Konstanzer Südwestdeutsche Philharmonie: Musik für die Ohren des 21. Jahrhunderts

Orchesterausschuss sucht Schuldigen fürs Schlamassel bei Südwestdeutscher Philharmonie – Freier Wähler Jürgen Faden gibt den Papiertiger

Konstanz. Der Orchesterausschuss des Konstanzer Gemeinderats hat den Jahresabschluss 2011 der Südwestdeutschen Philharmonie festgestellt. Nicht entlastet haben die Gemeinderatsmitglieder aber den bisherigen Intendanten Florian Riem. Die Debatte ergab, dass ihn die Mehrheit für ein Defizit von voraussichtlich 600.000 Euro in 2011 und 2012 mit oder sogar in erster Linie verantwortlich macht. Riem, der jetzt doch nicht nach München wechselt, nahm an der Sitzung nicht teil. Er hatte sich krank gemeldet. Gekommen waren der griechische Chefdirigent Vassilis Christopoulos und Interimsintedantin Madeleine Häusler. Jürgen Faden von den Freien Wählern gab in der Sitzung den Papiertiger und forderte den Rücktritt von Bürgermeister Boldt. Sein Fraktionskollege Anselm Venedey hingegen entschuldigte sich bei den Konstanzern. Er sagte, möglicherweise habe der Orchesterausschuss nicht kritisch genug auf Riem geschaut.

Suche nach Verantwortlichen

Bei der Suche nach dem Verantwortlichen für das finanzielle Schlamassel bei der Südwestdeutschen Philharmonie scheint Florian Riem immer mehr im Fokus zu stehen. Fest steht: Dass Wirtschaftspläne offenbar das Papier nicht wert waren, auf dem sie gedruckt waren. Vollkommen ausgeschlossen ist nach Aussage Boldts eine Weiterbeschäftigung Riems. Interimsintendantin Madeleine Häusler, die sich selbst lieber „Intendantin für ein Jahr“ nennt und deren Vertrag zum 31. August 2013 endet, warb am Dienstag um die Unterstützung des Orchesterausschusses.

Zu wenig Man Power und schweres Erbe

Madeleine Häusler kündigte an, sich voraussichtlich für die Stelle der Intendantin, die zum November 2013 neu besetzt wird, bewerben zu wollen. Madeleine Häusler sagte weiter, sie habe ein Erbe angetreten, dass man doch eher ausschlagen würde. Das Orchester brauche dringend mehr Man oder Woman Power.

Vassilis Christopoulos will Zusammenarbeit

Dirigent Vassilis Christopoulos sagte: „Es ist mir unbegreiflich.“ Der Dirigent stellte aber auch fest, dass gute Solisten und Dirigenten Geld kosten und Voraussetzung seien, wenn die Südwestdeutsche Philharmonie ihr künstlerisches Niveau halten möchte. Weiter sagte er, dass das Orchester – nicht nur in der Verwaltung – unterbesetzt sei. Große Programme seien ohne Aushilfen nicht zu machen. Würden solche Programme mit kleiner Besetzung gespielt, sei die Anstrengung für die Musiker sehr groß. Zuletzt hatten auch Aushilfen für kranke Musiker erheblich zum Defizit des Orchesters beigetragen. Christopoulos wünsche sich in Zukunft eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Intendanz und Chefdirigent. Die scheint bisher weniger eng gewesen zu sein. Zwischen den Sätzen von Vassilis Christopoulos war durchaus Kritik zu hören.

Boldts Rechtfertigungsversuch

Claus Boldt bemühte sich noch einmal, zu schildern wie es anscheinend unbemerkt zu einem Defizit in Höhe von rund 600.000 Euro kommen konnte. Am Ende war es nach Aussage Boldts viel höher als Riem seinen Chef, dem Kulturbürgermeister, angedeutet hatte. Auch bei Besprechungen habe Riem keinerlei Andeutungen gemacht. Boldt kündigte an, dass die Stadt Organisationsstrukturen verändern will, das Orchester Monatsberichte an die Kämmerei liefern muss und ein 4-Augen-Prinzip eingeführt werde.

Stadtkämmerer über temporäre Defizite

Stadtkämmerer Hartmut Rohloff sagte, dass es zunächst keine Alarmzeichen gegeben habe. Das Jahr 2010 sei normal verlaufen. Weil Zuschüsse nicht immer rechtzeitig kamen, habe es auch in früheren Jahren kurzfristig Defizite von mehreren hunderttausend Euro oder auch einmal einer Million Euro gegeben. Bis zu 500.000 Euro durfte das Orchester im Konstanzer Liquididtätsverband in der Kreide stehen – auch mehr ging, wenn auch nur nach Absprache. Das Geld sei immer gekommen, so Hartmut Rohloff. Nur 2011 und 2012 ist es plötzlich anders gewesen. Er habe nur nachvollziehen können, was ordnungsgemäß abgewickelt worden sei. Später schob der Kämmerer dann noch nach, dass er tatsächlich einmal Bedenken hatte und an Riems Aussagen zweifelte. Darauf hin habe er eine Mail an den OB und den Bürgermeister geschrieben.

Wer begleicht das Defizit?

Einigkeit herrschte im Orchesterausschuss darüber, dass der Fortbestand der Südwestdeutschen Philharmonie gesichert ist. Das sagte auch Peter Müller-Neff (FGL). Der Stadtrat zweifelte aber am „ordentlichen Verwaltungshandeln“. Er sagte, nicht nur der Intendant hatte eine Bringschuld und hätte informieren müssen. Auch der Kulturbürgermeister sei nicht frei von Schuld. Stadtrat Wolfgang Müller-Fehrenbach (CDU) sagte, er wolle das künstlerische Niveau des Orchesters halten und die Arbeitsplätze sichern. Jürgen Leipold (SPD) verlangte, dass Quartalsberichte dem Finanzausschuss vorgelegt werden müssten. Weiter forderte Leipold, erst einmal alles aufzuklären und noch abzuwarten, bevor es um Konsequenzen gehe. Er sagte aber auch, dass die Frage nach Verantwortlichkeiten gestellt werden müsse. Er sprach von einem „massiven Vertrauensverlust“ und forderte Controlling. Nicht gern gehört haben wird Madeleine Häusler, dass Leipold auch sagte, dass der Fehlbetrag nicht aus dem städtischen Haushalt beglichen werden könne, ohne dass das Orchester einen Beitrag leistet. Auch Heinrich Everke (FDP) meinte, dass es nicht zu vermitteln wäre, dass an Kindergärten, Schulen oder anderen Kultureinrichtungen gespart würde, um das Defizit beim Orchester auszugleichen. Anselm Venedey (FWV) bekannte, auch er habe sich „im Blindflug“ hinter das Orchester und den Intendanten gestellt. Er hielt ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Orchester. Für die Zukunft wünschte er sich auch Raum für neue Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Das wäre auch ein künstlerischer Neuanfang. Riem gilt nicht als Freund neuer Musik.

Nach der öffentlichen Sitzung tagte der Orchesterausschuss nichtöffentlich weiter. Dabei ging es möglicherweise auch um Personalfragen und darum, ob es Schadensersatzansprüche gibt. Nicht nur die Website des Orchesters ist gerade eine Baustelle.

Ein Kommentar to “Konstanzer Südwestdeutsche Philharmonie: Musik für die Ohren des 21. Jahrhunderts”

  1. Metapha
    19. September 2012 at 19:59 #

    Herr Boldt bemüht sich – erneut – mit fadenscheinigen Argumenten und anenzeuerllich anmutenden Erklärungsversuchen aus der Schusslinie zu bringen. Hat er doch im Laufe des vergangenen Jahres seine „ganze Energie“ und seinen geballten Sachverstand der Beseitigung eines politisch unbequemen Chefarztes eingesetzt. Da blieb ganz offensichtlich für die ordinären Aufgaben eines Kultur- und Sozialdezernenten wenigi Zeit übrig. Wer dachte, nach diesem Lapsus würde der Dezernent seine Füße still halten und seinen politischen Aufgaben nun mit gebotener Demut und etwas mehr Weitsicht nachkommen sieht sich zum wiederholten Male getäuscht.
    Extrem bizarr wirkt jedoch das – via städtischem Pressebüro – abgegebenes Statement in Sachen „politischem Stil“ und den geäusserten Rücktrittsforderungen folgenden Inhaltes: ZITAT „Herr Boldt hält es für einen sehr fragwürdigen politischen Stil, solche Forderungen in den Raum zu stellen, ohne jemals mit dem Betroffenen direkt das Gespräch gesucht zu haben.“ Das ist inhaltlich richtig – aber: Tat er dies selbst im Fall Müller-Esch denn auch oder weshalb fordert er esfür sich selbst so vehement ein? Es wird nun Zeit, der Wahrheit in’s Auge zu sehen. Ich hoffe sehr, das alle Beteidigten – explizit die Fraktion der FGL- ihrer demokratischen Aufgabe nachkommen.

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