum fürs Blechle ist dann Konstanz.

    P.S. bei der Frage der fahrradfreundlichkeit einer Kommune wird auch geprüft, wie fahrradfreundlich die Politik und die Bürgerschaft der Kommune ist.

  2. dk
    12. August 2012 at 19:16 #

    Originell finde ich das Bild eines Denkmals aus Ostfriesland mit dem Titel „Denkmal für den fleißigen Radler“: http://www.panoramio.com/photo/16973137
    Da Westfriesland in den Niederlanden liegt, dürfte die Wertschätzung des Radfahrens aus dem Westen importiert worden sein.

  3. Marco Walter
    15. August 2012 at 18:26 #

    Die Ablehnung des Beitritts zur AG Fahrradfreundliche Kommunen wegen läppischer 3000 Euro Beitrag im Jahr ist für mich als ehrenamtlich engagiertes Mitglied im Arbeitskreis Radverkehr der Stadt völlig unverständlich und ärgerlich. Der Arbeitskreis Radverkehr wünscht sich diesen Beitritt schon lange, denn er ist eine Voraussetzung für gute Vernetzung, Lernen am Beispiel anderer Kommunen und letztendlich auch die Nutzung von Fördermitteln des Landes. Warum eine Mehrheit des Gemeinderates und leider auch mal wieder der scheidende OB gegen den Beitritt in die Arbeitsgemeinschaft stimmten und damit auch dem ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder des AK Radverkehrs ihre Missachtung vermitteln, kann ich nicht nachvollziehen. Da es nicht wegen des Geldes sein kann, denn das wäre ja vielfach durch die besseren Förderbedingungen wieder reingekommen, kann es nur an mangelnder Information gelegen haben oder, was ich nicht hoffen will, an dem mangelndem Willen, unsere Stadt wirklich radfahrfreundlich zu machen. Es wäre ja wirklich mal an der Zeit!

  4. Wo.Becker
    16. August 2012 at 17:11 #

    Mangelde Information kann man ausschließen,
    denn da war sehr viel vorhanden bzw. verteilt worden.
    Auch hätte man jederzeit Gespräche mit mir übder die AGfK-BW führen können.

    Der grüne OB wollte einfach nicht und hat es ja auch geschafft, dafür eine Mehrheit zu organisieren.
    Er lieh sich die Bürgerlichen aus. Leitet vorher die Sitzung richtungsgesteuert und auch der Antrag ließ die Ablehnung durchblicken.

    Nun sollte man wenigetsn die 3.000,-€ im Haushalt der Zukunf für den Radverkehr sichern.
    Vorschlag: das bisherige AK-Rad Budget um jährlich 3.000,-€ erhöhen ( von 5 auf dann 8.000,-€ ), dann kann der Arbeitskreis Rad auch sehen, dass das Geld für Radverkehr genutz wird.

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