Konstanzer Taximordprozess: Voyeure und letzte Zeugen

Der vierte Verhandlungstag: Zweites Zwischenfazit, subjektiv und hoffentlich nicht blutrünstig

Andrej W. vor dem Konstanzer LandgerichtKonstanz. Der vierte Verhandlungstag im Taximordprozess vor dem Konstanzer Landgericht endete mit den Aussagen der Cousins und der Cousine des Angeklagten. Die ehemalige Freundin hatte bei der Polizei ausgesagt – der Richter verlas das Protokoll dieser Vernehmung. Andrej W. sei anders gewesen, heißt es. Vorgelesen hat der Richter auch Beurteilungen aus Andrej W.s Zeit in einem „Hilfsschulinternat“. Die Diagnose lautete offenbar Oligophrenie, was übersetzt „Schwachsinn“ bedeutet. Der Angeklagte, der beharrlich schweigt, zeigte auf den Vortrag eine emotionale Reaktion, die sich als vegetative Störung äußerte.

Der Fall in der „Bild“

See-Online ist keine Gerichtsblog. Ein Journalisten-Kollege aus Meersburg hatte per E-Mail am Vormittag noch einen Link zur Bildzeitung geschickt. Der Titel: „Der Frauenmörder macht sich an die Gerichtsdolmetscherin ran!“ Bild hat jeden Tag eine spannende Story und setzte hinter die Schlagzeile auch noch ein Ausrufezeichen. Der Angeklagte hatte auf einen Zettel geschrieben: „Jelena, du gefällst mir sehr, ich liebe dich sehr“. Die Dolmetscherin selbst sagte über den Vorfall mit dem angeblichen „Liebesbrief“, ihr Verhalten gegenüber dem Angeklagten sei professionell. Sie arbeite am Stuttgarter und Konstanzer Landgericht. Sie müsse nah bei Andrej W. sitzen, weil er sie sonst nicht verstehen könnte. Ob es ihr schwerster Fall sei? Nein, antwortete sie. Das sei ein Prozess mit der russischen Mafia gewesen.

Feedbacks bei Facebook und Twitter

So reißerisch wie „Bild“ ist See-Online nicht. Auf Facebook schrieb trotzdem ein Leser: „Meinen Sie nicht, dass das Verfolgen des Prozesses ein wenig arg zum ,Blutjournalismus verkommen‘ ist. Ich mag See-Online, weil es anders berichtet als ,die Grossen‘. Der Grat zwischen Voyeurismus und berichten ist schmal. Im Gerichtssaal erzählte am vierten „Publikumstag“ eine Zuhörerin einer anderen, dass sie vergeblich im Internet nach der russischen Seite mit den grausamen, pornografische Darstellungen und den Leichenteilen gesucht hätte, von der am Vortag die Rede war, weil Andrej W. sie wohl aufgerufen hatte. Am Abend schrieb dann eine Followerin bei Twitter, die im Gerichtssaal mit unter den Zuschauern saß: „Das ist doch krank! Sehr krank!“ Nicht nur anders berichten ist in diesem Fall nicht ganz einfach.

Mutter und Sohn und keine Umarmung

Ins Blickfeld rückte das Gericht, als die letzten Zeugen aussagten, erwartungsgemäß auch die Kindheit des Angeklagten. Ein Cousin hatte Andrej W. wenige Tage vor den abscheulichen Verbrechen, derer er angeklagt ist, von Senftenberg in Brandenburg mit nach Neu-Ulm genommen und zum Zug an den Bodensee gebracht. Auf der fünf- bis sechsstündigen Autofahrt hätten sich die Cousins eigentlich nicht unterhalten, sagte der Zeuge. Wie das Verhältnis von Andrej W. zu seiner Mutter sei? Sie habe Andrej W. nicht umarmt, als er am 4. Juni wieder nach Deutschland zurück gekommen sei. Nein, das Verhältnis sei nicht herzlich. Die Ex-Freundin, die von 2002 bis 2006 mit dem Angeklagten zusammen wohnte, sagte, sie hätten sich oft gestritten. Er sei manchmal gewalttätig gewesen. Er habe davon gesprochen, dass er sie umbringen würde, wenn sie ihn verlasse. Einen Mord hätte sie ihm trotz seiner Aggressivität nicht zugetraut. Sie habe ihm gesagt, wenn er nicht wolle, dass sie ihn verlasse, solle er sich von einem Psychiater helfen lassen. Er sei krank. An Andrej W.s Sexualverhalten sei aber nichts abnorm gewesen. Angeblich soll Andrej W. in Russland Leichen ausgegraben und die Orden gestohlen haben. Auch das gab die Frau, die mittlerweile Mutter eines kleinen Kindes ist, zu Protokoll. Wegen Diebstahls saß er in Russland offenbar im Gefängnis. In Deutschland habe er sich gern gut gekleidet und sei mit einem Aktenkoffer aus dem Haus gegangen, um zu zeigen, dass er wer sei.

Andrej W. schaute in Manzell Fernsehbericht über Mord

Andrej W. übernachtete, als die Morde geschahen, bei der Familie seiner Tante in Friedrichshafen-Manzell. Der 15-jährige Cousin des Angeklagten sagte, Andrej W. wollte gerufen werden, als etwas über den Taximord von Hagnau im Fernsehen kam. Auf dem PC habe er eine Pornoseite angeschaut. Er habe den 28-Jährigen im Spaß gefragt, ob er das in Hagnau gewesen sei. Als Andrej W. ein gestohlenes Fahrrad mitbrachte, habe er Ärger mit seiner Tante bekommen. Der 15-Jährige sagte, Andrej W. sei kindisch gewesen. Die 23-jährige Cousine beschrieb Andrej W. dagegen als „normal“. Mit seiner Mutter habe er sich öfter gestritten. Später sagte auch noch ein früherer Freund des Angeklagten aus, der mit ihm die Zeppelin-Gewerbeschule besuchte. Auch er berichtete davon, dass Andrej W. in Russland Leichen ausgegraben haben soll. Die Menschen, die dem Angeklagten nahestanden oder einmal nahegestanden hatten, waren die letzten Zeugen im Taximordprozess.

Psychiatrisches Gutachten folgt

Am Dienstag, 1. Februar, wird der Prozess fortgesetzt. Dann präsentiert der Sachverständige ein psychiatrisches Gutachten. Wichtige Fragen dürften beantwortet werden: Hatte Andrej W. eine kalte Kindheit? Ist er debil? Was machte ihn, vorausgesetzt, seine Schuld würde festgestellt, zum Mörder und Vergewaltiger? Das Konstanzer Stadttheater zeigt gerade passenderweise das Stück „Tiefer gehen“. Es ist ein Stück, das von sexuellem Missbrauch handelt und davon, was einen Sexualstraftäter antreibt. Doch nicht alle, denen es an Zuwendung fehlte oder die selbst zum Opfer von Gewalt wurden, werden zu Tätern. Auf Twitter schrieb eine Followerin, „viele haben kalte Kindheiten und werden nicht zu bestialischen Mördern“. Sie hat wohl Recht. Darüber, was aus Andrej W. wird, hat das Konstanzer Gericht zu entscheiden. Das Urteil wird voraussichtlich am 8. Februar gesprochen.

3 Kommentare to “Konstanzer Taximordprozess: Voyeure und letzte Zeugen”

  1. DeiMudder
    19. Januar 2011 at 22:51 #

    Ordentlicher Artikel. Trotzdem kann ich langsam nichts mehr davon hören/lesen. Da tun sich solche Abgründe auf dass man traurig wird.

  2. dk
    20. Januar 2011 at 01:23 #

    … Doch nicht alle, denen es an Zuwendung fehlte oder die selbst zum Opfer von Gewalt wurden, werden zu Tätern. …

    Umgekehrt gilt auch: ein (stark) Lernbehinderter, der stark von den Eltern unterstützt worden ist, erhält eine ordentliche Grundbildung und wird nach umfangreichen Suchen im einem Ostberliner Gartenbaubetrieb angestellt und dort weiterhin vom Kollektiv unterstützt.

    Nach der „Wende“ wird der Betrieb aufgespalten, Geld fliest minimal, Gehälter werden Monate nicht bezahlt bzw. gehen infolge Konkurs ganz verloren. Wegen den wirtschaftlichen Umständen müssen einige Betriebe im Grossraum Berlin gewechselt werden; immer wieder Leerzeiten dazwischen. Im Vergleich zum vorliegenden Fall: keinerlei seelische Defekte dadurch oder Frustrationen, Aggressionen.

    Mit einer Freundin ein Kind gezeugt, wurde er von deren Eltern abgelehnt. Seine Tochter darf ihn bei seinen eigenen Eltern besuchen und auch Urlaube verbringen; er selbst hat Hausverbot.
    Längst hat er eine eigene Wohnung und eine ebenfalls „leicht behinderte“ Frau geheiratet. Im Gartenbaubetrieb hat er „leitende“ Tätigkeit, den LKW-Führerschein und wird auch für verantwortungsvollere Logistik-Tätigkeiten verwendet. Gehalt: besserer Hilfsarbeiter bei 3-4 Std. täglicher Wegstrecke zur Arbeit; Berlin ist doch sehr grossflächig. Noch soziale Probleme in KN?

    Leichte Behinderung kann durchaus ein ausgeglichenes Gemüt erzeugen, weil man gar nicht weiss, was eine Boulevard-Zeitung ist. Sonstige Medien dürften auch nicht allzu sehr berühren.
    Berlin ist gross(artig) und hat Platz für die ganze Bandbreite der IQs: den Ossis sei Dank.

  3. dk
    20. Januar 2011 at 09:23 #

    … Angeblich soll Andrej W. in Russland Leichen ausgegraben und die Orden gestohlen haben. …

    Wenn man bedenkt, dass jedes Jahr heute noch der Sieg über den Faschismus gefeiert wird und der „Grosse vaterländische Krieg“ historisch am Leben erhalten wird, könnte der Verkauf von Orden als „bequemste Art des Geldverdienens“ betrachtet werden. Zum Jahrestag trägt wohl jedermann seine Uniform mit Verdienst-Orden.

    In der Nach-Wende-Zeit sollen Uniformen und Orden auch in Berlin und den neuen BL begehrte Souvenirs und Andenken gewesen (geblieben?) sein – von beiden Lagern? Überraschend hatte mir ein Ossi-Student zum Ansehen die DDR-Verfassung: überraschend auch, weil die Sprache erstaunlich einfach (auch für Lernbehinderte?) geschrieben war.

    „Leichen ausgraben“ soll als Leichen-Schändung strafbar sein und ist ethisch verwerfbar. Das Thema hat an einen Bericht der ehem. Thurgauer-Zeitung über „Kannibalismus als das letzte Tabu“ erinnert, der dargelegt hat, dass es diesen in der Menschheitsgeschichte schon immer gab und in der „Kultur“ auch dargestellt wurde.
    Mich hat das Thema eher an den 2.WK erinnert, dass auch ein „Logistik-Problem“ gewesen sein soll. Die Amerikaner haben nach dem 2.WK eine Dorfbevölkerung durch ein KZ geführt, entlang der Berge von ausgehungerten Leichen, was 1980 im Video sehr emotional war. 30 Jahre später sah man das gleiche Bild unemotionaler, es war immer präsent geblieben: es fiel auf, dass 2 Frauen sich weinend umarmten und abstützten, während ein alter Mann in altem Armee-Mantel und Mütze dahinter nur ins Leere starrte – irgendwie stehend tot. Hat er zuviel an der Front erlebt? Oder hatte er Lernprobleme?

    In späteren Jahren wurde ich im KNer Krankenhaus zufällig neben einen Franzosen gelegt: scheinbar der letzte Beamte der Franz. Garnison in KN: er deutete an, dass es im Kampf um nordafrikanische Kolonien gegen Araber im Rahmen der „psychologischen Kriegsführung“ höchst dreckig zuging. Etwas zynisch ausgedrückt: der Unterschied zwischen Kriegs als Pflicht und Hass wurde deutlich. Manche politischen Diskussion zwischen Kulturen und anderen Welten sehe ich manchmal eher „sehr merkwürdig“ an, wirken dann einige Jahrzente später aber doch noch sehr zivilisiert.

    Es bleibt die Frage, ob „Leichen-Ausgrabung“ als Geldverdienst der Auslöser für einen weiteren (sehr fatalen) Wahn (Internet + Tat) geworden ist oder diese „sexuelle Neigung“ von jeher bestanden hat.

    Hoffentlich wird das „psychologische Gutachten“ im Wortlaut (als PDF oder Abschrift) veröffentlich, damit man sich nicht zu viele Gedanken über Medien machen müssen. Historiker sollen die Quellen-Forschung bevorzugen.

    Zu viel Voyeurismus?

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