Konstanzer Engelsing kein Mann für Nine-to-Five-Job

Absurde Debatte wegen 10.000 Euro Honorar für Nebenjob – Wie eine Grille ins Gerede kommt

Konstanz. Ausgerechnet der Leiter der Städtischen Museen in Konstanz, Tobias Engelsing, ist ins Gerede gekommen. Statt über seinen Job im Museum ist eine Debatte über seinen Nebenjob entbrannt. Vordergründig geht es um eine Honorarzahlung in Höhe von 10.000 Euro an die Grille, die an Fastnacht das Museum verließ und in der Südwestdeutschen Philharmonie zirpte. Womöglich ging es den Anklägern auch darum, den promovierten Historiker öffentlich ein bisschen herabzuwürdigen und eine mögliche Bewerbung Engelsings bei der Oberbürgermeisterwahl oder als Boldt-Nachfolger zu erschweren oder zu verhindern. Dabei hat der parteilose Engelsing in der Vergangenheit mehrfach gesagt, dass er bei der OB-Wahl gar nicht kandidieren wolle.

Ethik-Debatte vom Zaun gebrochen

Charlotte Dreßen, Stadträtin der Freien Grünen Liste Konstanz (FGL), hatte den Stein ins Rollen gebracht und den Namen Engelsings bei einer öffentlichen Gemeinderatssitzung in Zusammenhang mit der Honorarzahlung der Südwestdeutschen Philharmonie an den Autor und Akteur öffentlich genannt. Charlotte Dreßen hatte in diesem Zusammenhang angeregt, Ethik-Richtlinien für führende Angestellte der Stadt zu verfassen. Das Engagement des Leiters der Städtischen Museen bei einem Fastnachtskonzert der Südwestdeutsche Philharmonie empfand sie als anstössig.

Oberbürgermeister ließ Aussprache laufen

Oberbürgermeister Horst Frank (Grüne) ließ die Debatte in öffentlicher Sitzung erst einmal laufen. Scheinbar hatte er überhört, dass die Stadträtin den Leiter der Städtischen Museen beim Namen genannt hatte. Das hätte sie in öffentlicher Sitzung so nicht tun dürfen. Über Gagen und Honorare wird aus Datenschutzgründen öffentlich nicht gesprochen. Der Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie, Florian Riem, hätte freilich – ohne seinerseits Zahlen nennen zu müssen – an dieser Stelle klar stellen können, wie hoch Engelsings Honorar im Vergleich zu anderen Honoraren tatsächlich war und welche Einnahmen den Ausgaben entgegen standen. Riem versäumte dies aber leider.

Stundenlohn von 76,9 Euro errechnet

Der OB sagte, für städtische Mitarbeiter gelte, dass Nebentätigkeiten anzeigepflichtig seien. Sie müssten aber nicht genehmigt werden. Nach eigenen Angaben investierte Engelsing mehr als 130 Stunden Arbeit in seine Nebentätigkeit. Errechnen ließe sich so ein Stundenlohn von 76,9 Euro. Seine gesamten Winterferien habe er in das Stück investiert, sagt Engelsing.

Juristische Seite der Medaille

Dass Engelsing eine erlaubte Nebentätigkeit ausübte, bestätigte im wesentlichen in der öffentlichen Sitzung auch Oberbürgermeister Horst Frank, der in der Angelegenheit seinerseits bereits einen Arbeitsrechtler konsultiert hatte. Engelsing verwies darauf, dass ihm Bürgermeister Claus Boldt bereits zu Beginn seiner Dienstzeit publizistisch-künstlerische Nebentätigkeiten genehmigt habe, die er als freiberuflicher Autor übernimmt und außerhalb seiner Arbeitszeit erfüllt. Für eine Abmahnung bestand keine Notwendigkeit – und somit wohl auch nicht unbedingt für ein Fortführen der öffentlichen Debatte.

Kennedy-Zitat deplatziert

Plötzlich ziehen Dritte, wie ein lokales Blog, nun aber überraschende Vergleiche und schwärzen Engelsing damit weiter an. Bekannt ist, dass John F. Kennedy 1961 in seiner Rede zum Amtsantritt gesagt hatte: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Ein solches Zitat in Zusammenhang mit Engelsings bezahlter Nebentätigkeit zu erwähnen, erscheint eher unfair. Engelsing ist immherhin einer, der sich für seine Stadt und seinen Beruf durchaus engagiert. Denn Engelsing ist kein Mann für einen Nine-to-Five-Job und nicht zuletzt wegen seines persönlichen Einsatzes stehen die Konstanzer Museen heute besser da als in früheren Zeiten.

Erfolgsgeschichte der Konstanzer Museen

Die Besucherzahl im Rosgartenmuseum stieg von 19.000 im Jahr 2007 auf zuletzt 45.000 im vergangenen Jahr. Das ist mehr als eine Verdopplung in fünf Jahren. Die Ausstellungen, die Engelsing verantwortet hat, haben Aufsehen erregt. Die Sonderausstellungen „Sommer ‘39 – Alltagsleben am Anfang der Katastrophe“, „Die Welt im Topf“ oder „Chapeau! Berühmte Kopfbedeckungen 1700-2000“ waren für die Ausstellungsbesucher genauso attraktiv wie die gelungenen, aufwändig gemachten Kataloge zu den Ausstellungen.

Engelsing erfolgreicher Drittmittelbeschaffer

Engelsing ermöglicht solche Ausstellungen auch, indem er Drittmittel beschafft. Jedes Jahr holt er für das Rosgartenmuseum etwa 40.000 bis 50 000 Euro Drittmittel an Geld, Sachleistungen sowie Exponat- und Kunstspenden herein. In der Wessenberg-Galerie sind es etwa 10.000 Euro. Eine Ausstellung wie „Chapeau“ kostet etwa 60.000 Euro, eine große Ausstellung wie „Die Welt im Topf“ ist für etwa 120.000 Euro zu haben. Das Kosten-Drittmittelverhältnis ist ansehnlich. Zu behaupten, dass Engelsing seine Arbeit als Leiter der Städtischen Museen wegen seiner Nebentätigkeit vernachlässigt, wäre absurd.

Arbeit der Grillen entwertet

Trotzdem wird es als anstössig empfunden, dass Engelsing für seine geistig-kreatives Schaffen für die Philharmonie Geld verlangt hat. Seit die Kostenloskultur im Internet als normal empfunden wird, sind Kunstwerke wie auch Texte anscheinend nichts mehr wert. Als ob Information und Unterhaltung vom Himmel fielen. Freilich war davon schon in der Fabel von der Ameise und der Grille die Rede. Die Fabel hatte unlängst auch Blogger Sascha Lobo in einem ähnlichen Zusammenhang bemüht. „Ich“, sagte der Heuschreck, „bin ein armer und notleidender Tropf und bitt ganz demütig um ein Almosen.“ – „Wie“, fragt die Omeis, „hast du den Sommer zugebracht, daß du anjetzo in solches Elend geraten?“ – „Die mehrste Zeit“, sagt er, „mit Singen und Pfeifen.“ – „So!“ sagt die Omeis hinwiderum, das Faulenzen bringe eben kein Brot ins Haus und das Texten, so wie es aussieht, anscheinend auch nicht mehr, wenn geistige Arbeit nicht mehr als Arbeit betrachtet wird und ein Honorarsatz, der unter dem Stundensatz eines Handwerksmeisters liegen dürfte, als unanständig gilt.

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