Reif fürs Museum: Konstanzer SPD feiert ohne Bürgerfest und rote Luftballons

Redner Tobias EngelsingKonstanz. Ausgerechnet in ihrem Jubiläumsjahr „150 Jahre“ SPD schaffte es die SPD landesweit gerade noch auf 19 Prozent – und das wenige Wochen vor der Bundestagswahl am 22. September. Die Konstanzer SPD zieht daraus aber keine Konsequenzen. Statt die Menschen zu einem Bürgerfest mit roten Fähnchen und Luftballons einzuladen, und feiert sie ihr 140-jähriges Bestehen sozusagen in geschlossener Gesellschaft, wie es Honoratioren gern tun.

Sparsamer SPD-Vorstand

Wer kennt eigentlich Uwe Herwig und Uwe Gundrum? Der erste führt den Konstanzer SPD-Ortsverein und der zweite sitzt mit ihm im Vorstand. In einer Mail an die Mitglieder schrieb der Vorsitzende Herwig: „Liebe Genossinnen und Genossen Bitte findet (kein Schreibfehler von See-Online) beigefügt den aktuellen Roten Arnold mit den Einladungen für unsere nächste Mitgliederversammlung und für die Jubiläumsveranstaltung, welche auch gleichzeitig unser Sommertreffen ist.“

Worthülse Ortsverein

Die SPD plant, wie alle, die das PDF „Roter Arnold“ geöffnet haben, erfahren haben, also in diesem Jahr wieder kein Sommerfest für die Mitglieder oder Menschen, die sich der SPD verbunden fühlen. Das ist blamabel – vor allem für eine Partei in Konstanz, die ihre Mitglieder in einem „Ortsverein“ organisiert hat.

Lieber kein SPD-Sommerfest

Bereits mehrmals hatte die Konstanzer AWO dem SPD-Ortsverein angeboten doch im Garten des von der AWO betriebenen Treffpunkts Chérisy ein gemeinsames Sommerfest mit zu feiern. Die SPD lehnte aber ab: Kein Grillen für Mitglieder also, die sich auf der Straße nicht einmal erkennen würden, vielleicht zu viel Arbeit für den Vorstand im Jahr der Bundestagswahl, vielleicht der falsche Ort oder vielleicht auch nur zu nah an den Menschen?

Bürgerfernes Format fürs Jubiläumsfest

Während sich der SPD-Bundestagskandidat Tobias Volz engagiert und strampelt, scheint dem Konstanzer Ortsvereinsvorstand selbst ein Sommerfest, an das er sich einfach nur mit anhängen müsste,  zu viel Arbeit zu sein. Noch erstaunlicher ist das Format, das die SPD für ihr Jubiläumsfest wählte. Auch hier blieben Passanten eher draußen.

Rückzug ins Museum

Statt im Stadtgarten oder auf dem Stephansplatz oder wahlweise vielleicht auch einmal im Quartier Berchen/Öhmdwiesen mit den potenziellen Wählerinnen und Wählern zu feiern, zieht sich die SPD ins ehrwürdige Rosgartenmuseum zurück.

Reden und Grußworte

Am Freitag, 26. Juli 2013, ab 18 Uhr wollen die Genossen im  Rosgartenmuseum feiern. Im „Roten Arnold“ heißt es dazu: „Nach der Begrüßung und historischen Anmerkungen von Museumsdirektor Tobias Engelsing folgen ein Grußwort von Landesminister Peter Friedrich und ein gemeinsamer Festvortrag von Uwe Brügmann, Johannes Müske und Valentin Tranchand zur Geschichte der SPD in Konstanz.“

Steif, steifer, SPD

Um 19 Uhr beginne im Museumshof ein „Empfang mit musikalischem Rahmenprogramm“. Die persönliche Einladung zur Festveranstaltung werde im Juli verschickt. Das klingt sehr nach Honoratioren, nach steif und nicht nah bei den Menschen.

Rückblick in die Geschichte

In dürren Worten beschreibt die SPD dann unter der Überschrift „150 Jahre in Deutschland, 140 Jahre in Konstanz“ ihre Geschichte. Der Text beginnt so: „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat in Leipzig in einer großen Festveranstaltung mit viel Prominenz ihr 150-jähriges Bestehen gefeiert. Seit ihrer Gründung 1863 als Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein hat die SPD in ihrer langen Geschichte grundlegende Beiträge zur sozialen Absicherung der Arbeiter/innen, zur Chancengleichheit bei Bildung und Beschäftigung und gerechten Entlohnung geleistet. Sie hat die Demokratie in Deutschland auch in Krisenzeiten gestärkt und verteidigt. Darauf können wir gemeinsam stolz sein.“ Mit der Gegenwart hat dies aber erst einmal wenig zu tun.

Zum 125. Geburtstag gab’s Festschrift

Die SPD berichtet weiter. „Auch in Konstanz hat die SPD eine lange Tradition: Wie Gert Zang in seiner Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum der Konstanzer SPD eräutert, gab es ab 1869 eine verstärkte öffentliche Diskussion um die politische Orientierung der Arbeiter. Infolge der Gewerbefreiheit war die Zahl der abhängig Beschäftigten stark gestiegen und es gab ein deutliches Lohngefälle zur Schweiz. Im gleichen Jahr wurden Lasalle’sche Ideen in Konstanz publik. 1870 hat der Gemeinderat die Wohnungsnot der Arbeiter erörtert – hier zeigen sich Parallelen zur aktuellen Wohnungssituation.“

Denkmal Fritz Arnold

Ab 1873 wurden, dann wie die SPD weiter ausführt, infolge wirtschaftlicher Probleme vor allem junge Arbeiter politisiert: sie zweifelten am Konzept der bürgerlichen Selbsthilfe. Die sozialdemokratischen Mitglieder wurden aus dem Arbeiterbildungsverein ausgeschlossen und gründeten am 6. Mai 1873 in Konstanz den Verein „Vorwärts“ als Vorläufer der heutigen SPD. Seitdem habe die Konstanzer Sozialdemokratie die Geschicke der Stadt aktiv mitgestaltet, „besonders mit Fritz Arnold als Initiator der Stadtbusse und Fähre sowie als Bürgermeister“. Im Nationalsozialismus wurden auch in Konstanz SPD-Mitglieder wegen ihrer politischen Ideen verfolgt, worauf Uwe Brügmann bei einer Feierstunde zum Jubiläum der Reichstagsrede von Otto Wels hingewiesen hat.

Das Beste kommt zum Schluss

Doch all das klingt verstaubt, ein bisschen sehr trocken und ist Geschichte. Ist die SPD in der neuen Zeit angekommen? Wer die SPD 2013 in Konstanz sucht, findet sie demnächst im Museum.

(Die Autorin darf so kritisch sein, denn sie hat sich in früheren Jahren im Vorstand engagiert, politische Veranstaltungen mit initiiert und zum Beispiel auch ein Sommerfest am Seerhein mit organisiert und Bänke geschleppt.)

4 Kommentare to “Reif fürs Museum: Konstanzer SPD feiert ohne Bürgerfest und rote Luftballons”

  1. bigsur
    13. Juni 2013 at 19:46 #

    Guter Kommentar! Wo bleibt die SPD in Konstanz? Wo der Kunstmarkt? Hier wurden viele gute Ideen vertan! Bänkeschleppen ist halt doch nur etwas für das „Fußvolk“.

  2. Dr. Tobias Engelsing
    15. Juni 2013 at 12:59 #

    Was ein Foto, das mich 2012 im neuen Shop unseres Stammhauses „Rosgartenmuseum“ zeigt, mit dem SPD-Jubiläum zu tun hat, muss uns die Autorin wohl noch erklären. Dass sie aber in ihrer Klage über die Jubiläumsfeier ihrer Partei das raumgebende Museum gleich noch als Ort steifen Honoratiorenmuffs mit abtut, zeigt, dass sie schon länger nicht mehr bei uns zu Besuch war. Komm‘ mal wieder vorbei, Waltraut: Das Rosgartenmuseum hat eine neue Dauerausstellung und unsere Häuser sind insgesamt frisch, lebendig, diskussionsfreudig und für jedermann/frau offen!

    Dr. Tobias Engelsing
    Direktor der Städtischen Museen Konstanz

    • wak
      15. Juni 2013 at 13:19 #

      Lieber Tobias, ich schätze das Museum sehr und auch den Innenhof. Der Beitrag sollte das Museum in keiner Weise abwerten. Der Punkt ist, dass sich die SPD nach meiner Überzeugung nicht ins Museum zurückziehen sollte, sondern mit den Menschen (Wählern) feiern, sei es auf dem Stephansplatz oder im Stadtgarten. Die SPD hat den Kontakt zu den Menschen verloren – und der aktuelle Vorstand schafft es noch nicht einmal, die Community zusammenzuhalten. Es gibt kein Innenmarketing und keine Treffen der Mitglieder, bei den sie sich begegnen könnten. Und das im Jahr der Bundestagswahl und ein Jahr vor der Kommunalwahl 2014. Die Konstanzer SPD vertrocknet. Bald wird sie sich selbst nur noch in einem „Museum“ besichtigen können. Die SPD-Sonderausstellung könnte heißen „Von Fritz Arnold über Ralf-Joachim Fischer bis Jürgen Leipold“. Das ist aber für eine lebendige Partei zu wenig, viel zu wenig. Wie gesagt, ich meinte nicht das Rosgartenmuseum, sondern tatsächlich nur den SPD-Vorstand. Ach ja, politisch versagt und rum geeiert hatte er übrigens auch bei der OB-Wahl 2012. es wird Zeit, dass die Konstanzer SPD wieder auf die Beine kommt und dann auch mit beiden Beinen auf dem Boden steht.

  3. Johannes Müske
    20. Juni 2013 at 12:23 #

    Meinem Vorredner möchte ich mich gern anschliessen: Das Rosgartenmuseum ist doch ein toller und öffentlicher Ort mitten in der Stadt für eine SPD-Veranstaltung!
    Zudem kann ich die Kritik, die SPD ziehe sich zurück ins Museum, nicht teilen – gerade eine solche Veranstaltung ist doch dafür gedacht, Mitglieder und eine interessierte Öffentlichkeit zu erreichen – es muss nicht immer ein Stand mit Luftballons sein. Ein Sommertreff könnte ein Forum sein, nicht nur die Handschrift von Sozialdemokrat/innen in der jüngeren und älteren Stadtgeschichte zu zeigen, sondern auch aktuelle Entwicklungen zu diskutieren.
    Gern auch im Museumshof bei einem Getränk und gar nicht „trocken und verstaubt“ – und gern auch mit roten Luftballons.

    (der Kommentator ist Beisitzer im Ortsvereinsvorstand und bereitet die Veranstaltung mit vor)

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