Konstanzer Terrorismus-Forscher: Dschihad erreicht die Mitte nicht

Politikwissenschaftler Thomas Rid über die Krise von Al-Kaida und arabische Revolutionen

Konstanz. „Der globale Dschihad zerfasert und verliert massiv an Rückhalt in der islamischen Welt.“ Das behauptet der Konstanzer Politikwissenschaftler Thomas Rid. Er glaubt, dass sich der radikale Islamismus in drei Strömungen aufspaltet. Nach dem Tod Osama bin Laden meldet er sich mit seiner Theorie zu Wort.

Terroristen erreichen Mitte der Gesellschaft nicht

Die Legitimität eines radikalen Islamismus nehme längst in den Augen der Mitte muslimischer Gesellschaften ab und die Ränder der militanten Bewegung fransten aus, so der Experte für politische Gewalt,Thomas Rid. Er äußerte sich jetzt anlässlich der Tötung von Osama bin Laden über die „innere Krise der terroristischen Gruppierung Al-Kaida“. Der Politikwissenschaftler erforscht an der Universität Konstanz internetbasierte Kriegs- und Organisationsstrukturen und analysiert, inwiefern Al-Kaida mit ihrer eigenen Organisationsform zu kämpfen hat:

Nachteile dezentraler Strukturen

Dieselbe dezentrale Netzwerkstruktur, die der terroristischen Gruppierung eine hohe Mobilität der Mitgliedergewinnung verleihe, stelle zugleich einen selbstlimitierenden Faktor dar und hindere Al-Kaida daran, in der arabischen Welt eine breite gesellschaftliche und politische Basis erreichen zu können.

Der „Long Tail“ Effekt

Thomas Rid beobachtet einen „Long Tail“-Effekt in der Organisationsstruktur von Al-Kaida. Der aus der Volkswirtschaftslehre entliehene Begriff „Long Tail“ bezeichnet ursprünglich das Prinzip, ein Nischenprodukt mit extrem geringer wirtschaftlicher Nachfrage trotzdem in rentabler Menge absetzen zu können, indem das Absatzgebiet über das Internet ins Grenzenlose erweitert wird.

Terroristen bleiben in der Minderheit

Thomas Rid überträgt diese Logik von Produkten auf politische Ideen und wendet sie auf internetbasierte soziale Netzwerke von Randgruppen an, darunter auch terroristische Netzwerke wie Al-Kaida: Erst das Internet erlaube es ihnen, auf dezentraler Ebene genügend Anhänger zu finden, um eine kritische Masse zu bilden. Das „Long Tail“-Prinzip ermögliche es somit einer ideologischen Minderheit, über die Welt verstreut genügend Sympathisanten zu erreichen, um relevant zu werden.

Kein Einfluss auf „Mainstream“

Die dezentralisierte „Long Tail“-Fokussierung auf Randgruppen bedeute allerdings auf der anderen Seite, dass auf die breite Basis der Gesellschaft, den „Mainstream“, kaum Einfluss genommen werde. Die Randgruppe bleibe Randgruppe, weil sie an den gesellschaftlichen Rändern vermeintlich genügend Anhänger gewinnen kann und somit keine Notwendigkeit sehe, einen Kompromiss mit der gesellschaftlichen Basis zur Durchsetzung ihrer Ziele einzugehen. „Die klassische ,Karriere‘ einer erfolgreichen politischen Widerstandsorganisation würde es aber erfordern, in die gesellschaftliche Mitte zu rücken“, erklärt Thomas Rid.

Revolutionen kontra Terrorismus

Der Politikwissenschaftler folgert, dass sich Al-Kaida aufgrund ihrer dezentralen Struktur zwar nur sehr schwer zerstören lasse, aber gesamtpolitisch nichtsdestotrotz nur eine geringe Rolle spielen werde. Insbesondere die Frühlingsrevolutionen in Nordafrika stellten in der arabischen Welt die Legitimität von Al-Kaida in Frage, erläutert Rid: „Diese Revolutionen konnten Kernziele der arabischen Welt umsetzen, was Al-Kaida niemals geschafft hat. Al-Kaida wird marginalisiert von der politisch ,mainstreamfähigen‘ Bewegung der arabischen Jugend.“

Krise der Al-Kaida

Die Koinzidenz der arabischen Frühlingsrevolutionen mit der symbolkräftigen Tötung bin Ladens verstärke die innere Krise von Al-Kaida, so Thomas Rid weiter. Der Politikwissenschaftler prognostiziert eine Zerfaserung des Dschihad und beobachtet eine Aufspaltung des radikalen Islamismus in drei Strömungen: „Die erste Strömung besteht aus lokal agierenden islamischen Aufständischen. Die zweite Strömung formiert sich aus einem mit organisiertem Verbrechen kombinierten Terrorismus, der sich aus Drogenhandel und Erpressung finanziert. Die Mitglieder der dritten Strömung lassen sich schwerer als einheitliche Gruppe definieren. Es handelt sich dabei vornehmlich um junge Muslime, die in der zweiten oder dritten Generation in der Diaspora leben und sich in einem anhaltenden Zustand des Heiligen Krieges wähnen. Deren Motivation zum Kampf speist sich aus ihrer eigenen Unzufriedenheit“, behauptet Rid.

Thomas Rid forscht an Elite-Uni

Thomas Rid forscht am Kulturwissenschaftlichen Kolleg der Universität Konstanz in dem im Rahmen des von der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder geförderten Exzellenzcluster Kulturelle Grundlagen von Integration. Seine Forschung umkreist die Formen asymmetrischer Kriegsführung und insbesondere die Strukturen des „Cyberwar“. Prägnant für seine Methodik ist die praxisnahe Verknüpfung von einerseits historischer Analyse und andererseits dem Fokus auf neue Technologien und deren Einfluss auf militärische Konflikte. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Thomas Rid durch sein Buch „War 2.0. Irregular Warfare in the Information Age“.

Foto: Uni Konstanz

Ein Kommentar to “Konstanzer Terrorismus-Forscher: Dschihad erreicht die Mitte nicht”

  1. Moni Motzke
    12. Mai 2011 at 14:58 #

    irgendwie unpassend, im schönen konstanz die cia propaganda nachzuplappern. ich ess jetzt ein eis drauf…

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