Konstanzer Frauenhaus schließt mit der Liebesgeschichte Gertrud

Letzte Premiere der Spielzeit im Konstanzer Stadttheater

Konstanz. Regisseur Wulf Twiehaus ahnt es. „Gertrud“ hat es schwer. Im Sommer ist das in Konstanz so. Denn dann ziehen viele den sommerlichen See dem Sea of Love im Stadttheater vor. Dabei schließt das große Haus, das in der zu Ende gehenden Spielzeit ein „Frauenhaus“ gewesen ist, mit einem Stück, dass alle bewegen müsste. „Gertrud“ ist streng genommen eine Liebesgeschichte. Premiere ist am kommenden Freitag, 17. Juni, im Konstanzer Stadttheater.

Hjalmar Söderberg im „Frauenhaus“

Wulf Twiehaus und Dramaturgin Kerstin Daiber sitzen auf Ledersofas im Foyer des Stadttheaters. Im „Männerhaus“, der Spiegelhalle, läuft noch „König Lear“. Das „Frauenhaus“ hat sich für „Gertrud“ entschieden. William Shakespeare kennt jeder – Hjalmar Söderberg hingegen kennt kaum einer. Der Stoff aber ist ein ganz großer und geht jeden an und er passt perfekt zum Motto, unter dem die Spielzeit stand und in der es um Männer- und Frauengestalten ging.

Der größte Stoff überhaupt

Wulf Twiehaus hat ein Stück inszeniert, in dem es um die Suche nach Liebe geht. Man kann viel gewinnen und viel verlieren, sagt er. „Wie groß darf der Kompromiss sein?“, fragt der Regisseur. „Wo beginnt die Selbstaufgabe?“ Oder auch, ist Liebe vielleicht gar nicht so romantisch, sondern manchmal sogar egoistisch? Ist Liebe nur eine Bestätigung des Selbst? Manchmal ist es so, dass man nicht zueinander kommen kann. Tragisch-komische Momente gibt es im hoch dramatischen Stück, eine Komödie ist „Gertrud“ aber nicht. „Das Publikum ist hautnah dabei“, verspricht der Regisseur. „Mich hat das Thema wahnsinnig interessiert.“ So muss Theater sein. Menschen bewegen ihn mehr als die Politik.

Über das Stück

Im Hause Kanning ist man der Kunst wohl gesonnen: Die Mutter subventioniert erfolglose Musiker und versäumt über der Vielzahl der Theaterbesuche das Sterben und die Beerdigung des besten Freundes. Ihr Sohn heiratet die erfolgreiche Sängerin Gertrud, die fortan ihren Beruf an den Nagel hängt und zur Hausfrau und designierten Ministergattin wird. Gefangen in dem gutbürgerlichen Kosmos einer unbefriedigenden Ehe, geht sie eine Affäre mit dem leichtlebigen Musiker Jansson ein. Der hat es aber gar nicht so ernst gemeint. Wie Henrik Ibsen so bricht auch sein Zeitgenosse Hjalmar Söderberg bürgerliche Strukturen und Moralvorstellungen auf und fordert die mutige Auseinandersetzung mit den eigenen Idealen.

Heute so aktuell wie vor hundert Jahren

Man könnte denken, dass seit 1907, dem Jahr der Uraufführung von Gertrud, eine Menge passiert ist. Und doch erscheint uns die Protagonistin des Stückes suchend nach dem Sinn und gleichzeitig nach den Sicherheiten des Lebens, heute so vertraut wie nie: Gertrud wirft eines Tages alles hin. Das bürgerliche Leben für die Freiheit und den Traum von einem alternativen Dasein.

Zur Inszenierung

Wulf Twiehaus hat diesen vergessenen Zeitgenossen Ibsens aufgespürt und deckt in seiner Inszenierung die Mechanismen auf, mit denen wir uns entscheiden, bestimmte Lebenswege einzuschlagen oder so manchen Fluchtweg offen halten.Während sich Ibsens Nora oder Hedda grundsätzlich von den Fesseln der Gesellschaft lösen, entdeckt die ehemalige Sängerin Gertrud im Theater und der Kunst eine andere Lebensperspektive. Kerstin Daiber erzählt davon, dass das Stück im Kern autobiografisch ist. Der Autor, der verheiratet war, drei Kinder und eine Geliebte hatte, erzählt vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen. Vorhang auf für ein neues Leben!

Gertrud Von Hjalmar Söderberg

Inszenierung Wulf Twiehaus | Ausstattung Katrin Hieronimus |

Dramaturgie Kerstin Daiber | Musikalische Leitung Stefan Leibold

Mit Annegret Enderle, Susi Wirth; Ingo Biermann, Thomas F. Jung, Michael J. Müller

Fotos: Stadttheater Konstanz Ilja Mess

 

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.