Konstanzer Rätin Charlotte Dreßen fordert Ethik-Richtline für führende Stadt-Mitarbeiter

Museumschef Tobias Engelsing hält 10.000 Euro für angemessen – Irritationen wegen Honorar für Nebentätigkeit bei Philharmonie

Konstanz. Charlotte Dreßen, Stadträtin der Freien Grünen Liste Konstanz (FGL), hat angeregt, Ethik-Richtlinien für führende Angestellte der Stadt zu verfassen. Anlass für ihren Vorstoß war das Engagement des Leiters der Städtischen Museen, Tobias Engelsing, bei einem Fasnachtskonzert der Südwestdeutsche Philharmonie. Der Museumschef, der auch sonst ein begeisterter Fasnachter ist, hatte sich von der Südwestdeutschen Philharmonie bezahlen lassen. Engelsing erklärte dazu am Donnerstag, es sei richtig, dass er 10.000 Euro erhalten habe. Der Museumschef stellte aber auch klar, er habe eine erlaubte Nebentätigkeit ausgeübt. Das Honorar hält er für angemessen und keinesfalls für unanständig hoch. Oberbürgermeister Horst Frank sagte in der öffentlichen Gemeinderatssitzung am Donnerstagabend, dass Nebentätigkeiten nicht genehmigt werden müssten. Er sagte allerdings auch: „Ich kann nur sagen, dass ich auch überrascht war.“

Charlotte Dreßen mit Zusatzfrage

Zur Diskussion stand am Donnerstagabend erst einmal nur der Jahresabschluss der Südwestdeutschen Philharmonie. Charlotte Dreßen wollte aber nicht ausschließlich über den leicht ins Minus gerutschten Jahresabschluss 2010 reden, sondern vor allem über das Honorar, das Engelsing für ein Fasnachtskonzert von der Südwestdeutschen Philharmonie erhalten hatte. Der Museumschef hatte sich als Stückeschreiber betätigt und stand kurz vor Fasnacht zusammen mit Intendant Florian Riem und Kulturbürgermeister Claus Boldt auch noch selbst auf der Bühne.

Schaler Vergleich mit Wulff

Charlotte Dreßen wollte wissen, wie hoch das Honorar, das Engelsing erhalten hatte, im Vergleich zu anderen Honoraren für von der Südwestdeutschen Philharmonie eingekauften Konzerten war. Die Rätin nannte als erste in öffentlicher Sitzung den Namen Engelsings, was dem Oberbürgermeister offenbar zunächst entgangen war. Die Rätin fragte in Zusammenhang mit der bezahlten Nebentätigkeit des Museumschefs, ob es eine „Obergrenze“ für Honorare gibt, die der Intendant freihändig vergeben darf. Die Stadträtin der FGL hält Ehtik-Richtlinien für städtische Führungskräfte für erforderlich. Sie sagte, inzwischen wisse man, dass nicht alles, was juristisch rechtens ist, auch moralisch richtig ist.

Riem agierte brüsk und ungeschickt

Florian Riem weigerte sich schlichtweg über Gagen im öffentlichen Teil der Gemeinderatssitzung zu sprechen. Die Frage nach der Obergrenze für freihändig vergebenes Honorar beantwortete er nicht. Statt dessen erklärte er, eine hohe Gage werde nur bezahlt, wenn es einen Sponsor gebe oder sie bei einem Festival gedeckt sei.

OB hatte sich vorsorglich gebrieft

Oberbürgermeister Horst Frank hatte sich gebrieft und zwei Fragen im voraus geklärt. Er sagte, für städtische Mitarbeiter gelte, dass Nebentätigkeiten anzeigepflichtig sind. Sie müssten aber nicht genehmigt werden. Weiter sagte Frank, er habe Bürgermeister Claus Boldt gefragt, ob auch er ein Honorar bekommen habe. Boldt, der in der Sitzung nicht anwesend war, habe diese Frage verneint.

Engelsing nennt Zahl

Tobias Engelsing erklärte in einer E-Mail zu den Vorwürfen wörtlich: „Ich habe für den Auftrag der Philharmonie mehr als 130 Stunden über einen Zeitraum von April 2011 bis Februar 2012 aufgewendet und für die geleistete Arbeit (gesamtes Drehbuch, Proben, Inszenierung/Regie, Bühnenmitwirkung, Aufführungen, Verwertungsrechte) 10.000 Euro erhalten.“ Laut eines Berichts des Blogs dornröschen soll Engelsing mittlerweile insgesamt aber sogar knapp 30.000 Euro erhalten haben.  Nach der Sitzung war Tobias Engelsing für eine weitere Stellungnahme zur Höhe der genannten Beträge nicht mehr erreichbar.

Museumschef erklärte sich vorab

In einer schriftlichen Erklärung, die auch mehrere, aber nicht alle Gemeinderatsmitglieder gelesen hatten, schreibt der Museumschef: „Den Auftrag, für die Südwestdeutsche Philharmonie ein zur Fasnachtszeit passendes exklusives Musiktheaterstück zu schreiben, zu inszenieren und selbst mitzugestalten, habe ich im Rahmen meiner seit vielen Jahren ausgeübten, von Bürgermeister Boldt bereits zu Beginn meiner Dienstzeit genehmigten publizistisch-künstlerischen Nebentätigkeiten als freiberuflicher Autor übernommen und außerhalb meiner Arbeitszeit erfüllt.“

Dreivierteljahr für Auftragsarbeit

Weiter schreibt Engelsing: „Nach dem überraschenden, überwältigenden Erfolg dieser neuen Eigenproduktion weiteten sich die Aufführungen von einem auf drei Aufführungsabende aus, Vorbereitung, Inhalte und Texte, Proben und Inszenierung nahmen wesentlich mehr Zeit in Anspruch. Insgesamt war ich über einen Zeitraum von rund einem dreiviertel Jahr mit den Vorbereitungen zur Erfüllung dieses Auftrags befasst.“

Engelsing nennt Honorar „branchenüblich“

Das erhaltene Honorar bezeichnet Engelsing in seiner Stellungsnahme als „branchenüblich“. Es setze sich zusammen aus einem Entgelt für die Erstellung der Texte, Spielszenen und des Drehbuchs der Veranstaltung, der Zusammenstellung der musikalischen Inhalte, der Mitwirkung an der Besetzung der Solisten, der Inszenierung mit Einzel- und Orchesterproben, technischen Planungen sowie für die eigenen Auftritte und das Inspiziat für die drei Aufführungsabende.

Engelsing: Neue Zielgruppen erreicht

Engelsing erklärt, er habe für das Orchester einen Mehrwert geschaffen und schreibt: „Mit dieser Eigenproduktion habe ich gemeinsam mit dem Intendanten Florian Riem, den übrigen Mitwirkenden und dem überaus engagierten Orchester für die Philharmonie ein neues musikalisch-kabarettistisches Format geschaffen, das dazu beiträgt, neue Hörer- und Abonnentenkreise zu erschließen und das Image des Orchesters als integrierte Größe des heimatlichen Kulturangebots zu stärken.“ Es lägen bereits Anfragen vor, diese Produktion inhaltlich „exportfähig“ zu machen und sie auch in anderen Städten des Bodenseeraums aufzuführen.

Bloß keine Konkurrenz zu ehrenamtlichen Narren

Weiter stellt Engelsing klar: „Eine Konkurrenz zu den bestehenden, überwiegend ehrenamtlich gestalteten Narrenkonzerten der traditionsreichen Fasnachtsgesellschaften besteht aus unserer Sicht nicht.“

Rotstift angeblich schon angesetzt

Aufgrund des Negativergebnisses der Philharmonie für 2010 habe es bereits Gespräche über mögliche Einsparungen gegeben. Engelsing teilte mit: „Nachdem ich im Vorfeld der jüngsten Kulturausschusssitzung Kenntnis über das negative Rechnungsergebnis der Philharmonie für das Jahr 2010 erhalten hatte, führten Herr Riem und ich bereits Gespräche, mit dem Ziel, nach Einsparmöglichkeiten bei den Fasnachtskonzerten zu suchen. In der Überlegung sind etwa Straffungen, eine Verkürzung des Programms und Neuverteilungen der Aufgaben.“ Benötigen dürften Riem und Engelsing aber nicht nur einen Rotstift, sondern eher eine ganze Packung mit Rotstiften. Denn für 2011 soll es sogar ein Defizit von 300.000 Euro geben, das Riem nach eigenen Angaben bis 2014 wieder ausgleichen will.

Engelsing droht mit Rückzug

Engelsing warnte: „Eine ungerechtfertigte Skandalisierung meiner Tätigkeit als Autor, Regisseur und Akteur dieser auch wirtschaftlich erfolgreichsten Eigenproduktion der Philharmonie würde zweifellos zum Ende der Fasnachtskonzerte führen.“

Verteidiger Jürgen Leipold

Einen Verteidiger hatte Engelsing in der Sitzung in der Person von Jürgen Leipold (SPD). Der ehemalige Fraktionsvorsitzende der SPD hielt es für unangemessen in Zusammenhang mit dem öffentlich genannten Namen des Museumschefs über Ehtik-Richtlinien zu diskutieren. Auch Leipold stimmte aber dem Vorschlag zu, sich mit Nebentätigkeiten von städtischen Mitarbeitern genauer auseinanderzusetzen. Peter Müller-Neff (FGL) forderte Aufklärung im konkreten Fall und auch darüber, welches Geld geflossen ist.

Information über Honorar im Kulturausschuss

Mit der Nebentätigkeit von Tobias Engelsing will sich der Kulturausschuss in seiner nächsten Sitzung beschäftigen, zu der Engelsing eingeladen wird und dann Rede und Antwort stehen soll. Geklärt werden soll dann auch, ob das Honorar angemessen war oder nicht.

Ein Kommentar to “Konstanzer Rätin Charlotte Dreßen fordert Ethik-Richtline für führende Stadt-Mitarbeiter”

  1. Fafnir
    30. März 2012 at 06:36 #

    Die GrünInnen wollen also mal wieder anderen Menschen Vorschriften machen. Für eine bessere Welt soll es jetzt also Ethikrichtlinien in der Konstanzer Verwaltung geben. Die natürlich jemand aufstellen und niederschreiben muss. Wer könnte das besser, als die erhabenen GrünInnen? Von der Linkspartei wird sich bestimmt auch noch jemand melden. Dann müssen alle per se korrupten und hinterhältigen Führungskräfte dies unterschrieben. Dann wird natürlich ein Ethikkommissar abbestellt, der auf die Einhaltung achtet. Der bekommt natürlich Hilfe von Ethikblockwarten, die auf den Fluren der Verwaltung Ausschau nach Verfehlungen halten. Die Ertappten werden dann vor ein Ethiktribunal gezerrt. Unwichtiges, wie das Tagesgeschäft, muss dann schon mal liegen bleiben. Wenn man schon nicht selber Führungskraft sein darf, kann man doch denen jetzt mal ordentlich auf die Finger hauen. Vielleicht wird es sogar eines Tages Umerziehungslager geben, in die unethische Menschen mit den politisch unkorrekten und denen mit den falschem Meinungen eingesperrt werden! Da könnten dann die ganzen kleinen Ethikblockwarte aufsteigen und auf den Wachtürmen Dienst schieben! Die Führungskräfte werden also künftig einen Großteil ihrer Arbeitszeit dafür verwenden, zu prüfen, ob das, was sie tun, nicht den Ethikrichtlinien widerspricht. Die GrünInnen machen halt gerne Vorschriften. Denn schließlich wird die Welt ohne Vorschriften und Verbote nicht gut.

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