Konstanzer Wutbürger gab es auch in den 70-er Jahren

„Steinige Wege am See“ und der Kampf für freien Zugang zum Wasser – Wutbürger früher und heute

Konstanz. Wutbürger gibt es nicht nur in Stuttgart, sondern auch in Konstanz und nicht erst seit Protesten gegen Stuttgart 21. Vor bald vier Jahrzehnten marschierten Konstanzer Arbeiter und Studenten am Maifeiertag durch Villenvorgärten und demonstrierten für einen Seeuferweg. Heute ist der Weg Realität. Und wo es einen freien Seezugang wie im Herosé-Park gibt, geraten Parknutzer und Anwohner in Konflikt miteinander. Auch Anwohner können manchmal zu Wutbürgern werden.

Wanderung der Wutbürger

Ausgangspunkt der Demonstration für einen Seeuferweg war eine Maifeier. Heute würden sich die Demonstranten wahrscheinlich auf Facebook verabreden. Einen durchgängigen Spazierweg – so wie heute – am Ufer entlang von der Seestraße bis zum Hörnle gab es in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts noch nicht. Aufgeschrieben hat den Akt des gewerkschaftlichen und studentischen Ungehorsams vor vielen Jahrzehnten der Gewerkschafter und ehemalige SPD-Stadtrat Erwin Reisacher. Im Kapitel „Steinige Wege am See“ hat der längst schon verstorbene Autor die Wanderung der Wutbürger über Konstanzer Privatgrundstücke am Ufer des Bodensees entlang beschrieben. Statt fand sie 1. Mai 1975. Zuvor hatten die Demonstranten an einer Maifeier teilgenommen.

Legendäre Maiwanderung

Reisacher schilderte wie die Konstanzer nach einer Mai-Kundgebung zu einem „spontanen“ Spaziergang aufbrachen, der am Bodenseeufer entlang und auch durch private Seegrundstücke führte. Als die Maiwanderer über Zäune stiegen, kam es zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen, zum Beispiel mit dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Hans-Constantin Paulssen. Wasserwerfer – so wie die Polizei am 30. September 2010 am Stuttgarter Bauzaun – setzten die Villenbesitzer zwar nicht ein – Gartenschläuche zur Verteidigung ihrer Privatgrundstücke aber schon. Die Demonstration hatte damals sogar ein gerichtliches Nachspiel.

Glücksfall öffentliche Kanalisation

Voran ging es mit dem Seeuferweg aber erst aufgrund des Anschluss- und Benutzungszwangs für die öffentliche Kanalisation. Das passierte, in der Zeit, in der der SPD-Mann Ralf-Joachim Fischer von 1982 bis 1997 Baubürgermeister war. Die Seegrundstücke waren damals noch nicht an das Abwassernetz angeschlossen. Um dies zu erreichen, baute die Stadt am Seeufer sogenannte Ufersammler. Vor den betroffenen Grundstücken wurde neues Gelände aufgeschüttet. So war Platz für den Seeuferweg. Eine Enteignung von Privatgärten gab es am Bodenseeufer nicht.

Neue Seezugänge entstehen am Rhein

Etwas anders als Richtung Hörnle sieht es noch immer entlang des Seerheins aus. Mit dem freien Zugang zum Wasser geht es erst vorwärts, seit die Industriebrachen neu überplant worden sind und zum Beispiel im Herosé-Park ein Freizeitgelände entstanden ist. Bis die Konstanzer vom Herosé-Park am Seerhein entlang bis zum Stromeyersdorf spazieren und Radfahren können, wird es noch einige Jahre dauern.

Wutbürger gegen Entscheidungen von oben

Heute gehen Wutbürger auf die Straße, wenn  über die Köpfe von Menschen hinweg bestimmt werden soll. Stuttgart 21 oder der geplante Bau eines Konzert- und Kongresshauses in Konstanz im vergangenen Jahr machten die Menschen wütend. Wutbürger versammelten sich und protestierten. Den Bürgerentscheid über ein KKH haben sie gewonnen – die Volksbefragung zu Stuttgart 21 steht noch aus. Aktuell gehen Wutbürger heute ansonsten auf die Straße, um für den Ausstieg aus der Atomenergie zu demonstrieren. Sich zu „Revolutionen“ zu verabreden, ist heute in Zeiten von E-Mail und Facebook viel leichter geworden – nicht nur in Nordafrika, sondern auch bei uns.

Foto: wak

 

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