Landesminister Stickelberger in Konstanz: Keine Antwort aus Osaka

2.000 Empörte protestierten in Konstanz gegen Takeda-Entscheidung – Von der Würde der Menschen und Milliardengewinnen

Konstanz. „Mitten im Bauch des Wals, im Kapitalismus, dürfen wir nicht resigieren“, appellierte Theaterintendant Christoph Nix als einer der letzten Kundgebungsredner vor 2.000 Empörten auf der Konstanzer Marktstätte. Vom Konzil aus waren die Protestierenden, unter ihnen Landesminister Rainer Stickelberger (SPD), Landrat Frank Hämerle, die Oberbürgermeister von Singen und Konstanz, Oliver Ehret und Horst Frank, die Prorektorin der Uni Konstanz, Katharina Holzinger, sowie Kirchenvertreter zunächst zum Münsterplatz gezogen. Nach eineinhalb Stunden erreichte der Zug schließlich die Marktstätte.

Japanische Schriftzeichen

Einige Demonstranten hielten Transparente mit japanischen Schriftzeichen nach oben. Dass die Entscheider in Japan die mehr als zweistündige Protestaktion in Konstanz, auch nur zur Kenntnis nehmen, dürfte aber unwahrscheinlich sein. Nicht einmal auf ein Schreiben der grün-roten Landesregierung in Stuttgart hatten die Japaner geantwortet. Das sagte der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD). Der Landesminister überbrachte die Solidaritätsbekundung der Landesregierung, namentlich auch von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Wirtschaftsminister Nils Schmid.

Entscheidungen in Osaka gefallen

Stickelberger sagte, die Landesregierung könne heute nicht viel ausrichten. Er sagte aber, die Regierung sei entsetzt darüber, wie hochqualifizierte Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze verlieren. „Diesen Verlust können und werden wir nicht hinnehmen“, sagte Stickelberger. „Sie dürfen nicht das Opfer sein für rein profitorientierte Unternehmenspolitik.“ Die Landesregierung trete den Absichten von Takeda entschieden entgegen. Er sagte: „Leider fallen die Entscheidungen nicht in Konstanz oder Stuttgart, sondern in Osaka.“

Menschen vor Profit oder Profit vor Menschen

Betriebsratsvorsitzender Rolf Benz, der der erste Kundgebungsredner war, erklärte: „Das Problem ist, dass die Politik das Primat über die Wirtschaft verloren hat.“ Die Wirtschaft sollte den Menschen dienen. Die Menschen dienten aber der Wirtschaft und den Fabriken. Er rief den Zuhörerinnen und Zuhörern zu: „Menschen vor Profit.“ Weiter kritisierte der Betriebsratsvorsitzende von Nycomed, dass es keine Leitplanken gebe. Nach drei Sozialplänen, die er ausgehandelt habe, wisse er was ihn in der ersten Verhandlungsrunde erwarte. Er appellierte an den japanischen Konzern: „Legen Sie Angebote für Weiterbeschäftigungen in Konstanz vor.“ Rolf Benz kämpft jetzt für einen Sozialplan und eine Transfergesellschaft, die noch nicht einmal sicher ist.

Landrat spricht vom Vollstrecken

Frank Hämmerle, der nach einer Augen-OP mit Augenklappe, vor den 2.000 Kundgebungsteilnehmern sprach, gab sich kämperisch. Hämmerle redete stellvertretend für alle Politiker aus der Region, Bundes- und Landtagsabgeordnete, auch für Landesminister Peter Friedrich und die Oberbürgermeister aus Singen und Radolfzell. Hämmerle stellte fest: „Es war keine kluge Entscheidung von Takeda, Konstanz zu verlassen.“ Hämmerle erklärte: „Wir sind empört und wütend über das, was hier vollstreckt wird.“ Der Landrat, sagte: „Wir fordern einen verbesserten Sozialplan und angemessene Abfindungen. Da der Verkaufspreis der Konstanzer Pharmaunternehmens fünf Milliarden über dem Einkaufspreis von vor fünf Jahren lag, müssten die Summen eigentlich gewaltig sein. Hämmerle schaute aber auch nach vorn und verlangte „gute Konditionen für die Anschlussnutzung von Takeda-Immobilien.

Konstanzer OB über Milliarden Gewinne

Der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank sprach von einem „schwarzen Tag für Konstanz“. In seinem letzten Amtsjahr muss er zur Kenntnis nehmen, dass Milliarden in Unternehmenskassen geflossen sind, die Menschen aber die Dummen sind. Frank sagte, es sei ein Skandal, dass ein Standort allein finanziellen Interessen und kurzsichtiger Gewinnoptimierung geopfert werde. Der OB versprach, Seite an Seite zu schreiten.

Universität zeigt sich solidarisch

Auch aus Sicht der Universität ist das Aus für die Forschungsabteilung in Konstanz ein schwerer Schlag. Prorektorin Katharina Holzinger sagte vor den mittlerweile nicht nur der Kälte am Dienstagnachmittag wegen Frierenden: „Die Universität Konstanz bedauert die Schließung des Forschungsstandorts ganz außerordentlich.“ Das Unternehmen sei ein „hervorragender Ort biologischer und pharmakologischer Forschung“ gewesen. Ein Verbindungsglied zwischen Uni und Unternehmen ist auch eine Stiftungsprofessur. „Die Forscherinnen und Forscher werden alles tun, um Sie zu unterstützen“, so Katharina Holzinger.

Kein Mitgefühl nirgends

„Hallo Tokio“, rief der Konstanzer Theaterintendant Christoph Nix den Zuhörern zu. Er sagte: „Nichts geht, nichts geschieht, kein Mitgefühl nirgends.“ Solidarität sei ein „müdes Wort“. Angestellte seien keine Helden und keine Samurai. Er rief die Beschäftigten und die ganze Region auf zu kämpfen.

Predigt vor dem Konstanzer Münster

Angesichts existenzieller Ängste dürfte aber nicht allen 700 Männern und Frauen, die ihre Arbeitsplätze aufgrund einer strategischen Entscheidung mutmaßlich im fernen Japan verlieren, zum Kämpfen zumute sein. Vor dem Konstanzer Münster sprach der evangelische Pfarrer Heinz Freudenberger vom „persönlichen Leid“. Das Kreuz sei ein Symbol des Leidens und der Hoffnung, sagte der Pfarrer, als die Singener das Kreuz der Arbeitslosigkeit an die Konstanzer übergeben haben. Der Pfarrer sagte vor dem Hauptportal des Münsters: „Arbeitslosigkeit verletzt die Würde.“ Leben drohe aus dem Gleichgewicht zu geraten. Zusammen mit den Kundgebungsteilnehmern betete der Pfarrer: „Herr erbarme Dich.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6 Kommentare to “Landesminister Stickelberger in Konstanz: Keine Antwort aus Osaka”

  1. Fafnir
    24. Januar 2012 at 20:59 #

    Man hätte auch degegen demonstrieren können, dass Wasser bergauf fließen soll. Wo sind eigentlich immer die Empörten, wenn es darum geht, Firmen in Deutschland durch Auflagen zu gängeln und aus dem Land zu treiben? Die Genforschungsabteilung der BASF geht, weil sie in den USA ungestört forschen können. Und grüne Politiker äffen dem Konzern auch noch nach, daß sie ruhig gehen sollen. Denn die Europäer wollen angeblich keine Gentechnik. Takeda geht, weil die Auflagen im Forschungsbereich unerträglich geworden sind. Hat der Deutschlandchef selber gesagt. Ein Konzerthaus wird hier vornehm verhindert. Den Konstanzer Wirten werden Schirme und Heizpilze verboten. Man schimpft auf die Schweizer und die raffgierigen Einzelhändler. Ein pfiffiger Pächter einer Araltankstelle, der wegen dem Alkoholverbot ein Bistro aus seiner Tankstelle machte, werden nur Steine in den Weg gelegt. Die Rüstungsindustrie am Bodensee soll vertrieben werden. Die Konstanzer, die Holidaycheck gegründet haben, haben sich nicht grundlos in Kreuzlingen niedergelassen. Würth baut nicht grundlos seine Zentrale und sein Schulungszentrum in Rorschach. Jeder fünfte Betrieb in Deutschland will gehen oder Teile ins Ausland verlagern. Vor allem wegen den hohen Energiekosten und der unsicheren Energieversorgung. Jährlich gehen in Deutschland 30.000 Unternehmen in die Insolvenz. Empört sich da einer? Ich höre nichts. Nicht jeder wird so mit Steuergeldern gepudert, wie ein Stadtheater oder die Solarbranche. Und überhaupt: Ein grünes Jobwunder sollte über uns kommen und ein ökologisches Wunderland aufscheinen, das auf Atomkraft verzichtet und gleichzeitig Vorreiter beim Klimaschutz sein würde. Linksgrüne Gängelein treiben die Unternehmen aus dem Land und was haben wir davon? Nichts. Gleichzeitig jammern wir über soziale Kälte. Grundlos! Denn Deutschland ist nach Schweden das Land auf der Welt, das am meisten Geld für soziale Wohltaten ausgibt.

  2. Hiob
    24. Januar 2012 at 21:24 #

    Herr Hämmerle,

    sollte, auch wenn er grade nur auf einem Auge sehn kann, sich die Zahlen nochmal genauer ansehn. Die vermeintlichen 5 Milliarden Differenz zwischen dem Kaufpreis den Nycomed für die Altana bezahlt hat und den 9.6 Milliarden welche die Takeda zahlte sind nicht Profit sondern auch der Tatsache geschuldet das die Altana kleiner war als die Neue Nycomed welche ja Altana und alte Nycomed ausmachte.

  3. Satansbraten
    25. Januar 2012 at 09:40 #

    Die Grünen betreiben eine Politik des Steinzeit –
    Kommunismus. Genauso wie die Roten Garden oder
    Pol Pot. Umbringen tun die Grünen sicherlich niemand
    aber sie werden erreichen, daß Unternehmen hier die
    Region verlassen.
    Ein wichtiger Grund weiterhin; Die „unsichere“ Strom-
    Versorgung. Jede kleinste Schwankung bewirkt bei
    den Unternehmen Millionschäden.
    Wurde das von des Müslis bedacht?
    Und sogar ein Minister kam jetzt sogar auf die
    Schwierigkeiten zu sprechen. Und er könnte sich
    sogar vorstellen,daß 2015 wieder Atomkraftwerke
    ans Netzt gehen.

  4. Satansbraten
    25. Januar 2012 at 10:11 #

    Immer sehen Sie Diffamierungen. Nennen Sie doch
    Beispiele. Ansonsten wäre auch eine Möglichkeit mich
    hier zu streichen.

    • wak
      25. Januar 2012 at 10:21 #

      Was außer Diffamierung wäre denn eine passende Bezeichnung für Anwürfe wie Steinzeit Kommunismus in Zusammenhang mit den Grünen? Nehmen Sie doch Ihre Maske ab – oder können Sie nicht zu dem stehen, was Sie hier behaupten?

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