Konstanzer Chefredakteur Stefan Lutz lud zur Kaffeefahrt durchs Südkurier-Land

Konstanzer Kulturszene traf Heimatzeitung zum Diskurs über die Kultur in der Zeitung

Konstanz. Die Nachricht des gestrigen Abends: Die Stadt lud zum Diskurs mit der Heimatzeitung in den Zunftsaal des Rosgartenmuseums. Der Anlass war, dass sich Bildungsbürger und Kunstschaffende darüber empören, dass die Tageszeitung der Kulturberichterstattung angeblich immer weniger Platz einräume. Die Südkurier-Lokalredaktion kündigte den Abend erst gar nicht an. Trotzdem kamen mehr als 120 Interessierte. So ein bisschen wähnten sie sich dann wie auf Kaffeefahrt durchs Südkurier-Land. Als Conferencier plauderte sich Chefredakteur Stefan Lutz durch den Abend. Antworten hatte der Chefredakteur, der fast eine dreiviertel Stunde am Stück redete, leider erst einmal nicht.

2034 erscheint die letzte Printzeitung

Gestern schwirrte eine Meldung durchs Web: „Statistisch berechnet: Im Jahr 2034 erscheint die letzte gedruckte Tageszeitung.“ Dieser Satz stammt von Prof. Dr. Klaus Meier. Er ist seit 2011 Professor am Studiengang Journalistik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Vorher war er Professor am Institut für Journalistik der TU Dortmund (2009/10) und an der Hochschule Darmstadt, wo er in den Studiengängen Online-Journalismus und Wissenschaftsjournalismus lehrte (2001 bis 2009). Er beschreibt, er habe die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine einfache Trendberechnung geschickt.

Klage über Schrumpfung der Kulturberichterstattung

Die Bildungsbürger und auch die Kulturveranstalter mögen auch angesichts des Niedergangs der Printmedien noch nicht vom Totholz lassen. Sie wünschen sich, dass der Südkurier der Kulturberichterstattung und dem gesellschaftlich-kulturellen Diskurs mehr Platz und Zeitungsspalten frei macht. Der aber habe seine Kulturberichterstattung geschrumpft, sagen Kunstschaffende und Veranstalter. Womöglich irrten alle miteinander. Denn der Südkurier habe die Kulturberichterstattung gar nicht zusammen gestrichen. Das wenigstens sagte später Südkurier-Chefredakteur Stefan Lutz.

Konstanzer haben Interesse an Kultur

Im Zunftsaal des Rosgartenmuseums hatte zunächst Kulturbürgermeister Claus Boldt einen bemerkenswerten Auftritt, der mit einigen launigen Anmerkungen in den Abend einführte. Boldt erinnerte – das war zu einem Abend über die lokale Kulturberichterstattung die perfekte Vorlage – an eine Bürgerbefragung über die Nutzung kultureller Einrichtungen. Die Befragung in Konstanz fand schriftlich und online statt. Bei den Befragten handelte es sich um Zufallsstichproben aus dem Melderegister.

Theater und Museum gehören zum Alltag

Es zeigte sich, dass mehr als die Hälfte der Befragten im Jahr zuvor eine Theateraufführung besucht hatten und 23 Prozent hatten sich die Sonderausstellung „Sommer 1939“ im Konstanzer Rosgartenmuseum angeschaut. Besonders viele Konstanzer gehen ins Theater, ins Museum, besuchen Konzerte oder sogar literarische Veranstaltungen. Konstanz ist kulturaffin. Das zeigte die Befragung. Der Knackpunkt: Die Bürger informierten sich hauptsächlich über Flyer, über Websites und darüber, was wo auf dem Programm steht, eben auch über den Südkurier. Auch das war ein Ergebnis der Befragung.

Immer weniger Relevantes in der Zeitung

Claus Boldt hatte aber noch mehr Zahlen mitgebracht: Das Stadtarchiv sammelt Südkurier-Artikel über relevante Stadtereignisse, führte der Bürgermeister aus. Er verglich die Zahl der gesammelten Artikel zwischen den Jahren 2000 und 2011. Die Zahl schrumpfte von 791 auf 425. Auch die Zahl der Kulturberichte nahm ab. Das stehe, so meinte Boldt, im krassen Widerspruch zum kulturellen Angebot. Seit Christoph Nix Intendant am Theater sei, habe das allein schon beim Theater zugenommen. Dasselbe ließe sich im Bereich der freien Künstler beobachten. In der Südkurier-Ausgabe vom Veranstaltungstag war der Bürgermeister über einen Bericht gestolpert, in dem es um die Memoiren der Mutter von Justin Bieber gegangen sei. Welche Zielgruppe wolle der Südkurier mit seiner Printausgabe denn ansprechen, die zwölf- bis 14-jährigen Mädchen, fragte Claus Boldt bang.

Stefan Lutz Versuch einer Promo-Tour

Dann startete Südkurier-Chefredakteur Stefan Lutz auch schon mit einer Kaffeefahrt durchs Südkurier-Land und spulte einen unerträglich langen Werbefilm über das Verbreitungsgebiet, Ausgaben und die Anzahl von verkauften Exemplaren ab. Das Motto beim Südkurier laute „Lust auf Heimat“. Somit darf die Zeitung nun wohl endgültig „Heimatzeitung“ genannt werden – und Heimat ist ja ansich auch nichts Schlechtes. Der Südkurier schmiegt sich nicht zufällig an. Der Chefredakteur versäumte es auch nicht, noch einmal einen Konrad-Adenauer-Jorunalisten-Preis zu erwähnen, mit dem die Zeitung im vergangenen Jahr ausgezeichnet worden war.

Kultur angeblich nicht geschrumpft

In der Konstanzer Ausgabe gebe es in den Ausgaben vier Seiten Lokales und zwei Terminseiten. Neuerdings informiere die Zeitung an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang. Die Frage laute noch immer: Was interessiert die Leser? „Wir halten die Kulturberichterstattung für sehr wichtig“, sagte Lutz plötzlich. Die Seite das Konstanzer Kulturleben erscheine trotzdem statt wie bisher fünf Mal nur noch drei Mal pro Woche. An den anderen Tagen seien die Kulturberichte nur übers Blatt verteilt. Die Beachtung, so Lutz, sei da sogar größer.

Engelsings Wahrnehmungsproblem

Tobias Engelsing, Leiter der städtischen Museen, sagte mit Blick auf die Menge der Kulturberichte: „Offenbar haben wir alle ein Wahrnehmungsproblem.“ Die Zahl der Vorankündigungen werde immer kleiner. Die Quote verschickter und abgedruckter Terminankündigungen sei seit September 2011 von 70 Prozent auf 30 Prozent gesunken. Engelsing skizzierte kurz, wie auf fallende Abonnentenzahlen bei Zeitungen Kosteneinsparungen folgen. Engelsing war immerhin selbst 14 Jahre lang Lokalchef in Kontanz. Die Tageszeitung bleibe ein wichtiges Medium, sagte Engelsing. Sie sei Teil der zivilisierten Gesellschaft. Die Zeitung mache sich durch den Rückzug aus der Kultur auch sonst entbehrlich. Mediales Stattfinden schaffe Relevanz. Engelsing erhoffte sich eine partnerschaftliche Vereinbarung und wieder mehr Terminankündigungen.

Ohne Zeitung, kein Publikum fürs klassische Komnzert

Florian Riem, Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie, sagte, sein Haus schalte Anzeigen und lasse Flyer drucken. „Aber auch wir sind angewiesen auf das Redaktionelle“, sagte Riem. Wenn die Tageszeitung einen Weltklassemusiker nicht ankündige, dann verliere sein Haus einen Teil des Publikums. Schlimmer sei es für andere: Ein kleiner Veranstalter stehe in einem leeren Saal.

Zeitung ohne „großen Blick“

Theaterintendant Christoph Nix sagte: „Wir leben in der kleinen Welt und haben Sehnsucht nach dem Großen.“ Er vermisst offenbar die Qualität der Berichterstattung. Je stärker sich das Theater internationalisiert habe, und grenzüberschreitend wurde, je mehr stellte Nix fest, dass der Südkurier nicht den „großen Blick“ aufgemacht habe. Die Zeitung gebe keinen Raum für Gesichter. Nix fehlt die Tiefe.

4 Kommentare to “Konstanzer Chefredakteur Stefan Lutz lud zur Kaffeefahrt durchs Südkurier-Land”

  1. dk
    9. März 2012 at 08:14 #

    Zum Artikel fällt mir eine lustige Geschichte ein: nach langer Zeit besuchte mich ein Bekannter, der einen kleinen PC-Laden hatte. Eine 83-jährige Rentnerin aus dem Altersheim besuchte ihn, nach einem Spaziergang von ca. 1 km Weg mit ihrer PC-Maus, um sie reparieren zu lassen. Es stellt sich heraus, dass sie die Maus falsch in der Hand führte, also oben und unten verwechselte. Begründung: sie hatten vor einigen Tagen einen PC mit Internet-Anschluss gekauft. Altern kann auch unterhaltsam sein. Immerhin muss die Sehkraft noch sehr gut sein: mit oder ohne (starke) Brille?

  2. dk
    9. März 2012 at 08:15 #

    … PC-Laden hatte. … richtig: er hat ihn immer noch.

  3. Bübi
    10. März 2012 at 12:47 #

    Engelsing ist wohl auf einem Auge blind. Die Terminankündigungen umfassen jeden Tag zwei volle Seiten. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Dieser Umfang verschluckt viel Platz, der einer ausführlichen Berichterstattung nicht zur Verfügung steht. Außerdem blättert der im Alltag stark Eingebundene schnell über die durchaus langweiligen Terminseiten hinweg. Nur wenige haben Zeit Termine in Freiburg, Ravensburg oder Heiligenberg wahrzunehmen.

  4. Bübi
    10. März 2012 at 13:04 #

    Zum Zitat von Stefan Lutz über Verbreitungsgebiet, Ausgaben und die Anzahl von verkauften Exemplaren.

    Da sieht man, auf welchem hohen Ross die Zuständigen sitzen. Diese Werbeaussagen sprechen ja für die zufriedenen Südkuriermacher, die eigentlich den unzufriedenen Kulturschaffenden und Lesern gar nicht folgen können. Kein Mensch hat die Leser abstimmen lassen, ob der SK den Jouralistenpreis bekommen soll. Diese Preisvergabeinstanz gehört wohl nicht zu den SK-Lesern, die ein Bedürfnis an einer zufriedene Heimatberichterstattung haben. Von mir als Leser hätte der SK nicht diesen Preis erhalten.

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