Konstanzer Freibeuterin: Allein unter Piraten im Landesvorstand

Ute Hauth ist in Kehl erstmals in den Vorstand der Piratenpartei Baden-Württembergs gewählt worden

Konstanz/Kehl. Ute Hauth, Landtagskandidatin der Piratenpartei bei der Landtagswahl im März im Kreis Konstanz, ist am Samstag in Kehl zum ersten Mal als Beisitzerin in den Landesvorstand der Piratenpartei gewählt worden. Bei der Kandidatur als Stellvertreterin scheiterte sie nur knapp. Ute Hauth ist die einzige Frau im Vorstand. Der neue Bundesvorsitzende der Piratenpartei, Sebastian Nerz, sagte am Rande des Parteitags, alle 20 bis 30 Jahre brauche es eine neue Partei, die neue politische Herausforderungen annimmt. In den alten Parteien dauere es zu lang, bis Mitglieder mit neuem Denken an die Spitze kämen. Der neue Landesvorsitzende André Martens möchte die Arbeit der Piratenpartei professionalisieren.

Konstanz ist Piratenhochburg

Nach ihrer Wahl trat Ute Hauth, die nicht die Unterstützung des gesamten Konstanzer Kreisverbands hatte, von ihrem Amt als stellvertretende Kreisvorsitzende in Konstanz zurück. Doppelmandate gibt es bei den Piraten nicht. Für die Konstanzer Piraten ist das nicht unbedingt von Vorteil. Seit ihrer Landtagskandidatur dürfte Ute Hauth das bekannteste Piratengesicht in Konstanz sein. Konstanz zählt zu den Hochburgen der Piraten in Baden-Württemberg.

1574 Piraten in Baden-Württemberg

Das Thermometer zeigte 29 Grad, als 108 Piraten zu ihrem Landesparteitag in Kehl zusammen kamen. Delegierte gibt es bei der Partei noch nicht. Alle Mitglieder dürfen mitreden und abstimmen. Immerhin 1466 Piraten von 1574 hatten an dem schwül-heißen Tag anscheinend aber Besseres zu tun. Unter den Teilnehmern des Parteitags in Kehl waren -trotz Hitze und längerem Anfahrtsweg – auch Stephan Hestermann, ehemaliger Landtagskandidat der Piraten aus dem Bodenseekreis, und Markus Haberstock, ehemaliger Landtagskandidat aus Singen.

„Nein, gar nichts ist gut“

Sebastian Nerz sprach gleich zu Beginn des Parteitags von einem „perfekten Ergebnis“ der Landtagswahl. Mappus weg, ein Grüner Ministerpräsident – das hätte noch ein paar Woche vor der Wahl niemand gedacht, sagte Nerz. Dass die Piraten mit 2,1 Prozent der Stimmen landesweit keine Rolle spielten und noch nicht einmal einen eigenen Balken hatten, hätte in Kehl wohl kein Pirat laut gesagt. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung sind nicht deckungsgleich – und bei den Piraten schon gar nicht. Wenigstens an Selbstbewusstsein mangelt es der jungen Partei nicht. „Ist jetzt alles gut?“, rief Sebastian Nerz ins Mikrofon. „Nein, gar nichts ist gut.“ Er geißelte die von den Grünen gewollte PKW-Maut als Vorratsdatenspeicherung. „Piraten bleibt wachsam“, so sein Appell. Die Piraten sehen sich als wichtige Oppositionspartei – leider noch als außerparlamentarische. Und erst 41,4 Prozent der Mitglieder haben ihre Mitgliedsbeiträge bezahlt.

Sebastian Nerz will keine Polemik

Nerz forderte kritische und sachliche Diskussionen ein. Er appellierte: „Lasst Euch nicht zu Polemik herab.“ Er forderte: „Werdet nicht persönlich, greift nicht persönlich an, greift Ideen an.“ Konstanzer Piraten, die den Parteitag via Live-Stream verfolgten, dürften da die Ohren geklingelt haben. Vor dem Landesparteitag hatten einzelne Mitglieder ausgerechnet gegen die Konstanzer Kandidatin massiv Stimmung gemacht und sie mit Anwürfen zu beschädigen versucht. Ute Hauth sollte für einen Eklat nach einem Vortrag eines Männerrechtlers an der Konstanzer Uni verantwortlich gemacht werden und sie ist eine Woche lang stellvertretend für den Konstanzer Kreisvorstand öffentlich beschimpft und persönlich beleidigt worden.

„Liebe Piratinnen und Piraten“

Vielleicht nicht ganz zufällig forderte auch der neue Landesvorsitzende André Martens die Piraten zum respektvollen Umgang miteinander auf. Weiter sagte er, die Piraten müssten professioneller werden. Diese Forderung war anscheinend mehrheitsfähig. André Martens, der in weißem Hemd mit orangefarbener Krawatte ans Mikro getreten war und die Mitglieder spassig mit „liebe Piratinnen und Piraten“ begrüßte, erhielt immerhin 79,6 Prozent der Stimmen. Beim Bundesparteitag in Heidenheim hatten die Piraten den dortigen Oberbürgermeister wegen einer solchen Anrede noch ausgebuht. Denn die Partei wähnt sich post-gender und verzichtet auf weibliche Bezeichnungen. Doch die Piraten schleifen sich. Wären die Piraten nicht orange, sondern grün, könnte es für Außenstehende so aussehen, als ob sich „Realos“ gerade gegen „Fundis“ und Glaubenskrieger durchgesetzt hätten. Nichts geändert hat sich hingegen an den Berufen der Piraten: André Martens ist Software-Ingenieur, Carsten Lenz, der Stellvertreter, ist Systemadministrator und Ute Hauth, die einzige Frau im Landesvorstand, hat Technische Informatik studiert und arbeitet als selbständige Web-Autorin. Nach der Wahl sind alle Mitglieder des neuen Vorstands irgendwie Informatiker.

Gesellschaft braucht Piraten

„Die Gesellschaft braucht Piraten“, sagte der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz. Die alten Parteien seien nicht in der Lage, mit gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten. Es dauere zehn, 20 oder 30 Jahre, bis sich neue Denkweisen nach oben gearbeitet hätten. Die Grünen seien mit ihrem Denken Anfang der 80-er Jahre stehen geblieben, sagte der Piratenkapitän und es klang für Nicht-Piraten-Ohren ein bisschen kühn. Die alten Parteien hätten die Relevanz gesellschaftlicher Veränderungen nicht begriffen. „Das Internet hat die Gesellschaft grundlegend verändert.“ In 20 Jahren werde wahrscheinlich wieder eine neue Partei gebraucht.

Piraten verstehen sich als Bürgerrechtspartei

Nerz sieht die Piraten als Bürgerrechtspartei. Große Themen der Piraten sind Datenschutz und Transparenz. Wenn die Piraten für Datenschutz seien, habe das Auswirkungen auf ihre Haltung zur elektronischen Gesundheitskarte, sagte Nerz. Das Vollprogramm der Partei leiten die Piraten aus ihren Grundüberzeugungen ab.

Medienpolitik ohne Staat

Dem Leistungsschutzrecht stehen Piraten kritisch gegenüber. Sie wollen nicht den großen Medienkonzernen helfen – Martens sieht es aber auch so: Der Staat sei nicht dafür zuständig, dass der Journalismus überlebt. Das Web 2.0 mit seiner Kostenloskultur gefährdet den unabhängigen Journalismus. Die Piraten halten anscheinend aber schon den traditionellen Jorunalismus nicht für unabhängig. Kleine Zeitungen seien von Anzeigenkunden abhängig, sagt Martens. Die Piraten setzen auf freiwillige Bezahlsystseme. Ob das gut gehen kann?

Kommunikation braucht Emotionen

Martens findet neben dem Internet übrigens auch das Real Life ganz wichtig. Bei der Kommunikation im Web würden keine Emotionen transportiert. Das sei nicht gut. Martens bevorzugt deswegen die Mischung. Beide Kommunikationskanäle hätten ihre Vorteile. Sebastian Nerz bevorzugt die „Hybridkommunikation“ und sieht es so: Bei der Kommunikation im Netz werde kein Mensch wegen seines Aussehens, Alters oder, weil er vielleicht stottert, benachteiligt. Die Piratenpartei müsse die „ganze Gesellschaft“ erreichen. Die Menschen, auch Piraten, hätten sehr unterschiedliche Fähigkeiten: Die einen könnten mit den Leuten auf der Straße reden, die anderen hätten ihre Stärken offenbar bei der Kommunikation im Netz. Wenn die neuen Vorstandsmitglieder miteinander reden, machen sie eine Mumble-Konferenz. Mumble ist eine freie Sprachkonferenzsoftware und beim Sprechen fehlt zwar die haptische Erfahrung – Emotionen können die Piratenkapitäne aber immerhin transportieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: wak

Ein Kommentar to “Konstanzer Freibeuterin: Allein unter Piraten im Landesvorstand”

  1. Franklin
    6. Juni 2011 at 20:54 #

    … „die nicht die Unterstützung des gesamten Konstanzer Kreisverbands hatte“

    Das ist ja noch nett ausgedrückt.

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