Konstanzer Taximord-Prozess: Der Teufel in ihm

Gutachter berichtet aus Gesprächen mit dem mutmaßlichen Taximörder – Erschütternde Bekenntnisse

Konstanz. „Wenn ihr mich nicht einsperrt, werde ich wieder töten.“ Diese Äußerung machte der mutmaßliche Taximörder vom Bodensee nach Aussage von Hans-Eugen Bisson, Facharzt für Psychiatrie, Neurologie, Psychotherapie und forensischer Psychiatrie. Der Psychiater hatte mit dem Angeklagten mehr als 40 Stunden im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg gesprochen. Urspünglich wollte der 28-Jährige seine Mutter und seine Ex-Freundin töten, weil sie ihn gequält hätten. Das sagte er gegenüber dem Psychiater.

Psychiater sprach stundenlang mit Angeklagtem

Während die Öffentlichkeit am Nachmittag während der Vorstellung des Sachverständigengutachtens von der Verhandlung ausgeschlossen wurde, um die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten zu schützen, hatte der Sachverständige am Vormittag noch als Zeuge in öffentlicher Verhandlung Auskunft über seine Gespräche mit dem mutmaßlichen Mörder gegeben. Bisson hatte mit dem Angeklagten stundenlang im Beisein eines Dolmetschers gesprochen. Zeitweise erzählte ihm der mutmaßliche Mörder frei, zeitweise machte der Psychiater dem Angeklagten Vorhaltungen.

Zwei Morde an zwei Tagen m Juni

Der Taximord hatte im Juni vergangenen Jahres die ganze Bodensee-Region in den Ausnahmezustand versetzt. Dem aus Russland stammenden Angeklagten, der deutscher Staatsbürger ist, wirft die Staatsanwaltschaft vor, zwei Taxifahrerinnen aus Singen und Friedrichshafen an zwei aufeinander folgenden Tagen überfallen zu haben. Während die 44-Jährige aus Singen schwerverletzt überlebte und heute körperlich behindert ist, gab es für die 32-Jährige keine Rettung mehr. Die Verbrechen hatten sich an einem abgelegenen Ort bei Singen und beim Hagnauer Strandbad ereignet. Die Polizei hatte nach den Verbrechen befürchtet, dass die Morde von einem Serientäter begangen worden sein könnten und sie schloss damals nicht aus, dass es weitere Opfer geben könnte.

Neue Liste angekündigter Morde

Die Vorsicht und die Warnungen waren offenbar nicht übertrieben. Vor dem Konstanzer Landgericht berichtete Psychiater Bisson, dass der Angeklagte ihm gegenüber geäußert habe, dass er wieder auf Friedhöfen Leichen ausgraben und töten werde, sollte er nicht weggesperrt werden. Wörtlich soll der mutmaßliche Mörder gesagt haben: „Ich fühle mich wie ein Triebtäter.“ Er berichtete dem Psychiater auch, wie er nach der ersten Tat blutverschmiert durch das Singener Rathaus gegangen sei, um eine Toilette zu finden, und in Büros nach einer Frau suchte, die er hätte töten können. Im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg will sich der mutmaßliche Mörder in eine Krankenschwester verliebt haben. Wenn er mit ihr spreche, habe er Lust, sie zu töten, berichtete er dem Psychiater. Weiter sprach der Angeklagte nach Aussagen des Psychiaters davon, nach Russland zurückzukehren und ehemalige Klassenkameraden zu töten, weil sie ihn früher gehänselt hätten.

Fantasiewelt des Angeklagten

Dem Angeklagten ist laut Aussage des Psychiaters bewusst, dass er wegen Mordes inhaftiert worden ist. Nicht immer sei ihm aber klar, ob es eine oder zwei getötete Frauen gibt, so Bisson. Der Russlanddeutsche sagte laut Psychiater, der Anwalt habe ihm gesagt, dass eine Frau überlebt habe. Der mutmaßliche Mörder verwechselte im Gespräch mit dem Psychiater anscheinend auch immer wieder die beiden Verbrechen. Er habe Probleme mit der zeitlichen Zuordnung. So sagte er einmal, dass zwischen den Taten vier Tage oder sogar ein Woche lägen. Der Psychiater sagte, Schriftstücke und Zeichnungen geben Einblicke in die Fantasiewelt des Angeklagten. Für schwachsinnig hält ihn der Gutachter aber nicht.

Morden wie in tschetschenischen Actionfilmen

Während einer Kernspintomografie seien ihm die Bilder wieder gekommen, wie er den Frauen mit dem Messer in den Hals gestochen habe, soll der Angeklagte dem Psychiater gesagt haben. In den Hals habe er ihnen gestochen, weil er es so in tschetschenischen Actionfilmen gesehen habe. Nach der ersten Tat habe er Pornos geschaut. So soll es der Angeklagte dem Psychiater berichtet haben. In die Taxis stieg er offenbar mit der Absicht, die Frauen zu töten und um Sex mit ihnen zu haben. So äußerte sich der Angeklagte in einem Gespräch mit dem Psychiater. Das Messer hatte er demnach im Aktenkoffer dabei. Allerdings machte er immer wieder auch Angaben, die im Widerspruch zu Aussagen von Zeugen zu stehen scheinen.

Mutter und Ex-Freundin als Opfer

Töten wollte der mutmaßliche Mörder nach seiner Rückkehr aus Russland aber offenbar zunächst seine Mutter, von der er als „Manka“ spricht. Diesen Ausdruck verwenden russische Kinder, wenn sie böse mit ihrer Mutter sind. Dem Psychiater sagte der Angeklagte, er habe seine Mutter töten wollen. Die Mutter habe ihn nicht umarmt. Sie habe ihm nur die Hand gegeben. Als er zweieinhalb Jahre in Russland im Gefängnis gewesen sei, habe sie ihm Pakete geschickt, aber nur einen Brief geschrieben. Er habe sie angebettelt. Er behauptete gegenüber dem Psychiater, wenn ihm seine Mutter in der Haftzeit geschrieben hätte, wären die Verbrechen nicht passiert. Töten wollte der Angeklagte, wie er im Gespräch mit dem Psychiater weiter sagte, auch seine Ex-Freundin. Er wusste aber nicht, wo sie wohnte. Als er erfuhr, dass sie ein Kind hatte, wollte er dem Kind die Mutter nicht weg nehmen. Er sprach gegenüber dem Psychiater von fünf unerträglichen Jahren. Seine Ex-Freundin habe ihn gequält. Er habe sie geliebt.

Lust auf Sex mit toten Frauen

Offenbar hatte der mutmaßliche Mörder auch Skrupel, die Friedrichshafener Taxifahrerin zu töten, weil sie Mutter war. Noch auf der Autofähre war er anscheinend unschlüssig, ob er die Frau töten sollte oder nicht. Er forderte sie noch auf, mit ihm zu Fuß zum See zu gehen, um den See anzuschauen. Die Tote wollte er, so sagte er es dem Gutachter, zu seiner Mutter nach Senftenberg in Brandenburg bringen. Einmal soll er davon geredet haben, das ihm das Blut „romantisch“ erschien, dann sprach er wieder vom „widerlichen Geruch“. Über das erste Verbrechen sagte er laut Gutachter einmal: „Mir hat’s gefallen.“ Offenbar fühlte sich der Angeklagte zeitweise vom Teufel besessen. Dem Gutachter gegenüber soll er davon gesprochen haben, ein „starkes sexuelles Bedürfnis nach toten Frauen“ zu haben.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Die Öffentlichkeit wurde für die Dauer der Verlesung des Sachverständigengutachtens am Dienstagnachmittag von der Verhandlung ausgeschlossen. Das hatte Pflichtverteidiger Klaus Frank beantragt. Richter Jürgen Bischoff folgte dem Verteidiger, weil die Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus im Raum stehe. Am Mittwoch stehen ab 9 Uhr die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidiger auf der Tagesordnung.

Foto: wak

5 Kommentare to “Konstanzer Taximord-Prozess: Der Teufel in ihm”

  1. selber_denker
    1. Februar 2011 at 16:29 #

    Sehr geehrte Frau Kässer,

    schlimm genug dass (auch) in ihren Artikeln immer vom „Taxi-Mord“ und dem „Taxi-Mörder“ die Rede ist (wer hat hier bitte ein Taxi umgebracht?) und mit der Schlagzeile „der Teufel in ihm“ überschrieben sind – aber die Überschrift „Konstanzer Taximord-Prozess: Der Teufel in ihm“ suggeriert ja geradezu, dass dem Prozess (gegen den Mörder eines Taxis) ein Teufel innewohnt – etwa so wie der sinnhaltliche (Achtung Neologismus) Fehlerteufel ihren Bezeichnungen innezuwohnen scheint.

    Nichts für ungut, aber mal ernsthaft: Nur weil alle anderen (siehe BILD http://www.bild.de/BILD/regional/stuttgart/dpa/2010/06/11/viele-neue-hinweise-im-taximordfall.html) so plakativ berichten, muss sich see-online doch nicht anpassen, oder?

  2. dk
    1. Februar 2011 at 17:27 #

    Empfehlung für Liebhaber von Krimis:

    Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Richter_und_sein_Henker

    und für Irrenanstalten:

    Dürrenmatt: Die Physiker
    http://en.wikipedia.org/wiki/The_Physicists

  3. Frl.Else
    1. Februar 2011 at 21:01 #

    „Psychiater sprach stundenlang mit Angeklagtem“ – ja, das ist ja wohl sein Job.

    Was allerdings sehr befremdlich erscheint ist, wie diese doch offensichtlich vertraulichen zu behandelnden Informationen in dieser Breite und Detailiertheit (oder besser: Detailbesessenheit?) an die Öffentlichkeit gelangen können.

  4. 313
    8. Mai 2011 at 05:22 #

    Zitat frl. Else: Was allerdings sehr befremdlich erscheint ist, wie diese doch offensichtlich vertraulichen zu behandelnden Informationen in dieser Breite und Detailiertheit (oder besser: Detailbesessenheit?) an die Öffentlichkeit gelangen können.

    Ja, der arme Täter, schön, dass Sie sich Sorgen um seine Persönlichkeitsrechte machen.

  5. selber_denker
    9. Mai 2011 at 10:46 #

    Hallo 313 – ich hoffe doch, dass sie sich Sorgen um die Persöhnlichkeitsrechte des Täters machen – zumindest im grundgerechtlich abgesteckten Rahmen zwischen öffentlichem Interesse und Persöhnlichkeitsrecht. Darf ich erinnern: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

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