Konstanzer Taximordprozess: Angeklagter zeigt menschliche Regung

Gericht bleuchtete Kindheit und Schulkarriere von Andrej W. – Prozessunterbrechung, weil Angeklagtem schlecht wurde

Mutmaßlichem Taximörder wird schlechtKonstanz. Zum ersten Mal hat der Angeklagte Andrej W. im Konstanzer Taximordprozess eine Emotion gezeigt. Als der Vorsitzende Richter Jürgen Bischoff den Inhalt von Schulzeugnisses wiedergab und die Kindheit des Angeklagten in den Fokus rückte, wurde dem 28-Jährigen schlecht. Er versuchte aufzustehen. Der Richter unterbrach die Verhandlung. Während die Zuhörer und die Presse den Saal verließen, blieb der Angeklagte auf der hölzernen Anklagebank sitzen. Um ihn kümmerten sich der Justizpfleger und sein Anwalt.

Gesicht wieder unter schwarzer Motorradhaube

Begonnen hatte der vierte Verhandlungstag in Konstanz wie die ersten drei. Vor dem Einlass stand eine Traube von Zuschauern, die den Prozess verfolgen wollten und die nur einzeln durch eine Schleuse geführt wurden. Um 9.08 Uhr betrat der Angeklagte dann vom Haftraum aus durch eine Nebentüre den Gerichtssaal. Wie an allen Verhandlungstagen versteckte er sein Gesicht hinter einer schwarzen Sturmmaske. In Fußfesseln ging er in Begleitung des Justizpflegers und von Wachen zur Anklagebank. Die Dolmetscherin und Pflichtverteidiger Klaus Frank saßen zu diesem Zeitpunkt bereits auf ihren Plätzen.

Zwei Zeugen sahen den mutmaßlichen Mörder der Taxifahrerin

Die ersten beiden Zeugen, die sich zum Zeitpunkt des Mordes an der 32-jährigen Taxifahrerin in der Nähe des Tatorts beim Strandbad in Hagnau aufhielten, schilderten wie die Alarmanlage des Taxis losging. Beide Zeugen haben den mutmaßlichen Mörder gesehen, sie konnten ihn aber nicht näher beschreiben. Einer sagte, der mutmaßliche Mörder habe neben dem Taxi gestanden. Der andere schilderte, wie der mutmaßliche Mörder auf dem Fahrersitz des Taxis gesessen habe, als er mit seinem Hund im Abstand von zwei bis drei Metern am stehenden Taxi vorbei gegangen sei.

Mithäftling schildert Begegnung mit Andrej W.

Laut Aussage eines Zeugen, der derzeit in der Justizvollzugsanstalt in Konstanz einsitzt und mit Andrej W. kurzzeitig eine Zelle teilte, soll der Angeklagte gesagt haben: „Ich bin wegen zwei Toten hier.“ Anscheinend glaubte er, dass auch die Singener Taxifahrerin tot wäre. Andrej W. habe davon gesprochen „verrückt im Kopf“ zu sein. Dem Mithäftling erzählte Andrej W. laut Aussage, die verlesen wurde, dass er weder Alkohol trinke noch rauche noch Drogen nehme. Auf die Frage des Zellengenossen, weshalb er die Taten begangen habe, habe Andrej W. starr auf die Wand geschaut. Er habe häufig auf dem Bett gelegen und sich die Decke über den Kopf gezogen. Der Häftling gab zu Protokoll, Andrej W. habe gesagt, die Mithäftlinge in der Justizvollzugsanstalt hielten ihn für einen „Superstar“. Weiter soll Andrej W. gesagt haben, er habe in Russland zwei Jahre im Gefängnis gesessen und rechne nun damit, fünf bis zehn Jahre inhaftiert zu werden. Der Mitgefangene sagte, er habe Andrej W. als eher freundlich und zurückhaltend erlebt. Die in der Justizvollzugsanstalt in Konstanz einsitzenden Gefangenen hätte sich untereinander darüber unterhalten, was „im Knast“ in Russland vorgefallen sein könnte, dass der Russlanddeutsche zwei solch brutale Taten wie in Singen und Hagnau hätte begehen können. „Die Taten stehen völlig im Gegensatz zu seiner Persönlichkeit“, sagte der ehemalige Zellengenosse des Angeklagten aus. Als Zeuge gemeldet hatte sich der Mitgefangene nach dessen eigenen Angaben, weil er die Singener Taxifahrerin persönlich kenne. Hinweise darauf, dass Andrej W. nicht nur zurückhaltend und introvertiert ist, gibt es aber seitens des Jobcenters und der Arbeitsagentur im Kreis Konstanz. So soll er in einem EDV Kurs eine Dozentin massiv bedroht haben. Andrej W. wurde als „aggressiv“ beschrieben.

Spätaussiedler kam mit Mutter und Großeltern

Nur sehr wenig bekannt ist über die persönliche Biografie des Angeklagten. Darüber, ob Andrej W., der neben einem deutschen auch einen russischen Pass besitzt, in der russischen Föderation Straftaten begangen hat, ist kaum etwas bekannt. Er soll wegen Diebstahls vorbestraft sein. Anfragen seien aber unbeantwortet geblieben. Klar ist nur, dass Andrej W. im Jahr 2000 zusammen mit seinen Großeltern und seiner Mutter als Spätaussiedler nach Deutschland kam. Bis 2003 wohnte er in Senftenberg in Brandenburg. Von 2003 bis 2007 war er in Singen. Seit März 2007 hatte er aber keinen Wohnsitz mehr in Deutschland. Er reiste nach Moskau aus und kam erst am 4. Juni 2010 über den Flughafen Berlin-Tegel wieder zurück nach Deutschland. Am 8. Juni geschah das Verbrechen an der 44-jährigen Taxifahrerin in Singen und am 9. Juni soll der Angeklagte die 32 Jahre alte Taxifahrerin in Hagnau ermordet haben.

Verzögerungen der intellektuellen Entwicklung

Bekannt ist dem Gericht aus Unterlagen offenbar, dass ein Kinderpsychiater bei dem am 12. Februar 1982 in der russischen Föderation geborenen Jungen Andrej W. Verzögerungen der intellektuellen Entwicklung festgestellt hatte. Die erste Klasse musste Andrej W. wiederholen. Seine Alltagsorientierung habe nicht seinem Alter entsprochen. Seine Rechenfähigkeit sei deutlich unterentwickelt, so die Feststellungen damals. Der Junge, der in einer vierköpfigen Familie mit einem Stiefvater lebte, konnte Hausaufgaben nur mit Hilfe seiner Mutter machen, die als Austrägerin in einer Fernmeldezentrale arbeitete.

Andrej W. schrieb schlechteste Noten

Richter Jürgen Bischoff trug aus aus dem Russischen übersetzten Zeugnissen vor, die der damals sieben oder acht Jahre alte Junge bekam. Im russischen Schulsystem, in dem es Noten von 1 bis 5 gibt – wobei eine Eins die schlechteste Note ist, bekam Andrej W. überwiegend die Note 2. Sein Verhalten wurde mit „unbefriedigend“ beurteilt. Er sei schüchtern. Die Rede ist in einem Dokument sogar von einer „Stufe der Debilität“, einer geistigen Behinderung also, die in der Regel mit deutlich unterdurchschnittlicher kognitiver Fähigkeit eines Menschen und auch Einschränkungen des affektiven Verhaltens einhergeht. Dem Zehnjährigen wurde bescheinigt, dass er die Anforderungen in der Schule nicht erfülle, nur in der Fibel lesen konnte, nicht aber in einem Lehrbuch, ein schlechtes Gedächtnis habe und zerstreut sei. Bei Klassenarbeiten und Diktaten schreibe er durchweg eine Eins.

Angeklagtem wurde schlecht

Während der Angeklagte zuvor an allen Prozesstagen ohne eine Emotion zu zeigen im Gerichtssaal saß, wirkte er während der Schilderungen plötzlich unruhig. Er versuchte unvermittelt aufzustehen und ließ übersetzen, dass ihm schlecht sei. Klaus Frank, Pflichtverteidiger des wegen Mordes und Mordversuchs Angeklagten, forderte eine Unterbrechung der Verhandlung. „Ihm ist schlecht“, so die Begründung. Der Richter unterbrach darauf hin die Verhandlung für erst einmal etwas mehr als zwei Stunden. Um 14 Uhr sollte sie weitergehen.

Foto: wak

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