Langer Schatten des sexuellen Missbrauchs fällt über den Bodensee

Schulleitung von Schule Schloss Salem brachte zwei weitere alte Fälle zur Anzeige

Überlingen/Salem/Gaienhofen (wak) Berichte über sexuellen Missbrauch erschüttern in der Karwoche weiterhin auch die Bodenseeregion. Die Schule Schloss Salem, das Internat Gaienhofen, die Klosterkirche Birnau und die Münsterpfarrei Überlingen waren in der Vergangenheit entweder Tatorte oder aber Mitarbeiter der Schulen oder Pfarreien haben sich wegen sexueller Übergriffe schuldig gemacht. Noch nicht alle Fälle sind restlos geklärt.

Schule Schloss Salem richtet Ombudstelle ein

Auch eine Woche vor Ostern ist die Schule Schloss Salem weiterhin mit der Aufklärung und der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs beschäftigt. Erneut hat die Schule in einer Mail an die Medien „rückhaltlose Aufklärung“ versprochen. Ab sofort werde es an der Eliteschule eine Ombudstelle geben. Zwei Ärzte und ein psychotherapeutisch geschultes Team stehen möglichen Opfern zu einem vertraulichen Gespräch zur Verfügung, erklärte die Schule. Melden könnten sich Betroffene, die unter den „Handlungen von Salemer Lehrern und Erziehern“ zu leiden hatten, heißt es in der Mitteilung der Schule weiter. Die Kontaktdaten sind am heutigen Montag an derzeitige und ehemalige Schüler, an Eltern und Lehrer verschickt worden.

Äußerungen von Bernhard Bueb korrigiert

Weiter kündigte die Schule an, das Kollegium der Schule unterstützen zu wollen, wenn es um das „rechte Maß zwischen persönlicher Nähe und professioneller Distanz in der Internatserziehung“ gehe. Orientierung geben soll dem Kollegium eine Weiterbildung zum Themenkomplex „Grenzsituationen im Schul- und Internatsalltag“. Korrigiert worden sind mittlerweile auch Darstellungen des ehemaligen Schulleiters Bernhard Bueb. Ein Strafverfahren gegen einen 24-jährigen Assistenten wurde demnach nicht eingestellt. Vielmehr sei der Täter zu einer mehrmonatigen Bewährungsstrafe und einer Geldzahlung verurteilt worden. Aktuell habe laut Schule Schloss Salem in der vergangenen Woche ein pädagogischer Mitarbeiter der Schule um seine Entlassung gebeten. Der Mitarbeiter habe wegen „distanzlosen Verhaltens gegenüber einem Jugendlichen“ selbst Konsequenzen gezogen, teilte die Schule mit. Der Fall sei der Staatsanwaltschaft zur Prüfung übergeben worden, heißt es weiter. Auch habe die Schule zwei weitere, jeweils mehr als 20 Jahre zurückliegende Fälle, zur Anzeige gebracht.

Vorkommnisse auch auf der Höri und in der Birnau

Doch Salem ist nicht der einzige Ort, der am Bodensee zum Tatort wurde: So hatte sich zum Beispiel auch der Schriftsteller Bodo Kirchhoff zu Wort gemeldet. Der Autor erklärte, wie Medien berichteten, er sei 1960 als 12-jähriger Schüler im evangelischen Internat Gaienhofen auf der Höri von seinem Religionslehrer wiederholt missbraucht worden. Auch die Klosterkirche Birnau blieb kein weißer Fleck und die Idylle war trügerisch. Der Beschuldigte war in diesem Fall ein Pater. Verfehlungen des Priester, der wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurde, gab es in Mehrerau in Bregenz, in der Birnau und in der Schweiz, an den Orten, an denen der Kirchenmann jeweils tätig war.

Überlingen erinnert sich an einen Fall

In Überlingen hatte sich in früheren Jahren ein Vikar des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht. Der Mann wurde damals verurteilt. Der Fall liegt bereits so lange zurück, dass er noch nicht in die Amtszeit von Münsterpfarrer Hansjörg Weber fiel und auch die Staatsanwaltschaft aktuell keinen Zugriff mehr auf die Akten hat. Der Täter erhielt, so geht es aus seiner Vita hervor, die Priesterweihe, war Gemeindeseelsorger und Dekanatsjugendseelsorger. Später wechselte der Kirchenmann zum Caritasverband der Erzdiözese Freiburg. Er dürfte laut Stellenbeschreibung heute zumindest beruflich keinen Kontakt mehr zu Kindern und Jugendlichen haben.

Frühere Bürgermeisterin Margarita Kaufmann noch im Amt

Die österliche Bußezeit endet in wenigen Tagen. Die Zeit, aufzuatmen, ist aber offenbar noch lange nicht gekommen. Mit einer Ausnahme vielleicht: Am vergangenen Samstag sind fünf von sieben Vorstandsmitgliedern der Odenwaldschule in Hessen zurückgetreten. Sie zogen damit Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen an der Schule. Nur ein Geschäftsführer und die Schulleiterin Margarita Kaufmann, frühere Bürgermeisterin in Friedrichshafen, gaben ihre Vorstandsposten nicht zurück.

Foto: wak

Ein Kommentar to “Langer Schatten des sexuellen Missbrauchs fällt über den Bodensee”

  1. dk
    29. März 2010 at 22:15 #

    Da ich einige Jahre in Harz/S-Anhalt gelebt und eher nebenbei gegen Ende etwas von einer speziellen Musikschule und einen überregional bekannten Chor erfahren habe, bin ich erleichtert, dass es noch „Regionen ohne Missbrauch“ gibt.

    Kammerchor Wernigerode – Ein Chor über ganz Deutschland verteilt
    http://www.kammerchor-wernigerode.de/?page_id=5

    LandesGymnasium für Musik Wernigerode
    http://www.landesgymnasium.de/inhalte/lgm/gymnasium.shtml

    Falls in KN demnächst Räumlichkeiten frei oder neu geschaffen werden sollten und Lust auf Grenzenlosigkeit besteht, könnte man in Kooperation mit der CH viele sprachliche Differenzen musikalisch beheben und neue Sprachen dazu lernen (z.B. italienisch, spanisch, französisch).
    Der oben erwähnte Kammerchor wird es verschmerzen, wenn einige Mitglieder die Reise dann nach KN antreten („…und deshalb ist der Chor inzwischen über 13 Bundesländer verstreut….“).

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