Konstanzer Zwischenbilanz über Kampf der Geschlechter

Von kämpfenden Männern und Frauen – Letzter Fightclub am Konstanzer Theater

Konstanz. Kämpfen Sie noch? Männer und Frauen, Mäuschen, Menschen und Models. Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard hatte eingeladen. Inge Jens, Literaturwissenschaftlerin aus Tübingen, Bascha Mika, ehemalige Chefredakteurin taz aus Berlin, Hermann-Eugen Heckel, Alt-Katholischer Dekan in Konstanz, und Siegmund Kopitzki, Südkurier-Kulturredakteur, diskutierten. Auf dem Podium herrschte kein Krieg zwischen den Geschlechtern. Siegmund Kopitzki sagte: „Ich habe nicht das Gefühl diskriminiert zu werden.“„Im Verhalten der Geschlechter hat sich viel verändert zum Guten“, meinte Inge Jens. Oder doch nicht? „In den letzten zehn bis 15 Jahren ist kaum noch etwas passiert“, stellte hingegen die frühere taz-Chefredakteurin Bascha Mika fest.

Roter Plüsch und weibliches Publikum

Roter Plüsch, aufwändiges Bühnenbild, altmodische, tiefe Sessel und ein bequemes Sofa standen auf einem Podium – ein Flügel auf der Bühne. Stefan Leibold gab den Mann am Klavier. Das Publikum, überwiegend weiblich und nicht mehr ganz jung, aus der Generation der Kämpferinnen, hatte freie Platzwahl. Der Theatersaal war nur halb gefüllt. Draußen ging gerade ein Gewitterregen nieder.

Zwischenrufe, wenn es nicht gefiel…

Frauen möchten schon längst nicht mehr nur in den Himmel, sondern überall hin. Als Zwischenruferin hervor tat sich später zum Beispiel die widerborstige Ilse Müller. Die frühere Managerin gehörte zu den Pionieren der deutschen EDV-Branche. Gemeinsam mit ihrem Mann Otto Müller gründete sie 1972 in Konstanz die Firma Computertechnik Müller GmbH (kurz CTM), die in Konstanz Computer herstellte. Ilse Müller erzählte von ihrem persönlichen Kampf.

Von Ladys und Gentlemen

Meinhard Schmidt-Degenhard hatte zum fünften und letzten Fightclub geladen. Das Thema war nicht zufällig gewählt. Eine Spielzeit lang beschäftigte sich das Konstanzer Theater mit der Frage, ob Ladys und Gentlemen noch miteinander kämpfen. Jetzt nach Monaten war es Zeit, auch auf dem dem Theater einmal Bilanz zu ziehen. Einen schöneren Einstieg als eine Szene aus „Gertrud“ hätte es für solch ein Gespräch gar nicht geben können. Die großartige Susi Wirth zog das Publikum in den Bann. Ihr Gegenüber, der Mann, konnte nur blass bleiben. Es ging um die Liebe, die Heirat und um die Frage, den anderen wieder frei zu geben, wenn er es will.

Die Sicht der Elder Lady

Meinhard Schmidt-Degenhard holte zuerst Inge Jens auf die Bühne. Die Literaturwissenschaftlerin ist 84 Jahre alt und seit 60 Jahren mit dem an Demenz erkrankten Tübinger Professor Walter Jens verheiratet. Inge Jens sagte, die Ehe habe etwas Verbindliches. Dieses Verständnis habe ihr geholfen, bei ihrem Mann zu bleiben, auch wenn es heute keine Partnerschaft mehr sei.

Bildung der große Schritt nach vorn

Meinhard Schmidt-Degenhard kam auf Thomas Mann zu sprechen und die Frage wie schwul er wohl gewesen sei. Seine Frau Katja war dem Dichter intellektuell überlegen, sagte Inge Jens, die sich mehr für die Frau als für Thomas Mann interessierte. Warum, sagte sie, soll ein Gespräch von Frau zu Frau ein anderes sein als eines von Frau zu Mann? Inge Jens hat, wie sie freimütig erzählte, eine glückliche Ehe geführt und sie fühlte sich von ihrem Mann stets gefördert. Als der Universitätslehrer nicht mehr hinterher kam mit dem Schreiben von Rezensionen, machte sie seine Arbeit mit und veröffentlicht wurden die Rezensionen der Ehefrau anfangs unter dem Namen von Walter Jens. Der entscheidende Schritt sei es gewesen, als Frauen an Bildung teilhaben konnten, sagte Jens. Das brachte sie nach vorn. Gesine Schwan sei heute keine Exotin mehr.

„Roter Teppich“ für Frauen

Siegmund Kopitzki gesellte sich zum Moderator und zur Literaturwissenschaftlerin. Er sollte die Frage beantworten, wie es es ihm als Mann gehe. „Ich leb‘ ja nicht als Mann, sondern als Mensch“, erzählte er. Meinhard Schmidt-Degenhard provozierte: „Mich als Mann beginnt das aufzuregen“, sagte er. Für Frauen werde der „rote Teppich“ ausgerollt. Siegmund Kopitzki fühlt sich nicht benachteiligt. Er erzählt von seiner Ehe. Ach ja, in dem Medienhaus, für das er arbeitet, sitzen in Redaktionen auch Frauen – in der Führungsetage aber nicht.

Die Hälfte des Himmels und der Erde

Bascha Mika war ein bisschen wütend. Frauen haben es selbst vermasselt, ist ihre These. Sie möchte, dass sich Männer und Frauen alles teilen, die Hälfte des Himmels und der Erde und sie sieht eine Partnerschaft auf Augenhöhe als die einzige an, die dauerhaft funktionieren kann. Für Aufsehen gesorgt hatte die frühere taz-Chefredakteurin, als sie „Die Feigheit der Frauen: Rollenfallen und Geiselmentalität. Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug“, veröffentlichte.  Das Buch sei Kampfansage an die Männer und ein Mutmachbuch für die Frauen, so Bascha Mika.

„Mr. & Mrs. Smith“

Bascha Mika sagte, Frauen steckten zurück statt einen Konflikt mit dem Partner auszufechten, weil sie die Angst hätten, etwas zu verlieren. Die Hälfte der Frauen wollten alles – Beruf und Familie. Die Autorin beanspruchte auch für Frauen „Sinnstiftung durch den Beruf“ und „ökonomische Unabhängigkeit“. Die traditionellen Rollen lauerten. Seit den 70-er Jahren dürften Frauen ihr eigenes Konto haben und seit den 50-er Jahren den Führerschein machen. Bis 2013 solle es aber nur für 35 Prozent der unter Dreijährigen Kita-Plätze geben. Ihr Fazit: In den letzten zehn bis 15 Jahren sei in Sachen Gleichstellung nicht mehr viel passiert. „Männer sind nicht böse“, sagte sie. Sie wollten nur auf ihre Privilegien nicht verzichten. Dass es mit Partnerschaften nur klappen könne, wenn Mann und Frau auf Augenhöhe sind, zeige treffend auch die Komödie „Mr. & Mrs. Smith“.

Sexualisierung in der Gesellschaft

Als vierten Gast schließlich bat Meinhard Schmidt-Degenhard, Hermann-Eugen Heckel, den Alt-Katholischen Dekan, auf die Bühne. Er hatte sich in seinem früheren Leben zwischen seinem Priesterberuf und seiner Frau entscheiden müssen und entschied sich für die Liebe. Hermann-Eugen Heckel erzählte zu Anfang von der Beziehung zwischen Jesus und den Frauen. Seine Fazit mit Blick auf den aktuellen Spielstand im Geschlechterkampf: „Wir sind noch nicht weiter.“ Erst Recht gilt das wohl, wenn es um die Sexualisierung in der Gesellschaft und um Gewalt gegen Frauen geht. Der Fight Club schlug noch einen Haken, streifte das Pornografische und die Durchdringung der Gesellschaft mit Sex. Kachelmann, Dominique Strauss-Kahn und Germanys Next Top Model schwirrten durch den Theatersaal. Der beste Teil der Diskussion war da schon vorbei.

Verzicht auf Fazit

Und das Fazit? Meinhard Schmidt-Degenhard drückte sich und ließ noch einmal die Gäste reden. Immerhin ist es ein spannender Diskurs unter Erwachsenen gewesen. Dass ein Abend über Frauen, Männer und über Gender Mainstreaming auch arg entgleisen und sehr schief gehen kann, hatte zuletzt ein missglückter Vortrag eines Männerrechtlers auf Einladung der Piratenpartei an der Uni Konstanz gezeigt. Selbst nach Wochen schlagen in diesem Fall die Wellen noch hoch und es hagelte Anwürfe. Der Graben zwischen den Geschlechtern und das gegenseitige Unverständnis ist nach jenem Vortrag nur tiefer geworden – auf dem Theater dagegen sind sich Mann und Frau mit gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe begegnet. Das wäre – so gesehen –  doch schon einmal ein Fortschritt gewesen.

Epilog: Von Männern und Frauen auf dem Theater

Noch drei Mal kommt „König Lear“ in der Spiegelhalle zur Aufführung, und es gibt noch wenige Restkarten. Termine: heute, Mittwoch, 22. Juni, und Samstag, 25. Juni um 20 Uhr, sowie Freitag, 24. Juni um 19.30 Uhr. Auf dem Spielplan steht weiter Gertrud. Sie steht zwischen drei Männern und vor der Entscheidung, was sie tun soll: Die verflossene, große Liebe wieder aufwärmen? Die unglückliche und nicht erfüllende Ehe am Laufen halten oder doch mit dem jungen Liebhaber ausbüchsen? Alles liegt in ihrer Hand… Zu erleben heute, Mittwoch, 22. Juni um 15 Uhr, Donnerstag, 23., Samstag, 25. und Dienstag, 28. Juni, jeweils um 20 Uhr.

Ein Kommentar to “Konstanzer Zwischenbilanz über Kampf der Geschlechter”

  1. dk
    23. Juni 2011 at 17:58 #

    Ein lesenswertes CH-Interview mit einer Goslarerin (Westharz/Niedersachsen) als ehem. Gleichstellungsbeautragte: zwischen West- und Ostharz gibt es viel Gemeinsamkeiten, wobei dieser Artikel im Ostharz sicher etwas Befremden wirken wird (die Mischung „links/grün“ ist dort ganz anders !!!). Die Häuser im Westharz erscheinen einiges solider gebaut: diese Luxusprobleme einer modernen Gesellschaft hatte man eher in südlicheren Regionen vermutet.

    «Wir Frauen müssten jetzt drei Jahre lang schweigen»
    http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Wir-Frauen-muessten-jetzt-drei-Jahre-lang-schweigen/story/15308621

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