Kunst am Abgrund – und mit Weitblick

Stefan Eberstadt setzt den Kommunikationsdesignern der Konstanzer HTWG ein Glashaus aufs Dach

Konstanz (red) Einen Glaskubus setzt der Münchner Künstler Stefan Eberstadt auf den Neubau der Konstanzer Studiengänge Kommunikationsdesign an der Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG). Im Wettbewerb konnte sich Eberstadt mit seinem Konzept der begehbaren Skulptur gegen die Konkurrenz durchsetzen. Schwindelfrei sollten Kunst-Nutzer aber schon sein.

„Anderer Blick“ auf Welt da unten

Die Erstbegehung wird auch für Stefan Eberstadt selbst nicht einfach: „Ich bin nicht schwindelfrei“, gesteht der Künstler, der sich auf die Verbindung von Architektur, Design und Kunst spezialisiert hat. Bereits in verschiedenen Städten hat er ein „Rucksackhaus“ an Hausfassaden angedockt, jetzt geht er in Konstanz einen Schritt weiter: Ein Glashaus soll auf das Dach des Neubaus für die Kommunikationsdesigner, eine überdimensionale Vitrine, die auf einer Höhe von rund 14 Metern über die Gebäudekante hinausragt. Wo sich räumlich Abgründe auftun, soll sich der Betrachter herausgenommen fühlen aus der Welt dort unten. Einen „anderen Blick“ auf die Dinge des Lebens erhofft sich Eberstadt vom Aufenthalt im „Freisitz“, so der Titel der Arbeit. Dieser Blick schweift ganz konkret über den Rhein, an dessen Ufer die Hochschule liegt. „Den Naturbezug finde ich ganz wichtig“, so Eberstadt. Ein massives Stück Natur holt er sich so auch hinein in die moderne Konstruktion aus teils farbigen Glasfenstern und Stahl: Platz nehmen darf der Besucher auf einem 600 Kilogramm schweren Findling, Gegenstück zur Leichtigkeit der sonstigen Arbeit. „Es reizt mich etwas zu tun, das nicht der Erwartungshaltung entspricht“, sagt der 49-Jährige.

„Freisitz“ mit signalhafter Wirkung

Ziel ist so auch zumindest teilweise die Irritation der Wahrnehmung. Im Blick hat Eberstadt dabei nicht nur den Betrachter im Inneren des Kubus, sondern auch alle anderen. Denn nicht nur aufgrund seiner räumlichen Exponiertheit wird der „Freisitz“ weithin sichtbar sein, nachts soll er als leuchtendes Zeichen einen markanten Punkt am linken Rheinufer von Konstanz setzen. Er ist von innen beleuchtet, balanciert auf einer Lichtstele, die „wie ein Aufzug“ nach oben führt. Eberstadts Kunst ist ohne Zweifel offensiv. „Signalhaft“ nennt er es selbst und verwehrt sich gegen den Begriff der Kunst „am“ Bau – so als gehe es nur darum, etwas bereits Bestehendes zu „verhübschen“. Eberstadt tritt mit der Architektur und den Architekten – in diesem Fall das Freiburger Büro Hotz und Architekten – in einen Dialog, will eingreifen nicht nur in räumliche, sondern auch in gesellschaftliche Prozesse. Damit positioniert er sich selbst in die Tradition von Bauhaus, der Ulmer Schule für Gestaltung und des Konstruktivismus, allesamt Kunstrichtungen, die viele Disziplinen integriert haben.

Passt zu Kommunikationsdesign

Dieser Ansatz passt besonders gut zu den fachlich vielfältigen Studiengängen Kommunikationsdesign, die unter dem Glashaus einziehen werden und die sich auf Ausflüge ins kleinste Stockwerk der Hochschule schon jetzt freuen: „Der Studiengang Kommunikationsdesign möchte auch bei der Kunst am Bau hoch hinaus und freut sich daher sehr darüber, dass der Entwurf ,Freisitz‘ von Stefan Eberstadt realisiert wird“, so der Dekan der Fakultät für Architektur und Gestaltung, Prof. Valentin Wormbs. Hochschulpräsident Dr. Kai Handel bestätigt: „Gerade Bildungseinrichtungen und wissenschaftliche Institutionen müssen mit Weitblick agieren. Auch dafür steht für mich Eberstadts Entwurf.“ Aufgesetzt wird das Zimmer aus Glas erst unmittelbar vor der Eröffnung des Gebäudes im Sommer 2011. Die Projektsteuerung hierfür obliegt als Bauherrschaft dem Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Konstanz.

Foto: HTWG Konstanz/Kunst am Bau Stefan Eberstadt

Ein Kommentar to “Kunst am Abgrund – und mit Weitblick”

  1. Fenedig
    28. Juli 2010 at 18:57 #

    Es ist ein tolles“Ding“ was da Stefan Eberstadt losgelöst auf das Dach des Kommunikationsdesign zimmert. Wenn es dann noch nachts „kommuniziert“, ist das geradezu im Sinne des Auftraggebers verstanden. Und mit dieser „Leichtigkeit des Seins“ kann das Objekt den neben der filigranen Mensa doch auffallend massig geratenen Baukörper – die Bauhäusler Gropius und Mies van der Rohe würden sich wohl eher im Grabe umdrehen! – etwas feiner definieren. Übrigens finden sich künstlerische Analogien ganz in der Nähe – an dem schon lange bestehenden studentischen „Europahaus“ der „Seezeit“ am Ende der Rheingutstrasse zum Schänzle hin.

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