Kontext:Wochenzeitung: Hier sehen Journalisten schwarz

Unabhängiges Onlineportal aus Stuttgart sucht Unterstützer – Ende April könnte Schluss sein

Stuttgart/Konstanz. Muss die Kontext:Wochenzeitung, das unabhängiges Stuttgarter Onlineportal, in drei oder vier Wochen die Segel streichen? Wieder steht ein Nachrichtenportal im Web vor dem Aus. Gerade hat der Grüne Jürgen Trittin eine Kulturflatrate vorgeschlagen. Solange sich aber, wie zum Beispiel von den Piraten propagiert, die naive Meinung hält, dass Inhalte im Web wie wilde Erdbeeren im Wald wachsen und nichts kosten dürfen oder eine Bundesregierung mit dem sogenannten Leistungsschutzrecht nur das Geschäftsmodell der traditionellen Printverlage retten will, sind Blogs und Portale vom Aussterben bedroht. Die Kostenloskultur und die Unfähigkeit der Politik bringt sie alle um.

Unabhängiges Portal mit Verfalldatum

„Die Kontext:Wochenzeitung ist“, so steht es auf der Website zu lesen, „ein unabhängiges Onlineportal, das von hauptberuflichen Journalisten verantwortet und von Stuttgarter Bürgern getragen wird.“ Bald könnte es heißen: Sie „war“ ein unabhängiges Onlineportal, das getragen „wurde“ und nach einem Jahr vor dem Aus steht. Die Zeitung erscheint (noch) online und am Wochenende liegen vier dünne Seiten der gedruckten Sonntaz bei.

Eine Samstagszeitung wie ein Croissant

Kontext:Wochenzeitung wollte keine Gegenzeitung sein und „niemandes Kampfblatt“, wie es heißt, sondern eine „Werkstatt, in der in guter journalistischer Tradition“ gearbeitet und wohl auch wurde. Die Lektüre gehörte Samstagmorgens oft wie ein frisches, lecker duftendes Croissant zum gelungenen Start ins Wochenende, während es unter der Woche oft Vollkornbrot oder Müsli und Online-Artikel gab.

Hoch, höher, höchste Ansprüche

Kontext:Wochenzeitung wollte anders sein wie viele anderen Portale. „Also gründlich statt schnell, hintergründig statt oberflächlich, mit langen Texten statt Häppchen, mit anspruchsvollen Bildern statt Beliebigkeitsoptik“, so hatte die Redaktion um Josef-Otto Freudenreich, der bis 2010 noch Chefreporter der „Stuttgarter Zeitung“ war, ihren eigenen Anspruch formuliert.

Bye-bye Qualitätsjournalismus online

Und jetzt das: Eine schwarzer Trauerflor liegt über der Titelseite: „Warum Sie hier schwarz sehen“ erklärt die Redaktion so: „… aus einem einfachen, aber traurigen Grund: weil die Kontext:Wochenzeitung bald so aussehen könnte – schwarz nämlich. Wenn wir bis Ende April keine neuen AbonnentInnen gewinnen, fehlt uns das Geld, um die Schwärze mit gut recherchierten Geschichten zu vertreiben. Qualitätsjournalismus, unabhängig von Werbung und Konzernstrategien, kostet. Und Kontext gehört niemandem, keiner Partei, keinem Sponsor, keinem Anzeigenkunden, keinem Herausgeber.“

Freiwillige Abonnenten dringend gesucht

Die Zeitung, die am Wochenende der Sonntaz beiligt, sucht Unterstützer. Wörtlich heißt es: „Und deshalb brauchen wir mehr Menschen, die sagen: Kontext ist mir’s wert.“ Weiter informiert die Redaktion: „Um es ohne Schnörkel zu sagen: Von derzeit 381 müssen wir bis zum 25. April auf 1000 AbonnentInnen kommen, die per Dauerauftrag monatlich 10 Euro oder mehr zahlen. Ohne diese Unterstützung müssen wir Ende April in der Stuttgarter Hauptstätter Straße den Rollladen runterlassen. Und zwar ohne Wenn und Aber.“

Sonntaz ohne Kontextseiten?

Die Sonntaz würde dann wieder ohne Kontextseiten erscheinen. Die taz druckt und vertreibt Kontext mit der Samstagsausgabe, und sie unterstützt die inhaltliche Arbeit auch finanziell. „Das reicht aber lange nicht, um weiterzumachen“, heißt es aus Stuttgart.

Das Leben geht weiter

Was täten dann bloß die Kontextseiten-Leser? Sie würden die Kontext:Wochenzeitung arg vermissen und sich hin und wieder vielleicht die Wochenendausgabe der Süddeutschen kaufen. Das Blog See-Online würde sich weiterhin über Werbebanner freuen, Beiträge auf See-Online würden oft mit heißer Nadel gestrickt, es bliebe weiterhin zu wenig Zeit, um bei fertigen Artikeln noch nach Fehlerteufelchen zu schauen, weil außer den Blogbeiträgen an langen Arbeitstagen auch PR-Texte verfasst werden müssen, um den Journalismus auf dem Blog quer zu finanzieren. Wir haben es uns aber selbst ausgesucht.

Hier geht es zu Kontext:Wochenzeitung http://www.kontextwochenzeitung.de/

Vor knapp einem Jahr berichtete See-Online schon einmal über die Kontext:Wochenzeitung. Damals las es sich so: http://www.aktuelles-bodensee.de/28497/am-bodensee-frisch-aufgeschlagen-die-kontextwochenzeitung-aus-stuttgart/

Foto: Screenshot Kontext:Wochenzeitung

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