Konstanzer Alt-OB Bruno Helmle: Kein Mann mit schwarz-brauner Gesinnung

Historiker Engelsing: Keine Vorverurteilung des Konstanzer Alt-OB – Kritik an Berufung auf „Befehlsnotstand“ in Pressemitteilung der Stadt

Bruno HelmleKonstanz. Schuldig oder nicht schuldig? Die Rolle des früheren Konstanzer Alt-Oberbürgermeisters in der Nazi-Zeit ist unklar. Bevor er entweder entlastet oder als Mittäter verurteilt werden kann, müssen die Historiker Quellen sichten. Als Konstanzer Oberbürgermeister scheint Bruno Helmle aber untadelig zu sein. Eine schwarz-braune Gesinnung dürfe ihm nicht angedichtet werden, sagte der Konstanzer Historiker Tobias Engelsing. Helmle galt offenbar als liberal-konservativ und jovial.

Jürgen Klöcklers Zufallsfund

Ob sich der Konstanzer Alt-OB Bruno Helmle als Angehöriger des NS-Verwaltungsapparats in der Zeit der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im strafrechtlichen Sinn oder moralisch schuldig gemacht hat, ist vollkommen unklar. Der Konstanzer Historiker Tobias Engelsing sagte, das müsse bei einer sorgfältigen Quellenforschung geprüft werden. Der Historiker sprach sich gegen eine vorschnelle Verurteilung des früheren Konstanzer Oberbürgermeisters aus. Er sagte, der Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler habe eine Habilitationsschrift über die Konstanzer Stadtverwaltung im Dritten Reich fertiggestellt. Offenbar stieß Klöckler bei seiner wissenschaftlichen Arbeit überraschend in Zusammenhang mit Franz Knapp auf den Namen Bruno Helmle.

Verweis auf Befehlsnotstand unhistorische Vorgehensweise

Als Leiter der Städtischen Museen wollte sich Engelsing aber weder zu Helmles möglicher Nazi-Vergangenheit noch zum Inhalt einer Pressemitteilung der Stadt äußern. Die Stadt hatte erklärt, es sei möglich, dass Helmle aufgrund der damals vorherrschenden obrigkeitsstaatlichen Mentalität des deutschen Beamtentums „pflichtgemäß“gehandelt habe. Als Historiker sagte Engelsing: „Sowohl eine vorschnelle Verurteilung als auch Entlastung unter Berufung auf den sogenannten ,Befehlsnotstand‘ sind eine völlig unhistorische Vorgehensweise.“

Höhere Befehle kontra persönliche Schuld

In Prozessen wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen hatten die Angeklagten mit dem Befehlsnotstand argumentiert und behauptet, sie hätten damals nicht anders gekonnt, weil sie einem höheren Befehl folgen mussten. Deswegen hätten sie keine individuelle Schuld zum Beispiel an der Verfolgung von Juden. Ein berühmtes Beispiel für die Berufung auf den Befehlsnotstand ist Hans Karl Filbinger.

Hinweis auf systemkonformes Verhalten

Fakt ist, dass Bruno Helmle ab 1940 in der Finanzverwaltung arbeitete. Damals begann die Deportation der badischen Juden. In welcher Abteilung der Alt-OB arbeitete und womit er befasst war, ist aber noch unklar. Am 2. Dezember 1944 wurde er dann stellvertretender Leiter des Konstanzer Finanzamts. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Bruno Helmle systemkonform war.

Mehrere Monate Forschungsarbeit

Engelsing sagte gesichtet werde müssten jetzt Helmles Personalakte, eine möglicherweise vorhandene Entnazifizierungsakte sowie die Akten der Finanzverwaltungen Konstanz und Mannheim. Allerdings seien Akten über die Arisierung jüdischen Vermögens in Konstanz kaum vorhanden, so der Historiker. Engelsing geht davon aus, dass es mindestens ein viertel bis ein halbes Jahr seriöser Forschungsarbeit bedürfe, bis es im Fall Helmle Antworten auf die aufgeworfenen Fragen gebe.

Helmle kein Schwarz-Brauner

Nicht legitim ist es aus Sicht Engelsings aber einen Zusammenhang zwischen dem Alt-OB Bruno Helmle und dem sogenannten Gammlermord 1970 herzustellen. Engelsing, der Helmle noch persönlich kannte, sagte, Helmle habe „elegante Umgangsformen“ besessen und sei ein „lebensfroher“ Mensch gewesen. Er habe eine große „Repräsentationsbegabung“ gehabt und die Stadt Konstanz verdanke ihm sehr viel. „Er hat Verdienste.“ So habe sich Helmle gegen den Widerstand vieler Bürgerlicher und der SPD für die Ansiedlung der Universität ein- und sie durchgesetzt. Keinesfalls sei Bruno Helmle ein „verkappter Nazi“ gewesen. Ihm eine schwarz-braune Gesinnung zu unterstellen, wäre nicht richtig, so Engelsing.

Vortragsreihe im Museum gab Anstösse

In einer gemeinsamen Vortragsreihe im Rosgartenmuseum hatten sich Stadtarchivar Jürgen Klöckler und der Leiter der Städtischen Museen Tobias Engelsing mit der Frage befasst, nach welchen Persönlichkeiten heute noch Straßen in Konstanz benannt sind und ob alle Straßenbenennungen noch zeitgemäß sind. Dabei stieß Klöckler bei seiner Rechcherche über Franz Knapp zufällig auf den Namen Bruno Helmle. Im Fokus standen Männer wie Otto Raggenbass, Fritz Arnold oder Franz Knapp. Engelsing sagte in Zusammenhang mit der Vortragsreihe, dass wenn in Konstanz keine Straße mehr nach Wilhelm von Scholz benannt sein darf, die Namen Otto Raggenbass und Franz Knapp nicht „undiskutiert“ bleiben könnten.

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Foto: Archiv Leipold

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