Landesgartenschau 2020 in Überlingen nicht unumstritten

Oberbürgermeisterin muss Wahlkampf für Gartenschau Projekt machen

Überlingen (wak) Zum Thema Bewerbung der Stadt Überlingen für die Landesgartenschau 2020 steht auf der Homepage des Vereins Bürgersinn e.V. nur ein Satz: „Der Verein Bürgersinn empfiehlt Rückzug“. Mittlerweile hat sich die Stadt nicht nur beworben, sondern den Zuschlag für die Landesgartenschau 2020 erhalten. Entschieden ist deswegen aber offenbar noch längst nicht, ob die Schau in zehn Jahren tatsächlich in der Stadt stattfindet. Wahlkampf machen derzeit vor allem die Gegner.

Ja oder nein zur Landesgartenschau

Die Landesgartenschau 2020 könnte ein Kick Off für Überlingen, sagen Befürworter. „Sie ist wie die Olympischen Spiel für München“, meinte Hilmar Woernle, Chef des Stadtmarketings Konstanz, den See-Online um eine Einschätzung bat. Auch Daniela Pahl-Humbert, Geschäftsführerin des Internationalen Bodensee-Tourismus (IBT), sieht es ganz ähnlich. Oberbürgermeisterin Sabine Becker und Bürgermeister Ralf Brettin sprechen von der Chance, die Stadt in den kommenden Jahren nachhaltig zu entwickeln. Was sie nicht so laut sagen: Will die Stadt die Gartenschau stemmen, muss sie sich aber gewaltig anstrengen. Überlingen wird dank der Landesgartenschau zwar Zuschüsse aus Stuttgart in Millionenhöhe erhalten, die die Stadt sonst nicht bekäme. Einen Teil muss sie aber auch selbst bezahlen.

Beckers Millionen Rechnung

Veranschlagt sind bisher Investitionen von 10,8 Millionen Euro in Dauerprojekte. Fünf Millionen Euro davon kommen voraussichtlich vom Land. Diese Zahlen nannte Oberbürgermeisterin Sabine Becker bei einem Gespräch vor einigen Wochen. Für die Durchführung der Landesgartenschau muss die Stadt weitere acht Millionen Euro in die Hand nehmen. „80 Prozent sind refinanzierbar“, glaubt Oberbürgermeisterin Sabine Becker. Überlingen biete sich zum Beispiel auch die Chance, die Bahnhofstraße vom See wegzuverlegen, sagte Becker.

Landesartenschau als Stadtentwicklungsprogramm

Johann Senner, der mit seiner Planstatt die Stadt bei ihrer Bewerbung unterstützt hatte, sagte: „Landesgartenschauen sind Stadtentwicklungsprogramme.“ Der international erfolgreiche Landschaftsplaner erklärte, die Landesartenschau in Überlingen habe eine „Lokomotivfunktion“ für den Bodensee. Hilmar Wörnle sieht freilich eine viel geringere Strahlkraft. Die Chance, eine 50-prozentige Co-Finanzierung für Dauerausstellungsprojekte zu erhalten, sei einzigartig, meinte Senner. Klar sei auch, dass in den kommenden Jahren Vorhaben in Überlingen, was Landeszuschüsse angehe, bevorzugt behandelt würden.

Politische Entscheidung noch nicht gefallen

Udo Pursche SPD-Stadtrat sieht in der Landesartenschau vor allem eine Chance. Überlingen könnte Projekte verwirklichen, die anlässlich der IGA 2017 geplant waren, sagte Pursche. Die große Mehrheit im Gemeinderat sei für die Landesartenschau gewesen. Bisher hätten die Räte aber nur signalisiert, Überlingen hat Interesse. Der Zuschlag ist jetzt da, aber noch lange sei nichts entschieden, sagte Pursche.

Gegner informieren auf Wochenmärkten

Wahlkampf machen bisher vor allem die Gegner des Projekts. An den vergangenen Samstagen, den letzten beiden im Juli, informierte der Verein Bürgersinn auf dem Überlinger Wochenmarkt. Der Verein Bürgersinn sammelte Unterschriften. Repräsentativ dürfte das Ergebnis nicht sein, aber immerhin 375 Überlinger sagten bei der Befragung nein zur Landesgartenschau, während nur 24 mit ja stimmten. Diese Zahlen nannte Henning von Jagow vom Bürgersinn. In den Gesprächen habe sich gezeigt, dass die Bürger die Projekte nicht so attraktiv finden, sagte von Jagow. Er sieht vor allem die vielen Millionen, die die Stadt für die Landesartenschau ausgeben müsste als Haupthindernis. 800.000 Besucher und 1000 Busse pro Monat wie in Villingen-Schwenningen schrecken Henning von Jagow und seine Mitstreiter, zu denen zum Beispiel auch LBU-Stadträtin Sybilla Kleffner gehört. Überlingen habe doch einen Stadt- und einen Badgarten, eine Promenade, Blumen und eine historische Stadt, sagt von Jagow. Daran, dass das Verkehrsproblem in zehn Jahren gelöst ist, glaubt er offenbar nicht unbedingt.

Hans-Peter Wetzel äußert Bedenken

Der FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Peter Wetzel, der auch im Kreistag des Bodenseekreises sitzt, zählt ebenfalls nicht von vornherein zu den Befürwortern einer Landesartenschau 2020 in Überlingen. „Ich sehe es etwas kritisch“, sagte Wetzel See-Online. Wetzel äußert sich vor allem aus finanziellen Gründen vorsichtig. Er sagte: „Solange in Überlingen zwei Kindergärten in Containern untergebracht sind, der bauliche Zustand der Realschule bedenklich ist, das Landratsamt die Toiletten im Ostbad schließen ließ und dort jetzt ein Toilettenwagen steht und wenn ich mir Überlinger Straßen angucke, dann weiß ich, dass es Wichtigeres zu tun gibt als eine Landesgartenschau.“ Kontern und ihre Bürger vom Gegenteil überzeugen müsste jetzt eigentlich die Oberbürgermeisterin. Sie müsste Wahlkampf machen.

Foto: wak

4 Kommentare to “Landesgartenschau 2020 in Überlingen nicht unumstritten”

  1. mav
    4. August 2010 at 17:10 #

    Ich bin zwar ganz und gar kein FDP´ler, aber da muss ich Herrn Wetzel absolut recht geben.

    Allein in den Ferienwochen herrscht in Überlingen das blanke Verkehrschaos, und es geht zu „wiad Sau“.

    Noch mehr Verkehr oder Touristen verkraftet ÜB doch gar nicht.

    Und zu aller erst sollte man tatsächlich sich um die wichtigen Dinge kümmern, Kindergarten und Schule nur zwei davon.

  2. henning von jagow
    7. August 2010 at 11:27 #

    diesen Artikel habe ich mit Interesse gelesen und finde die Information für die nicht unmittelbar mit dem Thema kundigen Bürger als nützlich. Ein Problem habe ich allerdings mit Ihrer Darstellung „Auf der Homepage des Vereins Bürgersinn steht nur ein Satz: Der Verein Bürgersinn empfiehlt den Rückzug“ Das vermittelt leicht den Eindruck, als hätten wir keine sachlichen Argumente gehabt.

    Tatsächlich steht in unserer Homepage: Angst vor zu hohen Kosten Der Verein Bürgersinn empfiehlt Rückzug
    Auch der Bund der Steuerzahler ist kritisch

    Zu den Kosten: Diese kommen klarer heraus durch einen Brief der Stadt an uns vom 12.07.10.

    Daueranlagen 10.8 Mio, €
    Verlegung Bahnhofstraße 1.4 Mio.
    Ausstellungshaushalt 8.0 Mio.
    Summe 20.2 Mio. .

    Als verbleibenden Anteil der Stadt wird ausgesagt:

    Daueranlagen 5.8 Mio. €
    Verlegung Bahnhofstraß4 0,7 Mio.
    Ausstellungshaushalt 1.6 Mio.
    Summe 8,1 Mio.

    Das Gesamtprojekt kostet also über 20. Mio. €, wobei damit heute gerechnet wird, dass 8,1 € Mio. an der Stadt hängen bleiben.

    Bei den Kosten für die Straßenverlegung handelt es sich aber um die preisgünstige Variante, die vom Gemeinderat noch nicht beschlossen ist. .
    Außerdem sind die Kosten für die Verlegung des Thermeparkplatzes unter die Erde darin nicht enthalten.
    Ob die Vorhersage der Kosten tatsächlich so erreicht d. h ob diese nicht höher ausfallen und die Einnahmen niedriger. ist angesichts der Erfahrungen mit anderen Projekten völlig offen. .

  3. loewe
    7. August 2010 at 14:05 #

    Im Vergleich dazu kostet in etwa eine Tunnellösung, die nahezu sämtliche der Überlinger Verkehrsprobleme lösen könnte, rund 30 Mio. €. Bei ca. 70% Zuschuss vom Land wären es dann noch ca. 9 Mio € Kosten, die die Stadt tragen müsste. Wäre es evtl. nicht angebrachter im Zuge einer langfristigen Stadtentwicklung für Überlingen, seine Ressourcen und Gelder in solch ein Projekt zu investieren?
    Evtl. würden sich hierzu auch Investoren finden lassen. In Überlingen dürfte es genügend wohlhabende Leute geben, die evtl. wie Warren Buffett denken.

  4. sparring
    7. August 2010 at 16:22 #

    Die Kassensturz-Sicht von „Bürgersinn“ ist zwar richtig, aber nur die eine Seite der Medaille. Denn vielleicht finden sich zur Mitfinanzierung doch noch großzügige Sponsoren.

    Viel schlimmer wäre m.E. – ich wiederhole mich – die geplante Sperrung der Alt-und Innenstadt in den Grenzen von 1630 (tief-stes Mittelalter). Nach Vorstellung der sogenannten Faupel&Co-Initiative sollen nämlich alle 4 Hauptstraßen zur Kernstadt hin „amputiert“ werden, – nichts geht mehr von West nach Ost und umgekehrt. Die Weststadt mit Landesgartenschau wäre dann wie ein „Appendix“ (städtischer Blinddarm)in vollem Entzündungs-stadium. Und wie / wo sollten im engen Westen rund um Therme und LGS ausreichend Parkplätze für die hunderttausende von auswärtigen Besuchern angesiedelt werden ?

    Solche Verkehrs-Schnapsideen kann sich Überlingen kein zweites Mal leisten, – die verkorkste Verkehrsführung rund ums „Dorf“ aus 2008/09 ist für die aktuellen Jahre Zumutung genug.

    Übrigens, alle nahegelegenen Städte wie Friedrichshafen, Kon-stanz, Ravensburg und Meersburg haben breite, innenstadtnahe Verbindungsstraßen rund um ihre beruhigte Altstadt herum. Überlingen brauchte stattdessen einen Tunnel o.ä., der der Stadt und den Menschen langfristig mehr nutzte als eine LGS.

    — sparring —

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